10. November 2018

Heimat: “Streiten”

Foto: David Heitz

Was wäre die Welt nur ohne Bücher?

Grüne Wiesen, gackernde Hühner und aufgescheuchte Gänse: Ich bin in einem minikleinen Dorf groß geworden. Dort gab es viel Landwirtschaft und noch mehr Ruhe. Wer aber zum Supermarkt oder zum Schlecker wollte, musste ins Nachbardorf fahren. Wir hatten nur einen Tante-Emma-Laden, einen Metzger und ein griechisches Restaurant, das bis heute direkt neben der Tischtennishalle liegt – ideal für die Absacker nach dem harten Ping-Pong-Training. Brezeln buk der Dorfbäcker nur dienstags, Schokobrötchen freitags. Ich lernte früh, mich über die kleinen Dinge zu freuen. Kaiserbrötchen mit Schaumküssen gab es zum Glück immer. Saure Daumen und Colafläschchen auch.

Aber das Wichtigste für mich: Die kleine Bücherei, die sich ein wenig hinter dem Rathaus versteckte. In dem gemütlichen Fachwerkhaus stapelten sich auf zwei Etagen Bücher. Romane, Krimis, Bildbände. Kaum konnte ich einige Sätze fließend lesen, schleppte mich meine Mutter dorthin. Es war meine Tür zur großen Welt. Dort ging ich stundenlang verloren. Innerhalb weniger Jahre hatte ich mich kreuz und quer durch die Kinderbücher gelesen, griff dann schon im Grundschulalter zu Werken für Jugendliche, die meinen Kopf gewaltig ins Rattern brachten.

Warum schweigen so viele Menschen?

Mit etwa zehn Jahren fiel mir „Die letzten Kinder von Schewenborn“ in die Hände. Unvorbereitet las ich vom Atomkrieg, von den vielen Leichen am Wegesrand und den Überlebenden, die im Krankenhaus elendig an Blutkrebs krepierten. Noch heute, mehr als 20 Jahre später, habe ich einzelne Textpassagen genau im Kopf. Die Angst vor einem Krieg wuchs damals ins Unendliche. „Das wird nicht passieren“, beruhigte mich meine Mutter Mitte der 90er-Jahre. Die Welt ist heute eine andere, meinte sie.

Wenn ich mir in diesen Wochen die Nachrichten anschaue, bin ich mir da nicht mehr so sicher. Die USA, Ungarn, Brasilien. Immer mehr Länder werden von unberechenbaren Herren regiert. In Deutschland arbeitet die Große Koalition munter daran, dass keiner mehr die Politik ernst nimmt. Machtspiele, persönliche Vorteile, Seilschaften mit Lobbyisten. Das Gemeinwohl steht an letzter Stelle. So macht es zumindest den Eindruck.

In unserer Bevölkerung ist die Stimmung gekippt. Nicht nur im Osten. Allein in meinem Heimatdorf wählten bei der letzten Bundestagswahl mehr als 20 Prozent die AfD. In einem Dorf, in dem Vollbeschäftigung herrscht, nahezu jeder ein großes Haus hat und lediglich neun geflüchtete Menschen landeten. Trotzdem haben die Menschen Angst. Und die große Mehrheit schweigt.

Warum?

Warum schweigen so viele? Konflikte lösen sich nicht einfach auf wie Seifenblasen. Es ist doch unsere gemeinsame Gesellschaft, in der jeder von uns lebt.

Selbst denken: erwünscht!

Als ich in meiner Jugend die ersten Bücher über den Zweiten Weltkrieg las, die ersten Dokus darüber schaute, habe ich mich oft gefragt, wie es passieren konnte, dass Hitler an die Macht kam, wie Menschen das zulassen konnten. Ihm reichten 1933 insgesamt 39,5 Prozent der Stimmen, um seinen Vernichtungszug zu starten. Die Vorurteile gegen Flüchtlinge, das Aufkommen der rechtsradikalen Parteien. Ich sehe derzeit viele Parallelen. Es darf nicht passieren, dass bei uns die breite Mitte noch mehr kippt und der AfD etwas Ähnliches gelingt.

„Du kannst immer deine eigene Meinung haben, du musst sie nur begründen können“, das haben mir meine Eltern schon früh gesagt. Was sie wählen, dagegen nicht. Obwohl Politik immer ein Thema am Frühstückstisch war. Aber ich hatte stets die Freiheit selbst zu überlegen, was finde ich gut, was nicht. Erst seit wenigen Jahren tauschen wir uns offen darüber aus – und sind nicht immer einer Meinung. Aber das ist okay. Was uns eint, ist unsere strikte Ablehnung der AfD.

Großer Hegel-Fan!

Streiten finde ich wichtig. Solange der Austausch konstruktiv ist und nicht persönlich verletzend wird. Großer Fan bin ich von Hegels Dialektik. These, Antithese, Synthese. Fest glaube ich daran, dass nur durch einen Diskurs Besseres entstehen kann. Und dass es keineswegs schlimm ist, unterschiedlicher Meinung zu sein. Vergiftend ist doch nur ein Klima, in dem Menschen zu feige sind, offen zu kommunizieren, sei es im alltäglichen Miteinander, im Freundeskreis oder im Büro. Wie sollen Konflikte kleiner werden, wenn Dinge nicht angesprochen werden, sondern nur in einer Mikroblase oder hinter dem Rücken der Betroffenen thematisiert werden? Es braucht den konstruktiven Austausch, die Konfrontation, die Kommunikation. Auch wenn es manchmal wehtut, aber wer sich selbst nicht hinterfragt, bleibt auf der Stelle.

Und hat Hannah Arendt nicht so recht, wenn sie sagt, dass erst das Denken einen Menschen zum Individuum macht, und die Verwirklichung des eigentlichen Menschseins erst durch das Handeln im öffentlichen Raum des Politischen geschieht?!

Die Druckschrift: für eine lebendige Streitkultur

Selbst gestalten, statt passiv zuschauen: Ich möchte in meinem Mikrokosmos selbst etwas tun. Deshalb habe ich mich entschieden, bei der Druckschrift mitzumachen und politisch zu schreiben. Es ist mir eine Herzensangelegenheit. Für eine lebendige Streitkultur, fair und mit Respekt.

Grüne Wiesen, gackernde Hühner und aufgescheuchte Gänse: Ich bin in einem minikleinen Dorf groß geworden. Dort gibt es bis heute viel Landwirtschaft und Ruhe. Wer zum Supermarkt möchte, muss nach wie vor ins Nachbardorf fahren. Nun schließt in meinem Heimatdorf aber auch noch die Sparkasse, selbst der Geldautomat wandert ab. Die Welt verändert sich, ich hoffe, es gibt keine Wiederholung.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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