23. Dezember 2018

Kurioses: “Markus”

Eine Airbnb-Unterkunft des Grauens

Markus. Bislang hatte ich keine bestimmte Assoziation mit diesem Namen, verband keine einzelne, ausgewählte Person damit. Es gibt mehrere Männer, die so heißen und mein Leben in den vergangenen Jahrzehnten gestreift haben, einer ist blond, der andere braunhaarig, ein weiterer ist bereits ergraut. Wenn ich den Namen also hörte, tauchte eine illustre Mischung aus allen Drei in meinem Kopf auf. Die Größe des Einen, vermischt mit dem Stil des Anderen, kombiniert mit dem Kopf des Dritten, so in etwa.

Dieser kunterbunte Mix hat sich seit meinem Zürich-Aufenthalt verabschiedet. Wenn ich nun Markus höre, schrillen bei mir alle Alarmglocken. Ein sehr spezifischer Herr blitzt in Sekundenschnelle vor meinen Augen auf, sehr deutlich sehe ich ihn vor mir: Das spitze Gesicht, die grauen, langen und dünnen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Geheimratsecken treffen auf Dreitage-Bart, ausgelatschte Fila-Schuhe auf speckiges Hemd, ein Dosenbier: sein steter Begleiter.

Dieser neue Stereotyp bietet in guter Zürich-Lage seine Wohnung bei Airbnb an. Das ist ja an sich noch nicht außergewöhnlich. Wie er das tut, aber schon.

Markus. Oder: eine multiple Persönlichkeit

Markus hat mehrere Identitäten. Das hat meine zwei Freundinnen und mich gleich zu Beginn der Reise äußerst verwirrt. Kontakt hatten wir eigentlich mit einem Herren namens Gabriel. Er schrieb sehr freundlich, erzählte uns etwas von einem Toaster und weiterem Krempel in der Küche. Schön, das klang alles gut. Wir sollten eine halbe Stunde, bevor wir in Zürich ankommen, seinem Freund Markus schreiben, teilte uns Gabriel mit. Markus würde uns von der Haltestelle Manesseplatz abholen und mit uns zur Wohnung laufen. Okay. Die Handynummer von Markus schickte uns der angebliche Gabriel gleich mit.

Sind wir schon da?

Was uns stutzig machte: Die Haltestelle lag nicht direkt bei der Wohnung, die uns Airbnb auf der Karte anzeigte. In Zürich regnete es, ein längerer Fußmarsch mit Koffern und Regenschirmen stand auf unserer Prio-Liste nicht besonders weit oben.

Dann nochmals eine Planänderung: Nicht am Manesseplatz, sondern direkt in einer Wohnung wollte uns Markus treffen. Why? Genervt klingelten wir dort, es regnete in Strömen. „Kommt rein, ich bin Markus“, meinte der Mann, der uns öffnete. „Ihr seid schon da.“

Völlig Verwirrung herrschte bei uns. Hatten wir nun eine andere Wohnung? Das war nicht die richtige Adresse. Aber als er uns ins Zimmer führte, war es genau das, was auch auf den Airbnb-Fotos zu sehen war. Der Stuck an der Decke, der tolle Dielenboden, das große Bett.

Hä?

Markus zeigte uns alles, verabschiedete sich dann. „Bis später“, sagte er. Wieder Verwirrung. Wohnt er auch hier? Und wem gehören die Jacken, die an der Garderobe hängen? Leben hier noch weitere Menschen?

Ja, einige sogar. Wir waren in einem Hostel in Mini-Form gelandet, das heißt: acht Personen untergebracht auf etwa 60 Quadratmetern, verteilt auf drei Zimmer, die mehr oder weniger groß waren. Und Markus war der Chef dieses wuseligen Formats. Sein Deckname Gabriel und die falsche Adresse: notwendige Maßnahmen um seine Airbnb-Einnahmen nicht versteuern zu müssen.

Wie im Bahnhofsklo!

Wir stellten unsere Koffer ab und gingen auf Besichtigungstour – das Mini-Bad empfing uns nicht besonders freundlich. Ein Geruch hatte sich dort ausgebreitet, der mir maximal vom Bahnhofsklo bekannt ist. Mein Magen drehte sich einmal um. Klopapierrollen lagen außerdem auf dem Boden, ausgedrückte Zahnpasta-Tuben daneben. In dieser Wohlfühloase duschen? Wie soll das bei diesem Gestank gehen? Und ein einziges Bad für alle Menschen in dieser Wohnung? Herzlichen Glückwunsch. Wellness mal anders.

Auch die Küche: Minimalismus in Perfektion. Ein spartanischer schwarzer Ikea-Tisch, kaum Besteck, nur wenige Gläser. Ein Toaster: nicht vorhanden. Die Fenster waren alle verriegelt, die Jalousien nahezu komplett unten. Was ist hier los? Was herrscht hier für eine Gefängnis-Stimmung. Sollen uns die Nachbarn nicht sehen oder warum der abgedunkelte Raum?

Lebst du noch oder wohnst du schon?

Unser Zimmer war auch ein Sammelsurium an Kuriositäten. Sehr spezielle Bilder aus der Aktmalerei kombiniert mit Plastikblumen. Ihr Name: Fejka. Überall klebten noch die Preisschilder. Markus hatte sich große Mühe gegeben, Inneneinrichtung: ganz sein Ding.

Das W-LAN fiel am Abend aus.

Schöner Smalltalk

Markus kam bald wieder. Er setzte sich zu meiner Freundin und mir, als wir gerade kochen wollten. Ein Dosenbier hielt er in der einen Hand, sein Handy in der zweiten. Wir seien nette Deutsche“, begann er. Nicht so arrogant wie die anderen Deutschen.

Ah ja.

Ob wir alle vergeben seien?

Äh, warum?

Nur so. Wart ihr schon im Zoo?

Nein.

Wo kommt ihr genau her?

Karlsruhe

Ist das in Bayern?

Nein.

War da der Adolf auch?

??????

Ich stand auf. Meine Freundin auch.

It’s disgusting!

Verriegelte und abgedunkelte Fenster, Porno-Bilder im Zimmer und ein Mann, der die Grenzen zum Wahnsinn überschritten hatte. „Können wir bitte unser Zimmer heute Nacht abschließen?“, bat ich meine Freundinnen.

Klar, sagten sie.

Dass das gar nicht möglich war, der Schlüssel sich nicht umdrehen ließ, sagte mir meine Freundin zum Glück erst kurz vor der Abreise. Ich hätte sonst nicht geschlafen – aus Angst vor einem weißen Mann.

Markus. Bislang hatte ich keine bestimmte Assoziation mit diesem Namen, verband keine einzelne, ausgewählte Person damit. Wenn ich aber nun „Markus“ höre, schrillen bei mir alle Alarmglocken. Das spitze Gesicht, die grauen, langen und dünnen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Geheimratsecken treffen auf Dreitage-Bart, ausgelatschte Fila-Schuhe auf speckiges Hemd, ein Dosenbier: sein steter Begleiter. Markus, der Stereotyp eines gruseligen Manns.

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One thought on “Kurioses: “Markus”

  1. Abigail sagt:

    Hallöchen,

    das hört sich ja gar nicht gut an und so etwas kann einen den Urlaub auch mächtig vermiesen. Ich war jetzt auch schon ein paar Mal in einer Airbnb-Unterkunft. Habe allerdings nur positive Erfahrungen gemacht.
    Klar, kann man nicht Standards wie in einem Hotel erwartet, aber ganz ohne Standards sollte es dann halt auch nicht sein.

    Viele Grüße
    Abigail

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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