2. Dezember 2019

Schmöker: “Altes Land” von Dörte Hansen

Mehr als ein Frauenroman!

Annes Welt gerät gehörig ins Wanken, als ihr Mann sie betrügt – mit der hübschen Lektorin mit den blutroten Fußnägeln, den langen schwarzen Haaren und dem weißen Wagen. Christoph liebt Carola. Die Gewissheit haut Anne um. Die junge Mutter will nur noch weg. Raus aus Hamburg-Ottensen. Sie packt ihre Habseligkeiten zusammen, setzt ihren kleinen Sohn Leon in einen Sprinter und fährt zu ihrer kranteligen Tante Vera, die auf einem heruntergekommenen Hof auf dem “Alten Land” lebt – seit 60 Jahren. Nach dem Zweiten Weltkrieg landete sie als kleines Mädchen in dem ächzenden Haus mit Reetdach – ausgehungert und durchgefroren nach dem langen Marsch aus Ostpreußen.

Genug vom Prenzlauer Berg des Nordens

Zwei Flüchtlinge der unterschiedlichsten Art treffen so in dem Roman „Altes Land“ von Dörte Hansen aufeinander. Vera, das ehemalige „Polackenkind“ und Anne, die von Ottensen, dem Prenzlauer Berg des Nordens, und den scheinbar „zivilisierten und wohltemperierten Beziehungen“ nun endgültig genug hat. Genug von einer Welt, wo Verlassene nicht handgreiflich werden, sondern ein Wellness-Wochenende auf Sylt buchen, eine Weile auf La Gomera trommeln, in Andalusien Yoga lernen, sich die Haare schneiden lassen oder ein kurzes Kleid kaufen. „Und wenn das alles nicht half, setzte man sich bei einer Therapeutin in einen knarzenden Korbsessel und versuchte die geknickte Seele für 80 Euro die Stunde wieder aufzurichten.“

Was die beiden Frauen vereint: ihre Unangepasstheit. Auch Vera fällt im Dorf auf – bereits seit ihrer Kindheit. Sie knallte bereits als junge Dame Hasen und Rehe ab. Grüßte nur, wann es ihr passte und badete splitternackt in der Elbe. Statt einen anständigen Mann zu heiraten und Kinder zu bekommen, ging sie zunächst in die Stadt, um zu studieren, kam zurück, arbeitete als Zahnärztin und kümmerte sich um ihren nervenkranken Stiefvater. Von Jahr zu Jahr wurde sie einsilbiger und eigenbrötlerischer, isolierte sich selbst in dem alten Bauernhaus, in dem es immer mehr durch die Fenster zieht und die Farbe von der Fassade abfällt.

Keine Romantisierung des Dorflebens

Stadt vs. Land: Es ist der Gegensatz, der „Altes Land“ so wunderbar lesenswert macht. Einen Gewinner gibt es nicht. Dörte Hansen beleuchtet nicht nur die Stadtneurotiker, sondern zeigt auch die Ecken und Kanten des Dorflebens. Idylle und Romantik? Kommt hier nur bedingt auf. Die Autorin zeigt neben all der Natur und Stille, die es auf dem Land gibt, auch die Verzweiflung von Hofbauern, deren Nachwuchs lieber wegzieht, als Viehzucht und Ackerbau zu betreiben. Sie erzählt außerdem von harten Wintern, die in ihrem Grau und der Kälte zu Depressionen führen – und sie zeigt anhand eines Ehepaars, das von der Stadt aufs Land floh, dass auch dort nicht die Rettung liegt. Sondern dass zwischen Apfelbäumen und weiten Feldern das Leben ganz schön einsam sein kann.

Kitschgefahr rechtzeitig abgewendet

An manchen Stellen droht kurz die Gefahr, dass „Altes Land“ in einen typischen Frauen-Roman mit Kitschpotential abdriftet. Doch jedes Mal, wenn die Handlung samt ihrer Protagonisten ins Schlingern kommt, sich dem trivialen Abhang nähert, schafft Dörte Hansen die Wendung – auch dank ihrer schönen, ausgefeilten Sprache und ihrem Hang zu sehr realistischen Geschichten.

Die treffsichere Milieubeschreibung ist für mich definitiv die Stärke des Romans. Es ist ein Vergnügen zu lesen, wie genau die Autorin die neurotischen Frauen in Ottensen mit ihren Camper-Schuhen auf dem Spielplatz beschreibt: „Mütter, die, wie gutmütige Familienhunde, die Schnuller und Trinkfalschen apportiertem, die ihre Kleinkinder aus den Buggys warfen.“

Geschichten vom Fallen, Aufstehen und Kämpfen

Aber Dörte Hansen erinnert in Zeitsprüngen auch daran, wie hart das Ankommen der Vertriebenen nach dem Zeiten Weltkrieg war – wie sie in der neuen Heimat gegen die Ablehnung kämpfen mussten, wie verloren sie waren und welche Narben blieben. „Altes Land“ erzählt Geschichten vom Fallen, Aufstehen und Kämpfen. Die Geschichte hat mich auch deshalb so berührt, weil sie so nah dran ist am tatsächlichen Leben. Sie zeigt, wie viel einfacher wir den Stürmen standhalten können, wenn wir uns gegenseitig unterstützen – und nicht bekämpfen.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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