29. Dezember 2019

Heimat: “Der Antrag”

Warum der Mann nicht alles tun muss!

Es war ein wunderbarer Tag im Spätsommer. Die ersten roten und braunen Blätter lösten sich von den Bäumen, schwebten durch die Luft und landeten sanft auf dem Asphalt, als ich mit meiner Freundin spazieren war. Es war eine friedliche Stimmung, ihre drei Monate alte kleine Tochter schlummerte im Kinderwagen, wir plauderten über das Leben, über all das Gute und Anstrengende, als meine Freundin plötzlich sagte: „Weißt du was: Ich möchte so gerne heiraten, aber er fragt mich einfach nicht.“

Irritiert schaute ich sie an. „Dann frag’ du ihn doch“, meinte ich, ernsthaft, ohne Ironie. Ihr Blick: erschrocken. „Nein, nein, nein“, entgegnete sie mir. In diesem Punkt sei sie altmodisch. Das müsse der Mann tun.

Ich blieb stehen, es schüttelte mich. Ernsthaft?

Emanzipation: ade!

Zeitreise in die 1950er-Jahre

Diese Situation erlebte ich nicht zum ersten Mal. Schon seit Jahren läuft dieses Schema in meinem kleineren und größeren Umfeld ständig ab, gefühlt reise ich wöchentlich zurück in die 1950er-Jahre. Die moderne Frau: Spätestens wenn es um die Themen Kinder und Heirat geht, verschwindet sie, löst sich so oft auf in schneeweiße Tüllträume mit Schleier, Blumenkränzen auf dem Kopf und dem Leben zwischen Lego und Spielplätzen.

Bis Anfang 30 dachte ich, die Damen meiner Generationen seien im 21. Jahrhundert angekommen, freuten sich all der Kämpfe, die die starken Frauen in den vergangenen 100 Jahren ausgefochten haben. Dass wir arbeiten dürfen, ohne unseren Mann um Erlaubnis fragen zu müssen, dass wir unseren Namen behalten, Vergewaltigung in der Ehe anzeigen und bei allen wichtigen politischen Entscheidungen wählen können. Und dass wir nach dem Stillen aushandeln können, wer Zuhause bleibt. Es nicht selbstverständlich die Frau sein muss.

Gleichberechtigung wie in Skandinavien

Doch die Realität sieht anders aus. Nur in Ausnahmen erlebe ich Mütter, die ihren Beruf mit vollster Leidenschaft ausleben, die mit ihrem Mann hart diskutieren, denen es nicht nur auf das Geld ankommt – sondern um ihre Autonomie, um ihre Freiheit und die die Rente schon im Blick haben. Und die sich danach sehnen, ihren Job weitermachen zu können. Nicht in 100 Prozent Vollzeit, aber so, dass sie den Anschluss auf keinen Fall verlieren.

Meist sind es die selbstständigen Frauen um mich herum, die Künstlerinnen, Fotografinnen, Produktdesignerinnen, Journalistinnen, die sich für den Weg entscheiden. Die auch mit ihren Ingenieurs-Männern alles genau aushandeln und das Argument, dass er mehr verdient, nicht als alleiniges Kriterium nehmen, die lieber auf Geld verzichten und in einer kleineren Wohnung wohnen bleiben. Das finde ich toll, sie sind meine Vorbilder, sie führen Beziehungen, die sich an skandinavischen Modellen orientieren. Die Gleichberechtigung in der Realität leben. Jeder arbeitet 75 Prozent – beispielsweise.

Der reinste Stress!

Viel Trara und Blingbling: Auch beim Thema „Hochzeit“ rutschen viele Frauen wieder in die konservativen Konventionen ab. Immer noch erwarten so viele Damen, dass der Herr den Antrag machen muss. Am besten mit viel Spektakel – in einem fancy Restaurant, im romantischen Urlaub, bei einem spektakulären Ausflug. Oder an Weihnachten unter dem bunt funkelnden Tannenbaum.

Dabei gibt es so viele sensible Männer, für die das der reinste Stress ist. Denen das monatelang schwer im Magen liegt. Die es aber machen, weil es Frau von ihnen erwartet. Ich finde das Quatsch. Warum kann nicht derjenige in einer Beziehung den Antrag machen, dem eine Heirat wichtiger oder der emotional stärker ist. Wenn das der Mann ist: cool. Wenn die Frau: eben auch cool.

Eine toughe Lady kann sich doch auch aus etwas Nettes ausdenken und einen Ring zücken. Oder warum nicht einfach offen darüber reden und es gemeinsam beschließen?!

Zeiten ändern sich!

Das habe ich auch meiner Freundin gesagt. Und wie wichtig ich es finde, dass wir aktiv unser Leben gestalten, nicht passiv abwarten, was der Mann macht. Gestalten, agieren und für unsere Wünsche einstehen. Sie schaute mich an, sagte lange nichts, dann nickte sie. „Ja, vielleicht sollte ich ihm sagen, wie wichtig mir das ist.“ Nun nickte ich.

Es war ein wunderbarer Tag im Spätsommer. Die ersten roten und braunen Blätter lösten sich von den Bäumen, schwebten durch die Luft und landeten sanft auf dem Asphalt.

Zeiten ändern sich. Zum Glück.

(Visited 315 time, 1 visit today)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

Newsletter abonnieren
Etwas verloren?
Vergangenes
Facebook
Instagram
Instagram@miriam_steinbach