17. März 2020

Schmöker: “Der Gang vor die Hunde” von Erich Kästner

“Der Gang vor die Hunde”: ein wunderbares Buch

Arbeitslose Männer auf der Suche nach Sinn, eine pulsierende Berliner Unterwelt und ein erstarkender Rechtsextremismus: Erich Kästner hatte ein unfassbar gutes Gespür für die gesellschaftlichen Verhältnisse, als er Ende der 1920er-Jahre „Der Gang vor die Hunde“ schrieb.

Er zog dabei alle Register und brachte die „anatomische Verschiedenheit der Geschlechter“ so genau auf den Punkt, dass der Verlag den Roman zunächst nur zensiert veröffentlichte – und auch den Titel änderte: Aus „Der Gang vor die Hunde“ wurde „Fabian“. Erich Kästner kommentierte sein Werk mit diesen Worten: „Dieses Buch ist nicht für Konfirmanden, egal wie alt sie sind.“

Unterhaltsam und klug

2013 erschien nun die Rekonstruktion der Ursprungsversion. Sie enthält unter anderem „Ein Nachwort für die Sippenwächter“ und „Ein Nachwort für die Kunstrichter.“ Außerdem sind die verschiedenen Vorworte von Neuauflagen nachzulesen sowie die zensierten und veränderten Passagen.

Mit großer Begeisterung habe ich diesen Roman gelesen. Vor allem Kästners Protagonist Jakob Fabian wuchs mir sehr ans Herz. Ein Moralist, wie er sich selbst bezeichnet, der geplagt ist von Arbeitslosigkeit, Geldsorgen und Liebeskummer. Philosophische Fragen treffen auf Humor und die genaue Analyse einer geplagten Gesellschaft zwischen zwei Weltkriegen. Für mich ist „Der Gang vor die Hunde“ einer der unterhaltsamsten Klassiker der deutschen Literatur.

Jakob Fabian stolpert durch Berlin

„Der Gang vor die Hunde“ ist die Geschichte von Jakob Fabian, einem promovierten Philologen, der als Werbetexter arbeitet. Zunächst scheint es, als würde er unbekümmert und neugierig durch das Berliner Leben stolpern. Er vergnügt sich in zwielichtigen Einrichtungen, lässt sich von einer verheirateten Frau abschleppen und macht sich mit seinem Freund Stephan Labude über das Spießbürgertum lustig.

Für Jakob Fabian sind Heiraten und Reichtum keine erstrebenswerten Ziele. Zu arbeiten, nur um Geld zu verdienen? Nein, das kommt für ihn nicht in Frage. „Ich bin kein Kapitalist“, betont Jakob Fabian.

„Er sieht, dass die Zeitgenossen, störrisch wie Esel, rückwärts laufen, einem klaffenden Abgrund entgegen.“

Erich Kästner über seinen Protagonisten

Jakob Fabian beobachtet die gesellschaftlichen Verhältnisse ganz genau – und sieht sich Ende der 1920er-Jahre selbst in einem Wartesaal.

“Und wieder wissen wir nicht, was passieren wird. Wir leben provisorisch, die Inflation nimmt kein Ende.”

Den Untergang Europas prognostiziert Jakob Fabian vorher. Während er jedoch nur als kritischer und pessimistischer Beobachter tätig ist, keine Anstalten macht, aktiv etwas zu verändern, engagiert sich sein Freund Stephan Labude und wünscht sich eine Revolution herbei.

Eine Warnung!

Mit seinem ursprünglichen Titel „Der Gang vor die Hunde“ wollte Erich Kästner warnen. Und mit dem heutigen Wissen, wie sich die Situation im Laufe der 1930er-Jahre weiter entwickelte, ist es beeindruckend, wie richtig der Autor mit seinen Prognosen lag. Kästner beschreibt im Jahr 1950 rückblickend die Situation folgendermaßen:

„Es trieb manche, sich dem Sturm und der Stille dagegenzustellen. Sie wurden beiseite geschoben. Lieber hörte man den Jahrmarktschreiern und Trommlern zu, die ihre Senfpflaster und giftige Patentlösungen anpriesen. Man lief den Rattenfängern nach, hinein in den Abgrund, in dem wir nun, mehr tot als lebendig angekommen sind und uns einzurichten versuchen, als sei nichts geschehen.

Erich Kästner

Ohne Happy End

„Der Gang vor die Hunde“ ist sehr sachlich und in einem journalistischen Stil geschrieben. Erich Kästners Sätze sind schnörkellos und einfach zu lesen. Der Inhalt blüht dagegen. Er beschreibt das pulsierende Berlin so detailliert, dass mühelos bunte Bilder in meinem Kopf erschienen. Ein Happy End gibt es nicht – weder im Buch, noch in der Realität. 1933 gewann Adolf Hitler die Wahl. Es war der Gang vor die Hunde.

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Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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