31. Juli 2019

Kurioses: “Mittagspause”

Zwischen Haifischbecken und Bällebad

Mittagspausen sind ein Mysterium für mich. Sozusagen eine Mischung aus Haifischbecken und Bällebad. Monologe von Selbstdarstellern, Lästereien über Kollegen oder amüsante Smalltalks – in den vergangenen Jahren habe ich bereits Einiges erlebt.

Büro ist Krieg

Die Erkenntnis, welche Fallstricke Mittagspausen mit sich bringen können, überrollte mich rasant. Völlig unvorhergesehen, völlig überraschend. Eine kollektive Nahrungsaufnahme mit Kollegen – es schien mir zunächst ein Klacks. Mein früheres Ich war beim Berufsstart voller Optimismus.

Essen und plaudern. Was soll da schon schief gehen? Das dachte ich naiv.

Von einem Mittagspausen-Knigge hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie gehört. Was in der Uni-Mensa noch spielend einfach funktionierte, entpuppte sich in der Büro-Kantine zum Hindernislaufe. Schnell war mir klar: Obacht. Es gibt informelle Regeln.

Mittagstisch 1

An meinem ersten Mittagstisch speiste ich mit meinen Kollegen an langen Tafeln. Das Ambiente war rustikal, es erinnerte stark an verstaubte Zeiten. Der farbliche Grundton der Kantine: Ocker. Zur Auswahl gab es dort stets zwei Gerichte. Variante 1: Fleisch. Variante 2: Fleisch. Konkret: Schlachtplatte oder Schnitzel. Currywurst oder Geschnetzeltes. Außer freitags. Da gab es Fisch. Alternativ warteten in gläsernen Beilagenschüsselchen kleine Salate. Meist dominierte in der Essigsoße pures Blattgrün, manchmal war noch ein roter Farbklecks zu entdecken oder ein paar orangefarbene Streifen. Ein kulinarischer Genuss für Anfänger.

Männlich, Ü40 und konservativ

Als Berufsanfängerin war ich damals die Jüngste am Tisch. Die Wortführer am Mittagstisch: männlich, Ü40 und konservativ. Frauen gab es zu dieser Zeit nur sehr wenige. Eine Unterstützung waren sie nicht. Entweder hatten sie sich der männlichen Dominanz angepasst, fachsimpelten bei Fußball-Diskussionen mit oder blieben dem Essen fern.

Nur der KSC. Das war das zentrale Thema. Die Niederlage am Wochenende, die Inkompetenz des Trainers oder ein verletzter Spieler. Der Gesprächsstoff ging nie aus. Falls doch, kein Problem. Da gab es schließlich noch Champions League, Uefa-Cup und den DfB-Pokal.

Mir war schnell klar: Fußball verbindet hier, wer sich dafür nicht interessiert, ist raus. Die Regel hieß: Wer laut ist, hat den Ball. Wer nicht, hat verloren. Soziale Kompetenz, Feminismus und ein buntes Miteinander: neumodischer Kram. Völlig überbewertet.

Mittagstisch 2

Nach diesem verhaltenen Start landete ich in einem Büro, in dem es keine Kantine gab. Stattdessen wanderte jeden Mittag eine größere Gruppe meiner neuen Kolleginnen zum Mittagstisch eines größeren Unternehmens.

Mein erster Gedanke: Ciao Macho-Männer, hi Ladies.

Dödööööm.

Ich hatte mich zu früh gefreut. Schnell merkte ich: Einige Damen, sie hatten die 30 Jahre noch nicht überschritten, waren bereits ganz schön früh vom Leben frustriert. Ihre liebste Beschäftigungen: Aufregen und Karlsruhe-Bashing.

Konzerte, Ausstellungen, Bars. War mir am Wochenende nie langweilig, bekam ich nun montags ständig zu hören, dass „gaaaar nix in Karlsruhe geht“. Als ich genauer nachhakte und wissen wollte, was sie denn am Wochenende gemacht haben, kam zurück: „Hahnenfest in Grünwinkel.“

Hahnenfest in Grünwinkel?

„Ja.“

Darauf fiel auch mir dann nix mehr ein.

Auch hier merkte ich: Das Klima ist vergiftet. Ich resignierte. Machte danach nur noch mit ausgeglichenen Kollegen in kleinen Gruppen woanders Mittagspause oder ging in Ruhe spazieren. Auf diese Weise lief es weitaus besser.

Mittagstisch 3

Dass Mittagspausen völlig unkompliziert verlaufen können, diese Hoffnung hatte ich längst aufgegeben – bis ich bei meinem aktuellen Job anfing. Meine Skepsis war zunächst groß. Eine Stunde lang wieder jeden Tag Smalltalk in der Kantine, wieder an Tafeln, wieder in größeren Gruppen. Oje. Übersteh ich das?

Ja.

Die Themen: bunt gemixt. Jeder kommt zu Wort, egal ob laut oder leise, ob Mann oder Frau, ob jung oder alt. Bewege ich mich in meiner Freizeit gerne in meiner kunterbunten Filterblase, werde ich durch meine Kollegen nun wieder aus ihr herauskatapultiert. Junggesellenabschiede, größere Hochzeiten, ein Haus mit Garten. Alles, was bei mir leichte Schweißausbrüche auslöst, mögen andere Menschen eben sehr. Der Austausch schafft Verständnis.

Bei Thermomix bin ich raus

An Abwechslung fehlt es in den Pausen nicht. Fußball ist zum Glück dort kein Thema. Vielmehr eigene Sportaktivitäten, Urlaubsplanungen oder das alltägliche Leben. Nur bei zwei Themen mutiere ich erneut zum Außenseiter. Bei Thermomix und TV- und Serienunterhaltung. Game of Thrones, Stranger Things, Dark, Die Bachelorette. Alles nicht gesehen. Meine Kollegen schon. Stattdessen kann ich nur von “Kulturzeit”-Sendungen, irgendwelchen Dokus und Arthaus-Filmen erzählen – das führt in der Regel aber zu Monologen, die kein Mensch in der Mittagspause braucht.

Während das multifunktionale Küchengerät weiterhin keine Option für mich ist, dachte ich beim Feierabend-Entertainment: Nun gut, vielleicht gehe ich in diesem Fall als Minderheit auf die Mehrheit zu.

Ein Selbstversuch

Vergangene Woche war es soweit. Trash-TV. Was ich sonst gerne vermeide, wollte ich nun angehn. Ich gab alles. „Sommerhaus“ mit einem schrägen Schlagerstar am Dienstag, “Bachlorette” am Mittwoch und „The Masked Singer“ am Donnerstag. Die Herausforderung war groß.

„Habt ihr die Szene bei der ,Bachlorette’ mit dem Piloten gesehen?“, fragte ich am Donnerstag engagiert beim Essen in die Runde. Irritierte Blicke. Nur eine Dame nickte.

Am nächsten Tag ein erneuter Versuch. „Also ich habe ja gestern ,The Masked Singer“ verfolgt“; begann ich meine Rede. Echt? Wieder erstaunte Blicke. Auch mein Chef schaute skepetisch. „Das habe ich noch nie gesehen, erklär uns mal, um was da geht!“, sagte die Kollegin neben mir.

Döödööm.

Mir wurde klar, ich hatte es übertrieben, die Situation völlig falsch eingeschätzt. Nun saß ich da, hielt wieder einen Monolog über meinen feierabendlichen TV-Konsum. Aber statt über eine französische Dokumentation schwadronierte ich nun über C-Promis in Grashüpfer-Kostümen und über pinke Monster.

Das war definitiv nicht der Plan gewesen. Aber alle lachten, alles war gut.   

Das Beste kommt zum Schluss

Mittagspausen sind ein Mysterium für mich. Sozusagen eine Mischung aus Haifischbecken und Bällebad. Monologe von Selbstdarstellern, Lästereien über Kollegen oder amüsante Smalltalks – in den vergangenen Jahren habe ich bereits Einiges erlebt. Gerade bin ich zum Glück im Bällebad.

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2 thoughts on “Kurioses: “Mittagspause”

  1. Tante Carmen sagt:

    Damit will ich dir deine Mittagspause versüßen. (Kaffee mit Sahne)

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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