27. Oktober 2019

Flimmerkasten: “Ich war noch niemals in New York”

Böse Kombination: Udo Jürgens + Musicals

Die Warnlichter blinkten rot, knallrot. Ein Musical-Film mit Songs von Udo Jürgens.

Musicals.

Udo Jürgens.

Eigentlich zwei Gründe für mich, um schreiend davonzulaufen.

“Starlight Express” hat mich verdorben

Mein Musical-Trauma begann bereits in der achten Klasse. Damals ging es anlässlich eines exklusiven Ferienprogramms zu „Starlight Express“. Es war wenige Tage nach dem Tod von Lady Di – und meine Freundinnen und ich saßen auf der Rückbank des Reisebusses, blätterten durch die „Bravo“, sahen die zu Tränen rührende Berichterstattung und standen dem armen William in Gedanken bei.

Wenige Stunden später hätte ich dringend Beistand benötigt. „Starlight Express“. Das bedeutete: Zwei Stunden und 40 Minuten singende Darsteller auf Rollschuhen, grellleuchtende Lichter – und eine Geschichte, an die ich alle Erinnerungsfetzen aus dem Kopf geworfen habe. Es war schlichtweg eine Qual, ich rutschte auf dem Samtsitz hin und her, zählte die Minuten. Als ich den Saal verließ, wusste ich genau: Das wars. In ein Musical möchte ich nicht mehr gehen.

Düdüdüdüdü

Daran habe ich mich gehalten. Kein „König der Löwen“, kein „Cats“, kein „Phantom der Oper“. Meine engsten Freunde wissen: Mit Musicals können sie mich jagen. Selbst „LalaLand“ änderte daran nichts.

Meine Beziehung zu Udo Jürgens ist nur geringfügig besser. „Liebe ohne Leiden“ schallerte mir schon in der Kindheit von der Schallplatte um die Ohren. Düdüdüdü. Kitsch pur.

In meiner Jugend verfolgten mich die Udo-Jürgens-Hits bei größeren Feten in Dorf-Turnhallen. „Griechischer Wein“ grölten die Feiernden im Chor. Nur „Abenteuerland“ oder „Lena“ von Pur ließen mich innerlich noch mehr schütteln.

Dass es seit geraumer Zeit ein Musical mit Songs von Udo Jürgens gab, nahm ich immer nur am Rande wahr, es rauschte an mir vorüber. Es interessierte mich schlichtweg nicht.

Nur dann flimmerte vor wenigen Wochen beim Streamen plötzlich der Trailer von „Ich war noch niemals in New York“ über meinen Bildschirm. Ich war irritiert. „Was ist denn mit diesem Algorithmus los?“, frage ich mich. Ist er besoffen?

Zuckerguss über der Landschaft

Doch ich schaute tatsächlich genauer hin, die Kulisse im Film sieht nämlich aus, als wäre Zuckerguss darüber gekippt. Udo-Jürgens-Songs gesungen von Heike Makatsch und Moritz Bleibtreu inmitten einer rosa- und himmelblauen Candylandschaft – ich war verblüfft. Aber tatsächlich ins Kino gehen, nein, daran dachte ich zu diesem Moment wirklich noch nicht.

Die Wende brachte die Literaturkritikerin Johanna Adorján. Sie schrieb auf Instagram: „Ich weiß, vieles daran klingt schlimm (singende deutsche Schauspieler, Musicaladaption, Udo-Jürgens-Schlager) und ich kenne genug Leute, die niemals auch nur daran denken würden, reinzugehen, aber die verpassen echt was”.

Meine Neugierde war geweckt – und eins kam zum anderen. In der „Kulturzeit“ kam ebenfalls ein Beitrag mit positiver Bewertung und dann schrieb auch noch ndr.de, wie unterhaltsam der Film sei. Hhhmmm, dachte ich. Mal wieder eine deutsche Komödie, die nicht wehtut, die luftigleicht wie Zuckerwatte ist – an einem Sonntagnachmittag, warum nicht?

Ich fragte Freunde. Udo Jürgens, Musical, du? Ihre Irritation spürte ich deutlich. Ja, ich nickte. „Soll gut sein“, sagte ich. Ihr Vertrauen in mich war groß.

Kirmes im Kino

Die Warnblinker leuchteten weiter grell: Der Film kam nur im Filmpalast, ein Kino, das ich ansonsten meide. Dort geht es zu wie auf dem Rummel, lange Schlangen, überteuerte Preise und unruhige Menschenmassen. Doch ich ließ mich nun nicht mehr abbringen.

„Wir sind gespannt, was du da ausgesucht hast“, sagten meine Freunde, als wir vor der Kasse warteten. Ich war noch zuversichtlich. Soviel Kritiker können doch gar nicht irren, ich war mir sicher.

Als wir den Kinosaal betraten, kamen die ersten Zweifel. Wir sprengten den Altersdurchschnitt – deutlich. Ich blickte mich um, tatsächlich, wir waren die Einzigen U50. Ach herrje. Jetzt wurde es mir doch bang ums Herz. Zwei Stunden und neun Minuten soll der Film gehen – was nur, wenn er doch einfach ein typisch kitschiger Musicalfilm ist? Ich bekam Angst.

Ach du gute Zeit

Bereits nach fünf Minuten wusste ich: Dieser Film ist Mist. Der gefällt mir nicht. Heike Makatsch singt gleich zu Beginn als überdrehte Moderatorin „Vielen Dank für die Blumen“. Puuh. Ein Chor unterstützt sie, tänzelt über die Leinwand. Ach du gute Zeit. Wo bin ich denn hier gelandet?

Ihr quirliger Stylist stimmt dazu ein. Am liebsten hätte ich bereits an dieser Stelle den Saal verlassen. Aber links und rechts von mir saßen meine Freunde, die ebenfalls zehn Euro Eintritt bezahlt hatten.

Ich musste an „Mamma Mia“ denken, an „Hair“, alles Filme, die ich einfach nicht anschauen kann.

Vielleicht wird es zumindest hier noch besser, hoffte ich. Aber nun ja, ein Film, der aus Songs von Udo Jürgens besteht, da gibt es einfach keinen Hoffnungsschimmer am Horizont – auch wenn dieser in den schönsten Pastellfarben leuchtet.

Die Zumutungen kamen Schlag auf Schlag: Katharina Thalbach krächzt zwischen Betten turnend „66 Jahre“. Inmitten von Törtchen und Cocktails ertönt auf dem Deck „Aber bitte mit Sahne“. Und Moritz Bleibtreu, der mit Heike Makatsch in einer Kiste eingesperrt ist, singt theatralisch „Gib mir deine Angst“ – spätestens da überkam mich leichter Brechreiz. Soviel Schmalz ertrag ich einfach nicht.

Die Handlung: vorhersehbar. Sechs Menschen, drei Liebesgeschichten. Es gibt Missverständnisse, Irrungen und Wirrungen, viele schräge Zufälle – und am Ende ein Happy End.

Es zieht sich wie Kaugummi

Ich muss einräumen: Wer Udo Jürgens und Musicals mag, der wird Freude haben, an diesem überdrehten, quietschbunten Film. Die Schauspieler geben ihr Bestes, die Outfits sind top, die Kulisse ist liebevoll konstruiert und perfekt abgestimmt. Doch Johanna Adorjáns Kritik kann ich nicht bestätigen: Wer keine Schlager mag, erlebt zwei klebrige Stunden, die sich wie ein Kaugummi ziehen.

Ich blickte bereits in den ersten 15 Minuten zu meinen Begleitern, zuerst auf die eine Seite, dann auf die andere und flüsterte: „Es tut mir so leid.“ „Soviel Wiedergut-mach-Bier kannst du gar nicht bezahlen“, tönte es von einem Freund zurück.

Als der Abspann lief, war klar: Mein Ruf ist erstmal ramponiert.

Meine Erkenntnis: Warnlichter ignoriere ich nicht mehr. In ein Musical von “Pur” werde ich nicht gehen.

Versprochen.

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One thought on “Flimmerkasten: “Ich war noch niemals in New York”

  1. das einzige mal, dass ich udo jürgens gut fand, war bei sportfreunde stiller unplugged, die einspielung, ja, und hartmut engler nervt auch…
    lg wolfgang

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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