13. Oktober 2019

Kurioses: Der Anschlag

Und plötzlich gehen im Kino die Sirenen an!

Es gibt viele Dinge, vor denen ich Angst habe. Vor großen Hunden, die laut kläffen beispielsweise oder vor schweren Gewittern mit Blitz und Donner. Bei Dingen dagegen, die nur rein hypothetisch eintreten können, fürchtete ich mich bislang dagegen nur selten.

Ein Terroranschlag müsste mich erstmal finden, dachte ich lange. Denn die Plätze, an denen ich mich aufhalte, sind nicht gerade prädestiniert für große Effekte. Ich vermeide das Herumgeschubse auf Weihnachtsmärkten. Die Konzerte, die ich besuche, gehören eher zur Kategorie „Nische“ und eine U-Bahn gibt es in Karlsruhe ja bekanntlich noch nicht.

Vor Terroranschlägen und Amokläufen fühlte mich also sicher. Bis zu diesem einen Samstag.

Kurze Vorliebe für Überraschungsfilme

An diesem Tag stand ein Kinobesuch mit einer Freundin an. Mit ihr teile ich bereits seit vielen Jahren eine große Leidenschaft für Filme – besonders für spezielle. Früher waren wir jeden Montag um 21 Uhr Stammgast in der Sneak Preview. Wir schlürften Sekt, knabberten Brezel und sahen den Überraschungsfilm für fünf Euro.

Da war ziemlich viel Mist dabei, vor allem aus Deutschland. Manchmal sahen wir aber auch Überraschendes aus Skandinavien oder Emotionales aus Frankreich. Seit wir nun aber seriös arbeiten und unter der Woche abends oft müde sind, gehen wir meist nur noch samstags ins Kino – in ausgewählte Filme. Für die schrägen Überraschungen haben wir einfach keine Kapazitäten mehr.

Für diesen denkwürdigen Samstagabend hatten wir uns den biografisch angehauchten Film über Vincent van Gogh ausgesucht. Ein wenig experimentell sei er geraten, las ich bereits in den Kritiken. In ihnen stand außerdem: Der Regisseur arbeitete bei den Dreharbeiten unter anderem mit der Handkamera. Damit die Zuschauer ganz nah dran sind am Geschehen – und an Vincent.

Interessant.

Psychisch leicht instabil

Dass der Maler aus den Niederlanden nicht unbedingt ein Typ ist, der mit der geistigen Gesundheit im Einklang steht, wusste ich schon länger. Da gibt es ja dieses Ereignis mit dem abgeschnittenen Ohr und dem Absinth. Das war die erste Geschichte, die ich von dem Künstler überhaupt hörte. Es war zu Schulzeiten – und sie blieb tatsächlich hängen. Aus heutiger Marketing-Sicht könnte man sagen: Das war ein richtig guter PR-Coup.

Auch der Film sollte diesen Aspekt behandeln – und noch einiges mehr, was sich gegen Ende des Lebens von van Gogh zugetragen hat. Ich hätte wissen müssen: Das wird düster.

Der Film nervte bereits nach 15 Minuten. OK, ich räume ein: Teilweise sind es wunderschöne Bilder, die der Regisseur auf die Leinwand zaubert. Aber mit seinem künstlerischen Anspruch übertreibt er es kolossal.

Wegen dieser ominösen Handkamera wackelte es an vielen Stellen auf der Leinwand so heftig, dass es mir schlecht wurde. Außerdem gab es ständig Unschärfen – keine Ahnung, warum. Vielleicht sollte der Zuschauer die bereits getrübte Wahrnehmung des Künstlers nachfühlen. Oder es gibt sonst noch eine Metaebene, die mir nicht klar wurde.

Ständig wanderte mein Blick deshalb Richtung Uhr. Um 19 Uhr hatte der Film begonnen, kurz war Werbung gekommen, also müsste er spätestens gegen 21 Uhr fertig sein, dachte ich. Von Überlänge war mir nichts bekannt, allein der Gedanke daran war Folter.

Was ist hier los?

Gegen 20.30 Uhr nahm das Unheil seinen Lauf. Die Bilder wackelten, flimmerten und verschwammen auf der Leinwand. Dann war alles schwarz. Irritiert schaute ich meine Freundin an. „Gehört das zum Konzept?“, frage ich. Sie zuckte noch die Schultern, als auf einmal mit vollem Karacho die Alarmanlage losging.

Wiuwiuwuiuwiu, machte es unaufhörlich. Das Licht ging an.

Wiuwiuwuiuwiu. Die Alarmanlage heulte auf Hochtouren.

Was ist denn jetzt los? Langsam breitete sich Unruhe im Saal aus. Alle schauten sich fragend an. Im Lautsprecher knisterte es und eine Stimme erklang: „Bitte verlassen sie durch die Notausgänge den Saal. Bitte bleiben Sie ruhig und brechen Sie bitte nicht in Panik aus.“

Whaat?

Meine Freundin und ich blickten uns erschrocken an. Hektisch liefen wir los, öffneten die Notfalltür, stolperten ins Freie – und standen auf einem Schulhof.

Völlig durcheinander waren wir nun. Auch die anderen Besucher blickten verängstigt drein. Ich suchte nach Rauchschwaden. Vielleicht ein Brand? Nee, es roch ganz normal. Von Feuer gab es keine Spur. Was könnte es dann sein?

Ein Terroranschlag? Eine Geiselnahme?

Ich blickte nach oben, suchte den Himmel nach Helikoptern ab. Fehlanzeige.

„Meinst du wirklich, jemand würde auf dieses Arthaus-Kino einen Terroranschlag verüben?“, fragte mich meine Freundin.

Inzwischen schloss ich gar nichts mehr aus.

Minutenlang standen wir auf diesem Schulhof, es passierte einfach nix. Ich begann, whatsapp-Nachrichten zu schreiben und Schlagwörter in Internetsuchmaschinen einzugeben.

Karlsruhe. Geiselnahme. Anschlag. Das Datum.

Keine Treffer.

Anschlag oder Beziehungstat?

Meine Gedanken sprangen nun hin und her. Meine erste Vermutung: eine Geiselnahme. Die Terroristen hatten im Foyer gewütet und hielten sich dort noch auf. Meine zweite Vermutung: eine Beziehungstat. Sie wollte in die Komödie, er in den Actionfilm oder andersrum. Dann war das Geschehen eskaliert.

Nach einer gefühlten Ewigkeit erklang wieder eine Stimme durch die Lautsprecher: Entwarnung. Wir durften zurück.

Puh.

Aber niemand redete mit uns. Keiner wollte uns Auskunft geben, was passiert war. Ich wollte keinen Vincent mehr zu Ende sehen. „Können wir einfach gehen?“, frage ich meine Freundin. Sie nickte.

Der Typ weiß was!

Wir entschieden uns für den Hintereingang. Dort stand eine Aushilfe, hektisch rauchend, mit roten Flecken im Gesicht. „Der weiß was“, rief ich meiner Freundin zu und marschierte schnurstracks auf ihn zu.

Verstört schaute er mich an. „Kannst du etwas für dich behalten?“, fragte er mich zuerst. Ich nickte. „Den Alarm habe ich ausgelöst“, gestand er. „Versehentlich.“

Jetzt wurde ich hellhörig und hakte nach. Er habe im Keller gefegt, brach es aus ihm heraus. Und da war alles voller Staub. Also so richtig viel Staub. Er wollte deshalb gründlich putzen, habe aber soviel von den Partikeln aufgewirbelt, dass der Brandmelder anging – ausgerechnet am Samstagabend.

Ich starrte ihn an. Ernsthaft?

Ja.

Seine roten Flecken wurden noch dunkler. Oje. Ich tätschelte ihm auf die Schulter, atmete tief aus und holte mein Fahrrad.

Mein Fazit an diesem Abend: Es kann zu jeder Zeit an jedem Ort einfach immer alles passieren.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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