17. November 2019

Kurioses: Pendeln II

Raus aus meiner Filterblase

Wer jeden Tag mit dem Zug zur Arbeit fährt, sieht definitiv mehr von der Welt. Mehr als 300 Tage pendle ich nun schon. Tschüss Filterblase, hallo Realität. In dieser Zeit habe ich Menschen und Dinge gesehen, die ansonsten eher selten meine Wege kreuzen.

Bereits im Januar schwebte der Herr vom Abfallamt in meine Welt. Er wandert fast jeden Tag in seiner orangefarbenen Uniform zwischen dem Bahnhofsvorplatz und den Fahrradparkplätzen hin und er. Manchmal pikst er mit einer Zange Dosen, Tüten oder Zigarettenstummel auf und lässt sie in einen Eimer fallen, oder er bläst in ohrenbetäubender Lautstärke Laub zusammen.

Der Herr fiel mir sofort auf, er ist eine illustre Erscheinung: Seine grauen Haare reichen ihm fast bis zur Schulter und stehen ein wenig wirr vom Kopf, die Gläser seiner schwarzen Brille sind fast immer beschlagen – egal zu welcher Jahreszeit. Sein Blick ist dadurch stets leicht vernebelt.

Als ich ihn zum ersten Mal sah, hatte er einen Besen in der Hand. Mit ihm fegte er engagiert den Bordstein und rief mir „Haaallihallllo“ zu. Ich dachte zunächst, es ist ein Versehen, er meint gar nicht mich und drehte mich um. Aber als er das am nächsten Tag wieder tat und dann wieder, war mir irgendwann klar: Er kommuniziert tatsächlich mit mir.

Das Besondere: Dieses „Haaallihallllo“ ruft er manchmal so laut, dass sich fremde Menschen zu mir umdrehen. Sie denken tatsächlich, wir kennen uns persönlich. Am Anfang fand ich das merkwürdig, inzwischen bin ich aber so sehr daran gewöhnt, dass ich ihm selbst immer zuwinke, wenn ich morgens mein Fahrrad abschließe. Wir sind quasi Homies geworden. Eine Bekanntschaft der etwas anderen Art.

Hilfe, JGA

Raus aus meiner Komfort-Zone katapultierten mich dagegen die alkoholisierten Männer, die an einem Freitagabend im Frühling am Gleis herumlungerten. Mit Paletten voller Dosenbier, einem Ghettoblaster und ihren einheitlich schwarzen Shirts waren sie kaum zu übersehen. „Bräutigam-Gefolge“, stand mit Großbuchstaben auf ihren T-Shirts. „Hilfe“, dachte ich nur und marschierte schnell an ihnen vorbei. Meine innere Stimmung rief alarmiert: Weg, weg, weg.

Als der Zug einrollte, hatte ich genug Distanz zwischen uns gebracht. Erleichtert stieg ich ein, ließ mich auf einen freien Sitzplatz fallen – neben einer eleganten Dame, die mit einer Museums-Tüte der Fondation Beyeler ausgestattet war. „Der junge Picasso“ stand darauf. Gott sei Dank. Ruhe. Hier ist es gesittet, dachte ich. Dass die feierlustige Karawane noch planlos im Zug umherirrte, ahnte ich nicht.

Das Gedudel aus ihrem Ghettoblaster kündigte sie wenige Minuten später schon von Weitem an. „Cordula Grün, Cordula Grün“, knatterte es aus dem Gerät. Die Herren stimmten im Chor dazu ein. Textsicher. Alle um mich herum drehten sich um. Was ist denn da los? Auch die Frau neben mir schaute erschrocken.

Deutscher Schlager. Nicht nur für mich eine Folter. Leider zog die Karwane nicht mehr weiter, sondern setzte sich wenige Reihen hinter uns. Es war der Sturm nach der Ruhe.

Die ersten Dosenbiere zischten, das Gegröle wurde lautet. „Köööllle“ wir kommen, begann der erste Herr zu schreien. „Yeeeaahh“, stimmten die anderen ein. Es waren die längsten 30 Minuten während meines Pendlerlebens. Die Frau neben mir musste noch weiterfahren, ich nickte ihr mitfühlend zu, als ich in Karlsruhe ausstieg. Der Alpen-Elvis sang da gerade vor sich hin.

Berge statt Eiffelturm

Zeugin eines kleines Dramas wurde ich wenige Tage später. Zwei Frauen waren am frühen Morgen zielstrebig mit mir in den Zug einstiegen. Sie hatten ihre Koffer auf die Ablage gewuchtet und im Zweier vor mir Platz genommen – in einer asiatischen Sprache unterhielten sie sich gutgelaunt. Als der Zug gerade langsam Fahrt aufnahm, begann der Zugführer seine Lautsprecher-Ansage: „Herzlich Willkommen im Zug nach Basel SBB“, sagte er fröhlich. Die Frauen vor mir drehten sich schlagartig zu mir um. „No Paris?“, fragten sie mich aufgeregt. Ihre Augen weit aufgerissen, der Schreck tief verankert. „Nein”, sagte ich und schüttelte meinen Kopf dazu. Dann sagte ich langsam: „Offenburg, dann Freiburg und Basel.“

Die Stimmung kippte nun vollständig. Völlig hysterisch sprangen die Damen auf, zerrten ihre schweren Koffer von der Ablage, diskutierten laut miteinander, schwenkten ihre Fahrtkarte wild um sich und stolperten los – Richtung Schaffner. Der stand vor ihnen, wedelte wild mit den Armen und versuchte ihnen in irgendeinem Sprach-Kaudawelsch etwas zu erklären. Eine Frau begann zu weinen.

In Offenburg stiegen sie mit mir aus. Provinz im Schwarzwald statt Metropole in Frankreich.  Berge statt Eiffelturm. Der Kontrast hätte nicht größer sein können.

Unverhofftes Wiedersehen

Bei meinen Zugfahrten begegne ich aber nicht nur neuen Menschen, sondern ich treffe auch auf alte Bekannte. Überraschend, zufällig, unverhofft. Wie auf diesen einen Herrn, der mir zu Uni-Zeiten und noch Jahre danach das Diskutieren mit politisch anders Denkenden schmackhaft machte. Herdprämie, Frauenquote, Herr Mappus. Es gab zahlreiche Punkte, in denen wir keineswegs einer Meinung waren – uns stritten, aber stets mit Respekt und Anstand.

Der Alltagstrubel hatte uns in den vergangenen Jahren auseinandergetrieben. Bis zu diesem einen Donnerstagabend. Ich hatte gerade die Augen geschlossen und meinen Kopf am Sitz angelehnt, als es plötzlich gegen meine Schulter klopfte. Erschrocken fuhr ich hoch, da stand er: Wie aus dem Nichts.  

Die restliche Zugfahrt plauderten wir ohne Punkt und Komma. Füllten die Fahrzeit mit Geschichten, erzählten uns, was das Leben in den vergangenen Jahren mit uns gemacht hat. Das Pendeln hat uns wieder in Kontakt gebracht.

Pendel-Crew am Start

Generell bin ich bei meinen Zugfahrten nun abends kaum mehr alleine. Während ich morgens in Ruhe meine Zeitung lese, habe ich bei der Heimfahrt eine kleine Pendel-Crew um mich herum. Das ist sehr nett. Manchmal reden wir, manchmal schweigen wir, manchmal nicken wir uns auch nur ganz kurz zu – je nachdem, wie viel Restenergie vom Arbeitstag noch übrig ist.

Kreuzworträtsel am Feierabend

Im Hochsommer kam noch ein junger Herr dazu. Ein Praktikant in meiner Abteilung, der mit dem gleichen ICE immer nach Mannheim fuhr. Wir hatten jeden Tag die Zufahrt zusammen und den jeweils 20-minütigen Weg vom Bahnhof zum Verlag. Nach ein paar gesprächsintensiven Pendeltagen war ich an einem Abend völlig platt. Da hatte ich ein Idee: Kreuzworträtsel. Das können wir gemeinsam tun, ohne dass es zuviel Energie kostet.

So saßen wir wochenlang abends im Zug und knobelten zusammen: Fluss in Italien mit vier Buchstaben. Wasserblume mit sieben oder Stadt in Niedersachsen mit fünf. Unsere Köpfe haben geraucht.

Nach elf Monaten kann ich sagen: Wer mit dem ICE zur Arbeit fährt, sieht mehr von der Welt. Ich begegne Menschen und Dinge, die mich raus aus meiner Filterblase katapultieren, ja, meinen Horizont erweitern. An manchen Tagen fluche ich, vor allem im Herbst, wenn es dunkel und grau ist. Pendeln ist anstrengend, aber es hat auch seine gute Seiten.

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One thought on “Kurioses: Pendeln II

  1. Christine Lagarde sagt:

    Lassen Sie sich vom deutschen Staat bloß nicht täuschen!
    Er schuldet Ihnen für diesen brillianten Text nichts.
    Außer der Pendlerpauschale.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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