8. März 2020

Heimat: “Amnesie”

Attentat in Hanau: Wie konnte es passieren?

Es war der Freitag nach dem Attentat auf eine Shisha-Bar in Hanau, als ich kopfschüttelnd und fluchend im ICE saß. Ich hatte gerade die Zeitung aufgeschlagen, die ich auf meiner 28-minütigen Pendelstrecke jeden Morgen lese – und entdeckte dort eine Sonderseite zum Thema Rechtsextremismus in Deutschland. „Wie konnte es soweit kommen?“, stand da.

Wirklich? Ist das euer Ernst?

Ich spürte wie, wie sich alles in mir zusammenzog, es zu brodeln anfing. „Ist das euer Ernst?“, hämmerte es in meinem Kopf. „Stellt ihr nun wirklich diese Frage – nach all der Berichterstattung gegen ausländische Menschen in den vergangenen Jahren?!“

Da leiden wohl Redakteure an Amnesie! Meine Gedanken schweiften zurück.

Ein Zusammentreffen voller Liebe

Rückblick: Es war im September 2015, als ich zum ersten Mal in der Notunterkunft Kriegsstraße 200 landete. Mit einer Freundin hatte ich beschlossen, dort bei der Kinderbetreuung zu helfen. Malen, basteln, spielen.

An einem sonnigen Freitagabend kamen wir dort an, setzten uns mit den Kleinen auf Bierbänke, kreierten mit Buntstiften experimentelle Ergebnisse und drehten Memorie-Karten um – und wieder zu. Es war ein wunderschöner friedlicher Spätsommerabend und fühlte sich richtig an.

Das Lächeln der Kinder, die Freundlichkeit der Erwachsenen: Von diesem ersten Tag an spürte ich die unendlich große Kraft, die von diesen persönlichen Begegnungen ausging. Mit den „Freedom Skaters“ fand ich kurze Zeit später ein Projekt, das nur so von Liebe sprudelte.

Innerhalb kürzester Zeit begegnete ich so den unterschiedlichsten Menschen. Ihre Gemeinsamkeit: Alle halfen sich gegenseitig, unterstützten sich. Darunter: Zahlreiche arabische Männer, die mir die Hand reichten, oft Tränen in den Augen hatten, weil sie sich so sehr freuten, dass wir mit ihren Kindern Zeit verbrachten.

Tendenziöse Nachrichten

Die Berichterstattung in den verschiedenen Medien verfolgte ich in dieser Zeit sehr genau. Ich tobte regelmäßig. Immer wieder entdeckte ich besonders in konservativen Tageszeitungen, dass plötzlich ein Ladendiebstahl unter 200 Euro eine Meldung wert war – verbunden mit der Aussage, dass der Täter ein Geflüchteter ist. Von Deutschen war nie die Rede. Der Lesende bekam dadurch ständig Ausschweifungen von Geflüchteten präsentiert. Ohne Einordnung.

Die Lage eskalierte in Karlsruhe, als eine Frau einem geflüchteten Studenten eine Vergewaltigung vorwarf, plakativ stand es in den Überschriften der Medien. Tagelang. Der Unmut in der Stadt war enorm. Die Vorurteile wuchsen. Dass letztlich alles haltlos war, gar nicht stimmte – diese Meldung verpuffte. Die Ressentiments aber waren da, blieben.

Wer ist hier übergriffig?

Bei jeder weiteren Meldung, bei der Medien unreflektiert Straftaten mit Geflüchteten in Verbindung brachten, fühlten sich all diejenigen bestätigt, die um die innere Sicherheit bangten – und die sich plötzlich um deutsche Frauen sorgten. Ausgerechnet die weißen Typen, die Damen auch ungefragt den Arm um die Hüfte legen oder einen Klaps auf den Oberschenkel oder den Po geben.

Dass Medien eine enorme Macht haben, war mir zuvor schon bewusst. Aber 2015/2016 spürte ich zum ersten Mal die große Verantwortung, die Redakteure für das gesellschaftliche Zusammenleben haben – vor allem dann, wenn ihr Medium das Monopol in einer Region hat und niemand etwas dagegen setzt.

Als ich innerlich deshalb fast platzte, begann ich 2016 auf Facebook immer wieder Posts dagegen zu setzen. Schrieb auf dem Blog positive Geschichte über Jasmin und Jehad, um das Bild zu erweitern. Um zumindest in meinem kleinen Mikrokosmos etwas zu bewegen.

Zündeln, Vorurteile befeuern und sich wundern, wenn es brennt?

Es sind aber nicht allein die Medien. Auch Friedrich Merz sprach vor Kurzem in seiner Bewerbungsrede für den CDU-Vorsitz davon, dass er wachsenden Rechtsextremismus durch die Bekämpfung von Clans reduzieren möchte. Whaat? Was ist das für eine verquere Logik?

Zwei verschiedene Baustellen!

Um nicht zu verwirren: Auch ich finde es wichtig, etwas gegen die Clankriminalität zu tun. Aber für mich sind es verschiedene Baustellen. Um gegen Fremdenfeindlichkeit vorzugehen, wäre es ein erster Schritt, endlich damit aufzuhören, ausländische Menschen ständig mit unehrenhaften Delikten in Verbindung bringen. Und nicht den Verirrten noch mehr Material zu liefern, mit dem sie sich in ihren Ausländerhass steigern können. Wie wäre es stattdessen damit, für mehr persönliche Kontakte zu sorgen? Und Aufklärungsarbeit in Schulen und Vereinen zu leisten?

Mehr verantwortungsbewusste Medien!

Jeder einzelne rechtsextreme Täter ist in unserer Gesellschaft sozialisiert. In ihr werden Grenzen bestimmt. Medien und Politiker spielen dabei eine große Rolle. Die AfD hat bereits neue Standards gesetzt. Im negativen Sinne. Ziel darf es doch nun nicht sein, ihr noch näher zu rücken, um Wählerstimmen zu bekommen. Vielmehr muss es darum gehen, die Menschen wieder auf die helle Seite zu holen – durch gute Argumente und eine verantwortungsbewusste Berichterstattung. Jeder einzelne Satz und jede einzelne Meldung zählen.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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