10. Mai 2020

Kurioses: “Umzug”

„Does it spark joy?“

Gerade packe ich Kisten. Jeden Abend stehe ich deshalb in meiner Wohnung und überlege mir: Was kommt mit, was nicht? Ich gehe dabei vor, wie es Marie Kondo gerne tut. „Does it spark joy?“, frage ich mich immer wieder, wenn ich einen verstaubten Gegenstand in meinen Händen halte. Alte Bücher, Secondhandtaschen, Deko-Bienenwachs-Kerzen, die das Sonnenlicht ein wenig verbogen hat. Hab ich noch Freude dran oder nicht? Ist das Kunst oder kann das weg?

Bei dieser Tabula Rasa durch meinen Haushalt, fallen mir immer wieder Erinnerungsstücke in die Hände. Eine riesige Foto-Collage aus der Schulzeit beispielsweise.

Flashback.

Ganz schön viel Schabernack getrieben

Den Anfang der 00er-Jahre haben meine Schul-Freundinnen und ich voll ausgelebt – wir hatten unsere Romanzen mit Herren in und außerhalb unserer Klassen. Knutschten in Landschulheimen, tranken heimlich Wodka. Und statt im Sportunterricht saßen wir in der Oberstufe nachmittags in Cafés und schlürften Latte Macchiato Karamell.

Sowohl dienstags als auch donnerstags gab es in unseren Lieblingskneipen Happy Hours. Die erste Schulstunde fiel für uns deshalb öfters aus. Um 6 Uhr aufstehen, das war dann einfach nicht möglich. Meine Deutsch-LK-Lehrerin nahm es mir besonders übel. Dreimal hatte ich dieses Fach zur ersten Stunde in der Woche. Ein Desaster. Ich war kaum anwesend. Die Verwandlung. Berlin Alexanderplatz. Meine Interpretationen in den Klausuren waren intuitiv und wild.

Geschadet hat es uns allen nicht. Das Abitur schafften wir trotzdem. Einen Studienplatz für unser Wunschfach bekamen wir alle. Über die Erinnerungen bin ich sehr dankbar, sie bleiben für immer. Es war eine aufregende Zeit.

Die ersten Schreibversuche

Während ich in meiner Wohnung ausmiste, muss ich immer wieder daran denken, wie es war, als ich vor acht Jahren dort einzog. Damals hatte ich gerade mein Volontariat bei einer Tageszeitung beendet, war Jung-Redakteurin. In meinem Keller fand ich einen Leitz-Ordner mit meinen ersten Zeitungsartikeln – ausgeschnitten und fein säuberlich abgeheftet.

Da es in dem Keller ein wenig feucht ist, waren die Blätter bereits leicht gewellt und die Bilder ein wenig ramponiert. Die wichtigen Herren, die ich bei Spatenstichen oder Spendenübergaben traf, hatten nun ein verquollenes Gesicht. Als ich die Zeitungsartikel durchblätterte, sahen die Männer alle ein wenig aufgeweicht und mitgenommen aus. Frauen tauchen auf diesen Bildern fast nie auf.

Das waren noch Zeiten, als ich für Lokalredaktionen unterwegs war. Ältere Herren, die mich einfach duzten und mehr mit mir flirteten, als sich ernsthaft mit mir zu unterhalten.

Puh, zum Glück sind diese schrägen Termine vorbei, dachte ich. Der Kampf ist überstanden. Diese Erinnerungen? Brauche ich nicht. Der Ordner flog in den Müll.

Die schönsten Party-Pics

Auch einzelne Fotografien tauchen in allen möglichen Ecken meiner Wohnung auf. Meist von Einwegkameras, die wir oft dabei hatten, bevor es möglich war, mit Handys alles festzuhalten. Auf den meisten Bildern abgelichtet: meine Freundinnen. Auf Festivals mit schlammbespritzten Jeans und Cuba Libre in der Hand, auf Geburtstagspartys, bei denen wir morgens um 5 Uhr nicht mehr wirklich unsere beste Seite präsentierten. Außerdem Erinnerungen an viele Mädels-Urlaube. Stockholm, Dresden, Hongkong, Istanbul, Amsterdam, Cornwall oder Athen.

Das war schön. Die Freundinnen sind alle noch da. Aber die Zeiten haben sich geändert. Hochzeiten wurden wild gefeiert. Babys kamen. Aber nicht im Gleichschritt. Die letzte gemeinsame Party? Sie ist lange her. Auch zusammen wegfahren, ist kaum mehr möglich. Das ist schade und in manchen Momenten bin ich traurig darüber. Diese Aktivitäten waren schön, sie fehlen mir.

Aber, Halt, Stopp, Bye-Bye Melancholie. Die Freundschaften sind nicht weg, sondern nur anders. Die Rahmenbedingungen haben sich in den vergangenen acht Jahren verändert. Wir mussten uns loslassen, wieder neu finden. Aber das innere Band hält. Zum Glück. Nun gibt es Sekt am Sonntagmittag statt am Samstagabend. Tagesausflüge ins Elsass statt Urlaube in ferne Länder. Die bunten Fotografien schaue ich gerne an – und packe sie ein.

Keine Chance für die Kochbücher

Fast kein Buch hat es in meiner Kochbuch-Sammlung überlebt. Es ist verrückt, wie sich in den vergangenen acht Jahren die Essgewohnheiten verändert haben. Wer bitte hat heute noch einen Wok zuhause? Und schnell und billig Kochen für 2 Euro? Das ist zum Glück nicht mehr notwendig. Auch die Rezepte sind fast ausnahmslos mit Fleisch. Frikadellen, Hühner Frikassee. Diese Bücher wandern alle in meine Spenden-Kiste. Mit dürfen nur die neueren Werke – unter anderem von Ella Woodward.  

Reise durch die Vergangenheit

Bis zu diesem Auszug war mir außerdem nicht bewusst, wie riesig meine Jutebeutel-Sammlung ist. Im Kleiderschrank, an der Garderobe, an Türgriffen hängend: Überall in der Wohnung habe ich welche gefunden. Eine ist verziert mit dem grünen Kopf von Kurt Krömer, eine andere stammt aus Hamburg, auch in Istanbul habe ich eine als Souvenir gekauft. Außerdem in Tel Aviv im Bauhaus-Center. Bei der Digitalmesse republica in Berlin gab es auch jedes Jahr eine. Meine Jutebeutel-Sammlung ist deshalb wie eine Reise durch meine Vergangenheit. Alle behalten? Es hätte Messi-Tendenzen. So packe ich nun alle Dinge, die ich der Diakonie spende, in diese Taschen. Gebe meine Erinnerungen weiter, lasse sie los.

Gerade stehe ich jeden Abend in meiner Wohnung und überlege mir: Was kommt mit, was nicht? Ich gehe dabei vor, wie es Marie Kondo gerne tut. „Does it spark joy?“, frage ich mich immer wieder, wenn ich einen verstaubten Gegenstand in meinen Händen halte. Ist das Kunst oder kann das weg? Einiges darf bleiben, Vieles fliegt weg.

Neustart.

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2 thoughts on “Kurioses: “Umzug”

  1. Freischlag Carmen sagt:

    Wünsche euch viel, viel Glück und viel Spaß in eurer neuen Wohnung. L. G.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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