10. August 2019

Heimat: “Tanzen”

Mein Leben ist ein zeitgenössischer Tanz

Wenn es an manchen Tagen um mich herum wütet, tobt und schreit, stelle ich mir immer vor, dass das Leben ein Tanz ist. Also nicht so ein Salsa-, Rock ‘n’ Roll- oder Swing-Rumgehüpfe. Nein, vielmehr denke ich an einen zeitgenössischen Tanz mit Dramatik, mit wilden Gestiken, Emotionen, Körpern, die sich ausdrucksstark über den Boden rollen, sich winden, drehen, wieder aufstehen, weitermachen.

Ein Lebensentwurf nach Plan – nicht für mich!

Die Tür zur Tanzschule öffnete sich vor zehn Jahren für mich. Noch im Studium war ich mir sicher: Alles ist planbar, zu kontrollieren, es ist möglich, eine geregelte Kursabfolge einzuhalten, einen Schritt nach dem anderen zu erlernen. Anfänger – Fortgeschrittene – Meister.

Scheitern? Stand nicht auf meinem Plan. Alles ist möglich, wenn ich mich nur anstrenge, diszipliniert bin. Schließlich hatte ich die besten Voraussetzungen für ein solides Leben: Einen festen Freund, eine gemeinsame Wohnung, ein Auto. Es war ein Spiegelbild dessen, wie die meisten Menschen um mich herum ihren Alltag planen. Haus, Heirat, Kinder. Auch der feste Job direkt nach dem Studium war greifbar.

Doch die Zweifel kamen, schlug ich morgens die Augen auf, waren sie da. Zuerst schob ich sie weg, aber sie fanden ihren Weg zurück, bohrten sich fest in meinen Kopf, klebten fest. Möchte ich wirklich Walzer tanzen? Oder wechsle ich den Kurs?

Hallo, Abenteuer!

Der innere Drang packte mich, warf mich aufs Parkett. Ich ließ alles hinter mir, zog in eine andere Stadt, entschied mich fürs Abenteuer. Fürs Anachronistische. Während meine Freunde ruhiger wurden, sich fürs Sesshafte entschieden, forderte mich das Chaos auf. Es kam auf mich zu, wirbelte mich im Kreis, brachte mich ab von bekannten Wegen.

Ausgerechnet wenige Wochen vor meinem Uni-Abschluss krachte die Weltwirtschaft zusammen. Mein anvisierter und bereits zugesicherter Job bei einer Zeitung: auf unbestimmte Zeit auf Eis gelegt. Ich stand da, in einer neuen Stadt, zunächst alleine, mit keinem Plan.

Die Musik stoppte.

Ich ging einen Schritt zurück, blickte nach rechts, nach links, dann nach vorne. Eine neue Melodie setzte ein, ich stolperte in neue Redaktionen, lernte Menschen kennen, die sich Zeit für mich nahmen, mir meine Texte auseinandernahmen, neu zusammensetzten, zeigten, wie ich besser werden kann. 18 Monate später hatte ich den festen Job – mit einem komplett anderen Wissen. Es hätte mir nichts Besseres passieren können. Es erklang Dur statt Moll.

Scheitern ist eine Chance

Mir wurde klar: Scheitern ist keine Tragödie, sondern eine Chance. Läuft etwas nicht nach Plan, ist es keine Option zu hadern. Nur ein Taktwechsel hilft. Life is what happens to you while you are busy making other plans. Auch John Lennon wusste zu tanzen.

Intrigen, vergiftetes Klima, Machos. Als ich dachte, die leichten Töne begleiten mich, raste das Chaos erneut auf mich zu. Es packte mich. Ein hoffnungsvoll klingender Job entpuppte sich als Farce, zwang mich im vergangenen Jahr neue Schritte zu lernen. Sie waren schwieriger, eine ganz neue Herausforderung, ich strauchelte, doch blieb auf meinen Beinen, ging dem Chaos mit offenen Armen entgegen, übte mit ihm, ließ mich nicht entmutigen, wusste, nur so kann ich lernen.

Nur der Stillstand lähmt!

So tanzte ich weiter, ohne zu wissen, welche Musik folgt, ließ mich auf neue Rhythmen ein, mit den Gedanken im Kopf, nur der Stillstand lähmt – und wurde belohnt.

Alles fügte sich.

Wenn es an manchen Tagen um mich herum wütet, tobt und schreit, stelle ich mir immer vor, dass das Leben ein Tanz ist. Also nicht so ein Salsa-, Rock ‘n’ Roll- oder Swing-Rumgehüpfe. Nein, vielmehr denke ich an einen zeitgenössischen Tanz mit Dramatik, mit wilden Gestiken, Emotionen, Körpern, die sich ausdrucksstark über den Boden rollen, sich winden, drehen, wieder aufstehen, weitermachen.

Tanzen.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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