18. August 2019

Schmöker: “Ein ganzes Leben” von Robert Seethaler

Serotonin in Buchform

Zum ersten Mal drang „Ein ganzes Leben“ mit voller Wucht in mein Herz, als Robert Seethaler seinen Protagonisten Andreas Egger von der Bauersfrau Ahnl Abschied nehmen lässt. Es ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts – in einem Dorf in den Alpen, als die bereits in die Jahre gekommene Seniorin beim Brotbacken das Bewusstsein verliert. Sie stürzt nach vorne und erstickt im Teig.

Drei Tage lang liegt sie danach im brütend heißen Sommer aufgebettet in einer Kammer, bis sie endlich eine Pferdekutsche abholt. Danach überstürzen sich die Ereignisse. Als der Totenwagen beim Schmid vorbeirollt, rennt dort ein Hund aus der Tür, beißt einem der Haflinger in das Bein. Dieses stürzt daraufhin zur Seite und der Sarg kommt ins Rutschen. Wie Robert Seethaler das darauf folgende Geschehen beschreibt, ist ein sprachliches Vergnügen:

„Der Deckel, der für den Transport nur notdürftig verschlossen war und erst am Grab endgültig zugenagelt werden sollte, war aufgesprungen und der Unterarm der Toten erschien im Spalt. In der Dunkelheit der Totenkammer war ihre Hand schneeweiß gewesen, doch hier, im hellen Mittagslicht, erschien sie gelb wie die Blütenblätter der kleinen Bergveilchen, die am schattigen Bachufer blühten und sofort dahinwelkten, sobald sie der Sonne ausgesetzt waren. Das Pferd bäumte sich ein letztes Mal auf, bevor es mit zitternden Flanken stehenblieb. Egger sah, wie die Hand der toten Ahnl aus dem Sarg baumelte, und für einen Moment schien es, als wollte sie ihm zum Abschied zuwinken, ein allerletztes Behütdichgott, für ihn allein bestimmt.“

Voller Liebe zur Sprache!

„Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler ist einfach perfekt. Vom ersten bis zum letzten Satz. Der Roman ist so voller Liebe zur Sprache, dass es mich emotional zutiefst mitnahm. Innerhalb von nur wenigen Stunde las ich die Geschichte um den eigenbrötlerischen Egger, konnte sie nicht mehr weglegen. Der Roman ist eine Wohltat für die Seele.

Harte Gelegenheitsjobs beim Seilbahnbau, Kriegsjahre in Russland, Erkundungstouren für Touristen: Robert Seethaler erzählt Andreas Eggers bewegendes Leben von der Geburt bis zum Tod. Das Schicksal stellt ihn von Anfang an auf eine harte Probe. Er ist das Kind einer Frau, die ein „flattriges Leben geführt hatte und dafür unlängst vom lieben Gott mit der Schwindsucht gestraft und heimgeholt worden war“. Mit etwa vier Jahren kommt er deshalb zum Bauern Hubert Kranzstocker, der ihn regelmäßig über die Ochsenstange hängt und mit der Gerte auspeitscht.

Jeder Satz lebt, hüpft, trieft vor Schönheit.

Andreas Egger lernt früh, widrige Umstände auszuhalten, und das Beste aus seinem Leben zu machen. Nicht aufzugeben, sondern für sein Glück zu kämpfen – und nicht zuviel zu erwarten, das ist seine Maxime. Wie schon bei „Der Trafikant“ baut Robert Seethaler allein durch seine wunderbare Sprache eine bunte und facettenreiche Welt um seinen Protagonisten auf. Jeder Satz lebt, hüpft, trieft vor Schönheit. Jede Beschreibung, jedes einzelne Wort ist genau durchdacht, es gibt keine Plattitüden, keine Banalitäten, nur Zauberhaftes. Die Liebe zur Sprache: Selten ist sie in Büchern so deutlich spürbar wie bei dem Autor aus Österreich.

Wunderschön!

Auch der Protagonist verliert sein Herz an eine Frau. „Sie hieß Marie und Egger fand, das war der schönste Name auf der Welt.“

Eggers Art, ihr einen Heiratsantrag zu machen, ist eine der romantischsten Arten, die ich je gelesen habe. Ein Schriftzug aus Feuer soll nachts auf einem Berg erscheinen. 16 Säcke und Fackeln sind dazu notwendig, die Anordnung muss akkurat sein. „Die Liebe darf nicht an einem löchrigen Buchstaben vergehen“, das ist Eggers Anweisung an seinen Kumpanen, die ihn für 60 Groschen und einen halben Liter Krauterer dabei unterstützen.

Als Marie am vorgesehenen Abend erscheint, „trug sie ein helles Leinenkleid und ihre Haare duftenden nach Seife, Heu, und, wie Egger fand, auch ein bisschen nach Schweinebraten.“

Eggers Plan geht auf. „Für dich, Marie“ flackert an der Bergwand auf. Als sie ja sagt, freut sich der kauzige Herr auf seine ganz eigene Art.

„Egger hatte das Gefühl, als müsste er im nächsten Moment einfach nach hinten vom Baumstumpf kippen. Aber er blieb sitzen. (…) Er war jetzt offiziell dreiunddreißig Jahre alt und kannte seine Pflichten. Er würde Marie beschützen und für sie sorgen, das hatte er sich gesagt und so wollte er es halten.“

Wunderschön. Dieses Buch ist Serotonin in Buchform.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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