14. Mai 2019

Schmöker: “Der größere Teil der Welt” von Jennifer Egan

Eine wilde Reise durch Zeit & Raum

Als ich „Der größere Teil der Welt“ zu lesen begann, ahnte ich nicht, auf welch wilde Reise mich Autorin Jennifer Egan mitnehmen wird. Innerhalb weniger Tage schwirrte ich von den 1970er-Jahren in die Zukunft, von San Francisco nach Neapel und dann ging es auch noch in die Wüste. Meine Reiseführer: Bernie Salazar, ein Musikproduzent sowie Ex-Punk und Sasha, seine adrette Assistentin mit kleptomanischen Zwängen.

13 kurzweilige Geschichten

„Der größere Teil der Welt“ ist dynamisch und alles andere als gewöhnlich. 13 verschiedene Geschichten auf knapp 400 Seiten: Jennifer Egan hat ein flirrendes Kaleidoskop geschaffen, das zurecht den Pulitzer Preis erhalten hat. Ein ehemaliges Filmsternchen trifft auf einen völkermordenenden Diktator, ein junger Mann begeht im Drogenrausch Selbstmord, ein Onkel sucht seine verschollene Nichte. Das ist aufregend und ein illustrer Querschnitt über all das, was an kleinen und großen Dingen auf der Welt passiert.

Ohne Umschweife hinein ins Geschehen

Der Roman beginnt direkt mit einem von Sashas diebischen Streifzügen in der Damentoilette eines Hotels, wo in der Bar ihr Date wartet. Es ist ein Herr, den sie über eine Online-Plattform kennengelernt hat. Jennifer Egan schreibt klar, unkompliziert, zaubert aber immer wieder mit Worten die herrlichsten Bilder:

„Sie hatte die Brieftasche gesehen, zart und überreif wie ein Pfirsich. Sie hatte sie aus der Handtasche der Frau gepflückt und in ihre eigene kleine Handtasche fallen lassen…“

Sasha ist zu dieser Zeit Single, attraktiv und wegen ihrer kleptomanischen Ticks in psychologischer Behandlung. In den noch folgenden zwölf Geschichten wird sie mal jünger, mal älter. Denn die Ereignisse in „Der größte Teil der Welt“ laufen keineswegs chronologisch ab, vielmehr geht es kreuz und quer von Musikstudios in den USA zur Safari mit Löwen nach Afrika bis hin zu zerfallenen Häusern in Italien.

Wie ein Konzeptalbum!

Der Roman ist außerdem wie ein Konzeptalbum konzipiert. Jennifer Egan bedient sich sich der unterschiedlichsten Stilmittel, verwendet Fußnoten, erzählt ein Kapitel mithilfe einer Powerpoint-Präsentation, lässt Grafiken und Pfeile zum Zuge kommen und einen ihrer jüngsten Protagonisten die Pausen in Popsongs stoppen. Das ist ungewöhnlich, überraschend und ließ mich beim Lesen immer wieder staunen.

Von der Hippie-Ära, über die New-Wave-Bewegung zum Internetzeitalter mit den neuesten technischen Errungenschaften: Auch die Geschichten sind wie ein buntes Mosaik. Neue Personen tauchen ab, alte verschieden sich, aber letztlich sind alle auf irgendeine Art miteinander verbunden. Neben Sasha steht ihr Chef, Bernie Salazar, immer wieder im Mittelpunkt von Geschichten. Er ist ein egozentrischer Herr. Unter seine Achseln sprüht er sich Insektenvernichter, in seinen Kaffee mischt er sich Goldflocken, die er stets in einer Emailledose aufbewahrt. Es ist für ihn ein Mittel, um die sexuelle Potenz zu steigern.

Klug & interesssant

„Der größere Teil der Welt“ ist ein besonderer Roman. Nicht etwa, weil er überdurchschnittlich spannend oder emotional ist, sondern allein wegen seiner Klugheit und all der Kreativität, die in ihm steckt. Die Zeit- und Raumwechsel, die unterschiedlichen Stilmittel – Jennifer Egan schafft es, ungewöhnlich zu sein, ohne dass es angestrengt wirkt. Interessant ist vor allem die Bannbreite an gesellschaftlichen und kulturellen Themen, die sie behandelt: von Musik, über menschliche Irrungen und Wirrungen, über die Prognose, die sie bereits 2011 für die Zukunft bereithält (Smartpads, auf denen sich schon drei Monate alte Babys ihre Lieblingssongs kaufen). „Der größere Teil der Welt“ ist Unterhaltung auf höchstem Niveau, ein Lesevergnügen, das mich zutiefst beeindruckte.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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