1. Juli 2019

Heimat: Ein Nachmittag mit Lisa Bergmann und Judith Milz”

Kirche St. Franziskus Dammerstock

“Der gefaltete Raum”: eine Ausstellungsreihe im Stadtkloster St. Franziskus

Ein knallgelber Sonnenschirm ragt aus dem Fenster hoch oben am Turm der St. Franziskus Kirche in Dammerstock. Nur wenige Meter von ihm entfernt flattern Kleidungsstücke im Wind – an einer Wäscheleine, die Künstlerin Judith Milz für ihre Ausstellung „esercizi di allentamento“ aufgehängt hat. Um sie zu befestigen, bohrte sie extra Löcher in den Turm. So hängen ihre profanen Kleidungsstücke nun neben der Leine, an der die Putzfrau die heilige Wäsche aufhängt.

Der Sonnenschirm und die neue Wäscheleine: Es sind nur zwei von mehreren Irritationspunkten, die von der Straße beziehungsweise vom gegenüberliegenden Spielplatz in Dammerstock schnell ins Auge fallen. Im Klostergarten stehen außerdem an den verschiedensten Orten Stühle, nebeneinander, aufeinander. Rund um die Kirche hängen weitere farbige Stoffteile aus den Fenstern, ziehen Blicke auf sich, strahlen bis hin zur vielbefahrenen Autobahnbrücke. „Immer wieder kommen Menschen vorbei und fragen mich, was es damit auf sich hat“, erzählt mir Judith. Das Interesse freue sie sehr.

„esercizi di allentamento“ von Judith Milz

Ihre Ausstellung „esercizi di allentamento“, was ins Deutsche grob mit „Lockerungsübungen“ übersetzt werden kann, gehört zur dreiteiligen Ausstellungsreihe „Der gefaltete Raum“. Bereits seit Mai laufen im Stadtkloster St. Franziskus verschiedene Raumexperimente – kuratiert von Lisa Bergmann. Sie wohnt mit Judith Milz zurzeit auch in der ehemaligen Pfarrwohnung, die ebenfalls Teil der Ausstellungsfläche ist und besichtigt werden kann. “Der gefaltete Raum” ist Teil des Projekts “Raumexperimente St. Franziskus. Dammerstock”, initiert von Pfarrer Hans-Jörg Krieg und Dr. Angelika Jäkel (platfond a.i.r. architekten), die die Gesamtleitung trägt.

Vor der Kirche weist ein altes Kinoschild auf das täglich wechselnde Programm der Ausstellung hin. Judith Milz steckt es jeden Morgen mit einzelnen Buchstaben auf. „Messe“ steht an diesem Sonntag da, „Sprechen“, „Wäsche“. „An manchen Tagen benötige ich zwei Stunden, um es fertig zu bekommen“, sagt die Künstlerin. Immer wieder blieben Menschen stehen und wollten wissen, was es mit „esercizi di allentamento“ auf sich hat. Oft entwickelt sich ein Dialog dadurch.

Trennung zwischen drinnen und draußen aufheben

„Bewahre uns Gott, behüte uns Gott“, sakrale Klänge ertönen gerade aus der Kirche, als ich kurz vor 12 Uhr an diesem sommerlichen Sonntag dort ankomme. Die Messe läuft noch. Die drei Türen zum Hauptportal sind weit geöffnet. Der Gesang der Gottesdienstbesucher ist dadurch klar und deutlich zu hören. Die strikte Trennung zwischen drinnen und draußen ist aufgehoben. Auch das ist Teil des Raumexperiments. Die Kirche ist zugänglich für Außenstehende. Aber auch Eingeweihte sollen durch das Kunstprojekt einen neuen Zugang zu Vertrautem finden, beschreibt mir Lisa.

Welche Ressourcen sind da, was genau wird noch benötigt, was wollen wir konkret verändern? Die bevorstehende Renovierung der katholischen Kirche in Dammerstock möchte Antworten auf diese Fragen finden. Das Kunstprojekt soll helfen, das herauszufinden. Bereits jetzt sind einige Bänke aus der Kirche entfernt worden, der Innenraum ist dadurch luftiger. Außerdem agiert Pfarrer Hans-Jörg Krieg nicht mehr frontal beim Gottesdienst, sondern steht in der Mitte des Raums. Der Ablauf der Messe hat sich dadurch verändert.

Ausstellung startete mit STRWÜÜ

Die Kirche, das Gebäudeensemble und den Klostergarten mit den dort vorhandenen Mitteln zu bespielen – das ist die Ausgangsposition der Ausstellungsreihe. Das Künstler-Duo STRWÜÜ startete im Mai mit einer akustischen Installation in der Kirche. Unter anderem stand die Beziehung zwischen dem Kirchensaal und dem Glockenraum im Fokus. „Eine stark philosophisch geprägte Arbeit, bei der es um das Verhältnis von Innen und Außen ging“, beschreibt Lisa Bergmann.

Judith Milz arbeitet nun mit ihren verschiedenen Irritationsmomenten und viel Offenheit im Umgang mit den Menschen in Dammerstock. Direkt vor dem Kircheneingang hat sie Stühle um kleine Tische arrangiert, damit ein Begegnungsort entsteht. Café terrazzo hat sie ihn genannt. Er ist in der Ausstellungszeit immer ab 15 Uhr geöffnet. An diesem Mittag gibt es Kaffee und selbstgebackenen Käsekuchen. Der Geruch, der sich am Morgen beim Backen in der Pfarrwohnung entwickelte, verteilte sich während der Messe in der gesamten Kirche – statt Weihrauch roch es nach dem süßem Dessert. Eine ganz neue Erfahrung, auch für Pfarrer Hans-Jörg Krieg.

Kuratorin Lisa Bergmann stellt als dritte Künstlerin aus

Kuratorin Lisa Bergmann wird als dritte Künstlerin ausstellen. Im Mittelpunkt werden Fotos und Filmaufnahmen stehen, die einen Blick hinter die Kulissen der Kirchengemeinde erlauben. Wie genau sieht die Arbeit einer Putzfrau in der Kirche aus, was macht eine Küsterin? „Ich möchte Personen und Abläufe in den Fokus stellen, die sonst oft im Verborgenen bleiben“, sagt sie. Außerdem beschäftigt sie die Frage, welche Schwierigkeiten den Kirchengemeinden begegnen, wenn die Zahl der Kirchgänger immer weiter abnimmt. Das Ergebnis wird sie ab dem 11. Juli präsentieren. Die Vernissage beginnt um 19 Uhr. Die Ausstellung endet am 16. Juli.

Info:
Die Ausstellung von Judith Milz läuft noch bis 4. Juli. Die drei Kirchentüren des Hauptportals stehen zu den Ausstellungszeiten von 9 bis 18 Uhr immer offen. Außerdem gibt es regelmäßig musikalische Interventionen und weitere Programmpunkte, die auf der Instagram-Seite des Projekts auf den Fotos der Kinotafel zu finden sind.

Adresse:
St. Franziskus Dammerstock
Rechts der Alb 28
76135 Karlsruhe

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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