26. November 2018

Schmöker: “Die Stunden” von Michael Cunningham

Wunderbar: „Die Stunden“ von Michael Cunningham

Es war ausgerechnet ein Abend mit Netflix, der mich zum Roman „Die Stunden“ von Michael Cunningham brachte. Wahllos hatte ich nach einer unkomplizierten Unterhaltung gesucht und war so auf den Film „The Hours“ gestoßen. 97 Prozent Übereinstimmung mit meinen Interessen, hatte der Streaming-Dienst errechnet. Okay. Der Algorithmus muss es ja wissen. Ich klickte auf Play – ohne eine Ahnung zu haben, was auf mich zukommen wird.

Innerhalb nur weniger Minuten wusste ich bereits: Perfekt, das ist genau meins. Drei Geschichten von drei Frauen, die in unterschiedlichen Jahrzehnten und an unterschiedlichen Orten leben, aber alle über eine Gemeinsamkeit miteinander verbunden sind – über “Mrs Dalloway” von Virgina Woolf.

Prominent besetzte Verfilmung

Verwundert war ich außerdem über die prominente Besetzung, die da plötzlich über meinen Laptop-Bildschirm spazierte. Nicole Kidman, Julianne Moore, Meryl Streep, Claire Danes. Ich drückte schnell auf Stopp. Was hat es mit diesem Film auf sich? Gibt es dazu eine Romanvorlage?

Ja! Die Internet-Suchmaschine spuckte schnell ein positives Ergebnis hervor. „Die Stunden“ von Michael Cunningham, ein mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetes Werk. Statt den Film weiterzuschauen, organisierte ich mir zuerst das Buch – und habe es innerhalb nur weniger Tage mit großer Freude gelesen.

Voller Details

Michael Cunninghams Roman verzaubert vor allem mit seiner wunderbaren Sprache. Jeder Satz ist bis ins kleinste Detail durchdacht, er lässt Bilder von absoluter Klarheit entstehen, die im Kopf einen sehr präzisen Film ablaufen lassen. Ein Beispiel:

„Sie nimmt ihren Morgenmantel, heller, meergrüner Frotteestoff, von dem frisch aufgepolsterten Sessel, und darunter kommt der Sessel zum Vorschein, breit und gedrungen, mit lachsrotem Stoff bezogen, der Höcker bildet, mit Kordeln verschnürt und mit lachsrotem Polsternägeln gebändigt ist, die ein Rautenmuster bilden.“

Ein Tag im Leben dreier Frauen

Der Roman beginnt mit einem Prolog über den Selbstmord von Virgina Woolf. In einem Abschiedsbrief an ihren Ehemann erklärt sie, warum sie in ihrem Freitod die einzige Lösung sieht. Danach folgen in den einzelnen Episoden Rückblenden an einen gemeinsamen Tag in ihrem Leben in den 1920er-Jahren. Von Stunden, die exemplarisch für das Gesamte stehen. Virgina Woolf kämpft an diesem beschriebenen Tag wieder mit ihren Stimmen im Kopf, sucht gerade den Plot für ihr neues Werk “Mrs Dalloway” und bekommt Besuch von ihrer Schwester und deren Kindern.

Auch bei den anderen beiden Frauen steht ein einziger Tag im Fokus. Laura Brown lebt in den 1940er-Jahren und liest gerade “Mrs Dalloway”, das erfolgreiche Buch von Virgina Woolf. Sie ist ebenfalls unglücklich mit ihrem Leben, immer wieder tauchen Selbstmordgedanken auf – obwohl sie gerade schwanger ist, einen kleinen Sohn und einen Ehemann hat, die beide sehr an ihr hängen.

Clarissa lebte Ende der 1990er-Jahre im pulsierenden New York. Ihr Freund Richard hat ihr den Spitznamen „Mrs Dalloway“ verpasst. An diesem Junitag ist sie dabei, ein Fest für ihn auszurichten. Richard soll einen Literaturpreis erhalten, ist aber schwer an AIDS erkrankt und vegetiert in seiner Wohnung vor sich hin.

Subtile Verbindungen, immer wieder

Obwohl die Frauen und ihre Leben so unterschiedlich sind, schafft es Michael Cunningham auf elegante Weise immer wieder, Verbindungen herzustellen: über die Literatur, den Kauf von Blumen, das Anrichten eines Festmahls – und über die Todessehnsucht, die dem Leben so diametral gegenübersteht.

Außerdem entblättert sich besonders in den Erzählungen von Clarissa erst auf langsame Weise ein gesamtes Bild über ihr Leben. Wie genau steht sie zu Robert, wer ist der Vater ihrer Tochter? All das kommt nach und nach ans Tageslicht, es ist dadurch eine sehr subtile Spannung, die entsteht, und mich das Buch nicht mehr weglegen ließ.

Eine Seltenheit!

„Die Stunden“ ist ein sehr leiser, unaufgeregter und liebevoller Roman. Michael Cunningham hat jedem seiner Charaktere soviel Respekt und Tiefe geschenkt, dass es eine Wohltat ist, dieses Buch zu lesen.

Als ich die letzte Seite zuschlug, klickte ich wieder den Play-Zeichen bei Netflix an, schaute den Film nochmals von vorne. Ihm gelingt eine Seltenheit: eine sehr würdige und ansprechende Umsetzung von Literatur.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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