18. Januar 2020

Schmöker: “I love Dick” von Chris Kraus

“I love Dick”: einfach nur anstrengend

Bereits nach fünf Seiten kam ich ins Zweifeln. Das soll das „wichtigste Buch über Frauen und Männer im 20. Jahrhundert sein“ (The Guardian)?! Und „mitreißend schön“ (Der Spiegel)?! Ich war irritiert. Denn von der ersten Seite an fehlte mir bei „I love Dick“ jegliches Gefühl. Vielmehr liest sich der Roman von Chris Kraus konstruiert und schwerfällig. Die Liebe in „I love Dick“ verkommt zur Performance. Jede Handlung der verkopften Protagonistin ist durchdacht. Die Sätze sind absolut nüchtern geschrieben, an keiner einzigen Stelle war ich berührt. Freude beim Lesen? Fehlanzeige. Auf Seite 161 von 292 resignierte ich und gab den literarischen Kampf auf.

Wer hat bitte mit dem Schwachsinn angefangen?

PoMo-Rhetorik, apokryph und wer bitte ist Vita Sackville-West? Manchmal frage ich mich wirklich, wie zahlreiche Kritiker im Feuilleton auf die Idee kommen, Romane in den Himmel zu loben, bei denen ein durchschnittlich gebildeter Leser ständig mit Fragezeichen über dem Kopf auf der Couch sitzt. Google ich das jetzt oder gehe ich das Risiko ein, wieder etwas nicht verstanden zu haben? Mit diesem Konflikt war ich bei „I love Dick“ ständig konfrontiert.

Amazon hat eine Serie daraus gemacht

Eigentlich klingt die grundsätzliche Konzeption des Buches sehr gut. Chris Kraus, eine Künstlerin aus den USA, verliebt sich bei einem Abendessen in Dick, einen Freund ihres Mannes Sylvère. Völlig von ihren Gefühlen übermannt, beginnt sie ihm Briefe zu schreiben – zunächst gemeinsam mit Sylvère, später dann alleine. Amazon hat daraus sogar eine Serie gedreht.

Nerviges Namedropping

Fiktion oder nicht? So ganz klar wird es nicht. Jedoch bringt Chris Kraus viele autobiografische Fakten in den Roman mitrein. Sie schreibt von ihren Kämpfen als Videokünstlerin und ihren Selbstzweifeln als Frau. In den zahlreichen Briefen und Essays kombiniert sie außerdem kulturkritische Aspekte mit feministischer Theorie. Das ist an vielen Stellen nur leider unfassbar anstrengend für jemanden, der nicht eh schon tief in diesen Disziplinen steckt. Das Einzige, was ich daraus schließen kann, ist, dass die Autorin wohl sehr klug ist. Leider bringt mir das gar nix, wenn es sich dabei nur um ein Namedropping handelt, sie ständig Dinge nur anreißt, nicht vertieft, und ich dadurch nichts davon mitnehmen kann.

Außerdem wuchs bei mir von Seite zu Seite die Abneigung gegen diese neurotische Frau. Sie schreibt einen Brief nach dem anderen – in einem völligen Wahn, der für mich absolut nix mit Liebe zu tun. Immer wieder dachte ich nur: Warum steigert sie sich denn bitte so hinein?

Nur für eine kleine Zielgruppe gedacht

„I love Dick“ ist wohl nur für eine ganz kleine Zielgruppe geschrieben – für Menschen, die entweder Kulturtheorie oder ein ähnliches Fach studiert haben. Oder generell ein großes Interesse an diesen Themen haben und bereits ein Vorwissen mitbringen. Wer nicht dazu gehört, wird mit dem Werk von Chris Kraus wohl keine Freude haben. Schade.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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