29. April 2019

Heimat: “Die Chance”

Es gibt immer zwei Seiten!

Wer mit 30 Jahren länger als sechs Wochen Single ist, weiß: Es gibt kaum einen anderen Status, mit dem man so einfach bemitleidenswerte Blicke ernten kann. „Ach, du Arme“ oder „Oje, das tut mir leid“, sind nur zwei Sätze, die ich mir in den vergangenen Jahren regelmäßig anhören musste. Meist wird die Stimme des Gegenübers weicher, leiser, ein Tätscheln am Oberarm folgt. “Das wird schon, du findest auch noch jemanden”, hieß es oft. Als sei eine Paar-Beziehung im Leben das einzig Erstrebenswerte und ein Mensch, der sich alleine durch das Leben manövriert, grundsätzlich defizitär.

Keineswegs möchte ich Glitzer auf das Single-Dasein streuen. Es gab oft genug Momente, in denen ich fluchte, mir jemand an meine Seite wünschte, traurig war, wenn Dates erfolglos waren. Doch das ständige Herausschleudern aus meiner Komfortzone hat mein Leben auch unendlich bereichert und bunter gemacht.

Aller Anfang ist schwer

Es war vor allem die erste Zeit als Single, in der ich ein wenig orientierungslos auf offener See herumpaddelte. Der Nebel war dicht, ein Heimathafen nicht in Sicht. Statt sonntags lange zu frühstücken und gemeinsam etwas mit einem Partner zu unternehmen, saß ich mit Kaffee, Büchern und Laptop alleine auf dem Bett. Bereits nach wenigen Wochen war mir klar: Sonntage können lang sein, verdammt lang. Wenn ich mich nicht aktiv um Gesellschaft kümmere, werde ich auch keine haben. Ein Kompass musste her.

Zweitjob: Freizeitmanagerin

In meinem Kopf ratterte es. Ich überlegte: Wer geht mit mir Essen, wer ins Kino? Wer hat Lust auf ein Bier in der Bar und wer mag Lesungen? Ich scrollte Handykontakte hoch und runter, traf mich mit den unterschiedlichsten Menschen, engagierte mich ehrenamtlich. Die Sonntage waren plötzlich wieder voll. Ich war zu meiner eigenen Freizeitmanagerin geworden.

Keinen Mülleimer mehr auf der Couch

Stress im Job, Kummer mit Kollegen: Jahrelang war ich es gewohnt, abends nach Hause zu kommen und einen festen Ansprechpartner zu haben, dem ich meinen Alltagsmüll vor die Füße kippen kann, der für mich da ist, wenn ich rufe. Nun kam ich in eine leere Wohnung – und merkte schnell, manche Dinge muss ich gar nicht erzählen, viele Themen kann ich mit mir selbst ausmachen, spare sogar Energie, wenn ich nicht nochmals darüber rede und es erneut durchlebe.

Plötzlich gab es in meinem Kopf viel mehr Raum für kreative Gedanken. Als an einem Februar die Abende dunkel und grau waren, ich nach der Arbeit im Wohnzimmer saß und überlegte, was ich tun könnte, kam mir die Idee für diesen Blog. Nächtelang klickte ich mich durch wordpress-Tutorials, zimmerte mir kreuz und quer die erste Version zusammen, fluchte viel, aber bekam am Ende alles hin. Es war ein tolles Gefühl, etwas aus dem Nichts zu schaffen.

 

Stricken + Schnaps

Von Monat zu Monat gewöhnte ich mich mehr an das Leben ohne feste Bezugsperson. Immer mehr Ideen ploppten auf, was ich alles ausprobieren möchte. Ich fuhr alleine in den Urlaub, spazierte kilometerlang durch fremde Städte, lernte neue Menschen kennen und hatte einen Winter lang einen Strickkreis mit drei Damen. Anfängerinnen und Fortgeschrittene. Wir trafen uns jeden Montag, arbeiteten an bunten Schals, Stirnbändern, Decken, tranken Tee und Schnaps. Zusammen waren die dunklen Abende viel besser zu ertragen.

Weg mit den Energiefressern

Kompromisse eingehen, aber auch Grenzen setzen: Hatte ich in der Beziehung immer jemanden gehabt, der mit mir in mein Lieblingsrestaurant geht, der Rücksicht auf mich nimmt, mir Tee kocht, wenn ich krank bin, passte als Single niemand mehr auf mich auf. Selbstschutz lautete deshalb das nächste Ziel. Ich begann laut zu sagen, wenn ich etwas nicht wollte, teilte es Freunden mit, wenn ich Hilfe brauchte, brach toxische Beziehungen ab und distanzierte mich von Energiefressern.

Fiel ich hin, stand ich wieder auf, strauchelte ich, erhob ich mich erneut. Nach ein paar Runden bekam ich Routine darin, Situationen zu meistern, die nicht nach Plan liefen, sah Probleme als dornige Chancen.

Schnittmenge statt Verschmelzung

Irgendwann war klar: Falls ich jemals wieder eine Beziehung starte, möchte ich keine Verschmelzung mehr zwischen zwei Ichs, sondern nur noch eine gemeinsame Schnittmenge. Ich wollte keinen Partner mehr, der mir mein Leben ausfüllt, sondern einen, der es lediglich noch ein bisschen schöner macht. Der mir Zeit für meine Schreibprojekte lässt, für meine Freunde, für meine Bücher und für mein buntes Leben, das durch meine Single-Zeit entstanden ist.

Es war die beste Basis für alle Dates, die kamen. Keine falschen Kompromisse mehr, kein Reinsteigern, keine rosarote Brille.

Ein Lebenscoach: überflüssig

Wer mit 30 Jahren länger als sechs Wochen Single ist, weiß: Es gibt kaum einen anderen Status, mit dem man so einfach bemitleidenswerte Blicke ernten kann. „Ach, du Arme“ oder „Oje, das tut mir leid“, sind nur zwei Sätze, die ich mir in den vergangenen Jahren regelmäßig anhören musste. Meist wird die Stimme des Gegenübers weicher, leiser, ein Tätscheln am Oberarm folgt. Als sei eine Paar-Beziehung im Leben das einzig Erstrebenswerte und ein Mensch, der sich alleine durch das Leben manövriert, grundsätzlich defizitär.

Keineswegs.

Längere Zeit Single zu sein, ist vielmehr eine tolle Chance.

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2 thoughts on “Heimat: “Die Chance”

  1. Hallo Miri. Warte noch ein bisschen, bald bin ich in Rente, dann kann ich mit dir 2-3 pro Woche zu Gusto gehen.

  2. Robert Mai sagt:

    Liebe Miriam,

    wirklich ein sehr schöner Artikel. Viele Dinge hast Du sehr gut auf den Punkt gebracht!…

    …übrigens: Ich lebe in der Karlsruher Oststadt, bin auch gerade Single und würde Dich gerne mit einem Kaffee unterstützen, aber nicht in der virtuellen, sondern vielmehr in der realen Welt! Du bist herzlich eingeladen. Interesse? Dann schreibe mir einfach eine Mail an: who.dares.wins@web.de

    Ich freue mich auf Deine Mail! :-)

    Herzliche Grüße sendet Robert.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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