23. März 2019

Kurioses: “Gerd”

Chaosmagnetin & Katastrophensammlerin

In meinem Leben regiert das Chaos. Kleinere und größere Katastrophen schauen gerne mal bei mir vorbei. Ich habe mich damit abgefunden. Meine Erfahrung ist: Abnormalitäten nach außen zu vertuschen, bringt nix. Im Gegenteil: Es macht alles nur noch schlimmer. Offenheit ist deshalb die beste Devise. Meine Freunde betrachten meinen turbulenten Alltag inzwischen mit Humor. “Bei dir ist halt immer was los”, sagen sie.

In meinem Flur steht deshalb nun ein Letterboard mit besonderer Botschaft, also so eine Tafel, auf der sich Buchstaben wild zusammenstecken lassen. Es ist ein Geschenk, das mir meine beste Freundin zu Weihnachten überreichte. „Du kannst damit Worte und Sätze bunt mixen – deiner Fantasie sind keine Grenzen gesetzt“, sagte sie zu mir.

Toll.

Ich überlegte kurz, zog aus der Buchstabentüte zuerst ein “W” heraus, dann ein “C”, ein “I” folgte. Am Ende stand da: „Welcome To Crazy Island“. Mit diesem Schriftzug landete das Board auf der Kommode neben der Eingangstür, wo es jeder Gast sehr schnell sehen kann. Eine kleine Warnung zur Begrüßung sozusagen.

Irritation!

Als vor geraumer Zeit ein netter Herr zum ersten Mal in meine Wohnung kam, sie genauer inspizierte, blieb sein Blick auf dieser Tafel haften. “Welcome To Crazy Island – was soll das bedeuten?”, fragte er mich. Fragezeichen tanzten in seinen Augen, kleine Runzelfalten bildeten sich auf seiner Stirn. Ich entgegnete mit einem sanften Lächeln: „Warte ab, die Zeit wird es dir zeigen.“ Seine Stirn kräuselte sich noch mehr, die Fragezeichen in den Augen verdoppelten sich. Ansonsten behielt er die Fassung. “Okay”, entgegnete er freundlich. “Dann bin ich gespannt.”

Die erste Exkursion!

Es dauerte nur wenige Wochen, dann war es soweit. Der erste Ausflug für den Herrn stand an. Die Fähre nach Crazy Island holte ihn ab. Es war ein Dienstagnachmittag, kurz nach halb drei, als das Chaos seinen Lauf nahm.

Normalerweise bin unter der Woche um diese Uhrzeit nicht daheim. Ausgerechnet an diesem Tag aber war ich krank – ziemlich krank sogar. Fix und fertig lag ich mit Schmerzen auf meiner Couch und freute mich über den einzigen Lichtblick: Der nette Herr wollte im Laufe des Tages vorbeikommen, mir Essen und Getränke vom Supermarkt bringen.

Besuch vom Duracell-Häschen?

Er schrieb mir um halb drei, dass er bald da sein werde. Nur wenige Sekunden, nachdem ich seine Nachricht erhalten hatte, klingelte es an der Haustür Sturm. So richtig penetrant. Ringrinringringringring. Quer durch das ganze Gebäude – die Etagen hoch und runter. “Wer ist das denn?”, fragte ich mich. Steht da etwa das Duracell-Häschen vor der Eingangstür?

Es hörte nicht auf zu schellen, ich schleppte mich langsam zur Tür.

Die Klinglerin hatte es bereits ins Innere geschafft. Sie stürmte energisch im Treppenhaus an mir vorbei, völlig hysterisch. Ein kleines Kind schleifte sie grob hinter sich her. In der Etage über mir stoppte sie. Schlug mit den Fäusten gegen eine der Türen und schrie lautstark „Gerd, Gerd, Gerd. Bist du da, mach auf!!!!!“ 

Stille. Für maximal zehn Sekunden, dann begann ihr Rufen aufs Neue. „Geeeerrrrd.“

Herrje, was ist da denn los? Warum macht sie bei diesem friedfertigen, alleinstehenden Herrn nur solch einen Terror am Dienstnachmittag? Eine amouröse Verwicklung? War sie seine Verflossene? Das Kind etwa von ihm? Oder warum nur solch ein Krach? Mein Kopfkino sprang an.

Nach zehn Minuten zischte sie wieder ab.

Es war die Ruhe vor dem Sturm. Der Showdown nahte.

Alarmstufe Rot!

Völlig unvorbereitet und ahnungslos traf kurze Zeit später der nette Herr ein, brachte Getränke, Snacks und gute Laune mit. Kaum hatte er auf meiner Couch Platz genommen, klingelte es wieder wie verrückt. Ringringringring. Mehrere Menschen stapften danach lautstark durchs Treppenhaus – zu Gerds Wohnung. Zunächst wieder ein Klopfen, ein Rufen, dann heulten Werkzeuge auf.

In meinem Kopf schrillten die Alarmglocken. Die exakt gleiche Situation hatte es im Erdgeschoss schon eimal gegeben, vor zwei Jahren, da lag der Mann, der mir morgens immer die Zeitung stiebizt hatte, wochenlang tot in der Wohnung. Seine Tochter hatte es an einem Sonntagmorgen bemerkt, die Feuerwehr gerufen und das gesamte Haus zusammengebrüllt.

Bitte nicht schon wieder. Bitte nicht. Mein Herz begann zu rasen.

Gerd.

Es gab kein Erbarmen. Nur wenige Sekunden später ertönten bereits die ersten Sirenen. Die gesamte Bandbreite an Einsatzmannschaften fuhr vor: Polizei, Krankenwagen und drei Feuerwehrautos. Drei!

Auf der Straße herrschte der Ausnahmezustand. Alles war voll mit Uniformierten, eine Menschenmenge hatte sich bereits gebildet, im gegenüberliegenden Haus öffneten die Nachbarn ihre Fenster. Es war ein Spektakel.

Zuviel des Guten

Mir kamen nun die Tränen. Gerd. Maximal Anfang 50, ein leicht schräger Ingenieur mit Igelfrisur. Immer freundlich, immer nett.

Als plötzlich auch noch Feuerwehrmenschen im Hebekran an meinem Wohnzimmerfenster vorbei schwebten, war es endgültig genug, meine Nerven waren futsch. Ich wollte nix mehr sehen, nix mehr hören und ließ die Rollläden runter.

Da saßen wir im Dunkeln. Der nette Herr und ich. An einem Dienstagnachmittag. Um uns herum heulten Sirenen, das Hämmern und Bohren an der Tür über uns war ohrenbetäubend. Es war wie in einem schlechten Film. Der nette Herr schaute ein wenig verstört, behielt aber die Contenance und tätschelte mitfühlend meine Hand.

Endlose Minuten verstrichen, nach einer Stunde hörte der Krach auf, ich linste auf die Straße, alle Einsatzwagen waren weg, langsam ließ ich die Rollläden wieder hoch. Wir atmeten durch. Ich war aber noch traurig. Gerd.

Heiliger Strohsack!

Der Herr ging am frühen Abend nach Hause, ich verweilte auf der Couch, schaute Fernsehen. Um 19.30 Uhr klingelte es an meiner Wohnungstür. „Bestimmt die Hausverwaltung, die mich informieren möchte“, war der erste Gedanke, der bei mir aufploppte. Ich wankte zur Tür und öffnete sie. Es traf mich fast der Schlag.

Da stand er, quicklebendig. Gerd. Mit einer Hand kratzte er sich am Kopf, in der anderen hielt er einen Zettel. Aus seinem Gesicht war jegliche Farbe gewichen, sein Ausdruck völlig entgleist. „Ähm“, hüstelte er vor sich hin. „Ähm. Ähm. Ähm. Wissen Sie, was mit meiner Wohnungstür passiert ist?“

Ja.

Zurück in meinem Wohnzimmer schwankte ich zwischen hysterischem Lachen und Heulen. Ich schrieb dem netten Herrn. „Gerd. Er lebt. Es ist alles ein Missverständnis.“

Wenige Sekunden später piepte mein Smartphone. „Aha, so sieht es also aus auf Crazy Island“, stand auf meinem Handydisplay. „Wirklich interessant dort.“

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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