8. Juni 2020

Heimat: “Ein Abend mit Lisa Bergmann im Künstlerhaus Karlsruhe”

Das ist Lisa.

Warum sind Männer in der Kunstwelt erfolgreicher als Frauen?

Es ist eine pastellfarbene Wolke, die meine komplette Aufmerksamkeit auf sich zieht, als ich Anfang Juni zum ersten Mal im Künstlerhaus des Berufsverbands Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK) Karlsruhe stehe. Künstlerin Takaso Azusa hat das flüchtige Gebilde, das sonst am Himmel vorüberzieht, mit Keramik festgehalten, ihm damit Konstanz verlieren. Schlieren befinden sich auf der Wolke. Ein Blitz hat sich außerdem in sie gegraben. Ihr Glanz lässt mich an vergangenen Regen denken, an ein Unwetter, das sie überstanden hat. Von ihrem Profil erinnert sie an ein Wesen – mit Augen, Nase und Mund. Die Wolke scheint skeptisch nach oben zu schauen, als suche sie nach Antworten.

Abstrakte Malereien, Skulpturen, Fotografien und Illustrationen. Die Arbeit von Takaso Azusa ist ist eine von mehr als 50, die derzeit im Künstlerhaus anlässlich der Ausstellung „In neuen Zeiten“ zu sehen sind. Eingeladen hat mich an diesem Abend Lisa Bergmann. Sie ist Vorsitzende des BBK Karlsruhe, freischaffende Künstlerin und Kuratorin. Es sind vor allem zwei Themen, über die wir in den nächsten 2,5 Stunden sprechen: die prekäre Lage vieler Künstler*innen und insbesondere die Situation von Künstlerinnen.

Liebe Lisa, wie habt ihr zu Corona-Zeiten nun die Ausstellung „In neuen Zeiten“ organisiert?

Lisa: Bei der Vorbereitung gab es kaum Unterschiede zu sonstigen Veranstaltungen – außer der Maskenpflicht beim Aufbau. Leider können wir aber keine Vernissage veranstalten, da die Auflagen, die nun wegen Corona gelten, zu aufwändig für uns sind. Wir müssten beispielsweise extra Slots einrichten, damit nicht zu viele Menschen auf einmal in den Räumen sind, und mehr Aufsichtspersonal organisieren, das sie kontrolliert.

Aber wir werden die Arbeiten zunächst eine Woche lang online zeigen. Das hat bei unserer gerade zu Ende gegangenen Druckgrafik-Ausstellung sehr gut funktioniert. Es sind auf diese Art auch Arbeiten verkauft worden. Nach dieser Online-Woche haben wir donnerstags und freitags geöffnet. Außerdem gibt es vereinzelt sonntags Termine, die auf unserer Webseite nachzulesen sind.

Was ist deine Beobachtung, wie geht es gerade vielen Künstler*innen?

Lisa: Es ist eine schwierige Situation. Aber ganz ehrlich: Das war es auch schon vor Corona. Etwa 90 Prozent aller Künstler*innen können nicht von ihrer Kunst leben, sondern haben oft noch zwei oder drei Nebenjobs. Das ist doch eine verrückte Situation. Gleichzeitig besteht aber oft auch bei den Künstler*innen der Druck, so zu tun, als sei dieser Zustand okay. Obwohl es ein unbefriedigender Zustand ist, spielen alle mit. Das führt soweit,dass sich manche Künstler selbst vor Ausstellungen um die Öffentlichkeitsarbeit kümmern oder nach Sponsoren suchen – unentgeltlich. Ich finde es wichtig, solche strukturellen Schiefstände anzusprechen, selbst wenn es weh tut. Aber wir müssen Probleme benennen, um die Arbeitssituation auch verbessern zu können.

Wie könnte eine Verbesserung konkret aussehen?

Lisa: Für mich ist das Thema Ausstellungsvergütung hochinteressant. Das wird zwar von vielen Stellen abgeblockt und auch einige Künstler*innen stehen ihr skeptisch gegenüber. Aber auf der anderen Seite ist in der Musikbranche die GEMA selbstverständlich. Wer ein Restaurant hat und das Radio laufen lässt, weiß, dass er für die Nutzung von Musik Gebühren bezahlen muss. Das ist eine Frage der Gewohnheit. Warum wird in der Bildenden Kunst ausgerechnet denen, um die es in Ausstellungen geht, nichts gezahlt? Verkäufe bringen selten die Ausgaben wieder rein.

In anderen Ländern funktioniert es mit der Ausstellungsvergütung hervorragend. In Schweden hat sie sich beispielsweise bestens etabliert. Und Künstler*innen in Polen sagen: „Wir stellen nicht aus, wenn wir dafür kein Honorar bekommen. Das ist unsolidarisch, wir gefährden unsere Kollegen, wenn wir uns nicht alle daran halten.“

Woher könnte das Geld für solch eine Vergütung kommen?

Lisa: Es gibt dafür erarbeitete Richtlinien und Vorschläge. Der BBK-Bundesverband arbeitet beispielsweise bereits seit Jahrzehnten daran. Es ist kein neues Thema. Eine Lösung ist, dass Bundesländer einen extra Topf für die Honorare der Künstler*innen bereit stellen. Das wird dann nicht abgezogen vom Budget, das der Ausstellung zugute kommt, sondern ist unabhängig davon.

Es gibt positive Beispiele in Deutschland: In Berlin macht das der Senat seit 2016. Die Ausstellungsvergütung ist ein verschwindend geringer Teil davon, was letztlich insgesamt für Kunst-Veranstaltungen ausgegeben wird. Auch in Hamburg wurden nun 100.000 Euro für Künstlerhonorare zur Verfügung gestellt, nächstes Jahr werden es sogar 200.000 Euro sein. Halle an der Saale und auch das Land Brandenburg haben schon zugestimmt.

In Baden-Württemberg war das lange kein beliebtes Thema. Aber vielleicht ändert sich nun etwas durch Corona. Schließlich wird gerade wieder sehr sichtbar, wie prekär viele Künstler*innen leben. Schwierig ist es vor allem für Frauen. Es gibt immer noch einen riesigen Pay-Gap zwischen ihnen und den Männern.

Woran liegt das?

Lisa: Das ist komplex. Vordergründig hat man oft den Eindruck, es ist alles sehr ausgeglichen. Aber es ist immer noch so, dass Männer grundsätzlich mehr Ausstellungen und dadurch mehr Aufmerksamkeit bekommen. Außerdem werden Werke von ihnen auch öfter gekauft, da Menschen, die Geld haben, meistens Männer sind, die – soziologisch formuliert – Menschen mit „ähnlichem sozialen Hintergrund“ wertschätzen und fördern. Das läuft oft unbewusst ab, ist aber keine Einbildung, sondern messbar.

Es gab vor Kurzem eine Untersuchung*, bei der die Testpersonen computergenerierte Bilder zu sehen bekamen. Das Ergebnis: Sie bewerteten ein Bild besser, wenn ein männlicher Name dabei stand. Es ist also immer noch internalisiert in Menschen, dass die Leistung von Frauen per se als weniger ernsthaft eingestuft wird. Es gibt offenbar nicht die gleiche Bewunderung und Begeisterungsfähigkeit wie für die Arbeiten von Männern. Deren Werken wird mehr Tiefe, mehr Ernsthaftigkeit, mehr Gedanken und Charakter zugesprochen.

Was sind die Konsequenzen für Künstler*innen?

Lisa: Von Künstlerpaaren habe ich schon gehört, dass die Frau sagt: „Wenn wir Kinder haben, bleibe ich zuhause. Er verkauft ja besser.“ Männer werden von ihrem Umfeld immer noch mehr darin bestärkt, den risikovollen Weg als Künstler einzugehen. Außerdem bilden Männer häufig Netzwerke und helfen sich gegenseitig. Es muss gar keine bewusste Absicht sein, dass Frauen nicht dabei sind, es passiert einfach: Männer aus der Branche treffen sich freundschaftlich auf ein Bier, verstehen sich gut und planen ein Projekt – ohne explizit daran zu denken, dass es eine homogene Runde ist. Obwohl beim Beginn des Studiums das Verhältnis von männlichen und weiblichen Studierenden ausgeglichen ist, bekommen später viel weniger Künstlerinnen eine Professur. Derzeit sind mehr als drei Viertel der Stellen von Männern besetzt. Dies alles auszublenden und den eigenen Weg zu gehen, ist für Künstlerinnen nicht unbedingt einfach.

Was könnte helfen?

Lisa: Bei vielen Stipendien, die ausgeschrieben werden, ist es nicht möglich, Kinder mitzunehmen. Das zu ändern, wäre ein erster Schritt. Es müsste außerdem mehr Ausschreibungen und Preise für Frauen ab 40 Jahren geben. Weiter finde ich wichtig, Gremien an Universitäten, Hochschulen und Akademien für Auswahlkommissionen, Jurys und Wettbewerbsaufträge 50/50 aus Männern und Frauen zu besetzen.

Es braucht außerdem mehr weibliche Vorbilder. Es gibt nun bundesweit ein Mentorinnen-Programm für Frauen im Kulturbereich. Da geben Expertinnen wertvolle Tipps an Jüngere weiter. Auch in Karlsruhe kann man sich dafür bewerben. Das finde ich ein tolles Projekt.

Aber bereits an der Schule sollten einige Dinge geschehen. Mein persönlicher Wunsch ist ja, dass Lehrbücher umgeschrieben werden. Unter anderem danach, dass die Arbeit von Frauen Bewunderung erfährt. Dass Kinder von klein auf erfahren, dass auch Frauen tolle Leistungen erbringen und ein selbstbestimmtes sowie erfolgreiches Leben führen.


Du hast in den vergangenen Jahren bereits einige Projekte in Karlsruhe realisiert. Was ist deine Einschätzung – was fehlt?

Lisa: Auch in Karlsruhe ist eine Ausstellungsvergütung wichtig. Hier gibt es zwar den großen Leuchtturm ZKM. Es fehlt aber vielen Studierenden immer noch an Rahmenbedingungen, um auch nach dem Studium zu bleiben. Vor allem die kleinen Orte, Produzentengalerien und Off-Spaces sind dafür wichtig. Denn dort findet der Austausch statt, dort bekommen sie erste Ausstellungserfahrung. Aber Off-Spaces müssen viel Kraft auf wenden, arbeiten umsonst und bekommen dafür zu wenig finanzielle Unterstützung.

Die Lebendigkeit einer Kunstszene wird wertgeschätzt. Ihre Diversität ist wichtig für die Attraktivität einer Stadt. Wie wäre beispielsweise eine Leerstandsbörse, die ungenutzte Ladenfläche zur kostenlosen Zwischennutzung vermittelt?

Auch die Atelier-Situation in Karlsruhe kann noch sehr ausgebaut werden. Es wird häufig auf das Schlachthof-Gelände verwiesen, aber diese Räume sind entwickelt worden für die Kreativwirtschaft – und dazu zählt Kunst nicht. 550 Euro pro Atelier können sich nur wirtschaftliche Betriebe leisten. Kunst ist kein Business. Sie ist per se unkommerziell, das macht ihren gesellschaftlichen Wert aus.

Laut Umfrage verdienen 50 Prozent der Künstler*innen bis zu 250 Euro im Monat durch den Verkauf ihrer Arbeiten. In anderen Städten und Bundesländern gibt es deshalb flexible Atelierförderung, das wäre sicher auch hier ein sinnvoller Schritt. In Karlsruhe wünscht man sich, dass die Künstler*innen nach dem Studium hier bleiben – um ihnen das zu erleichtern, wünschen wir uns gerade jetzt eine Verbesserung der Rahmenbedingungen. Denn es gibt viel Potenzial, auf das die Karlsruher*innen sehr stolz sein können.

Liebe Lisa, herzlichen Dank für das Gespräch!

*Studie “Is gender in the eye of the beholder? Identifying cultural attitudes with art auction prices”, Roman Kräussl von der Luxembourg School of Finance and Hoover Institution, Stanford University, Renée Adams von der University of New South Wales, Marco Navone von der University of Technology in Sydney und Patrick Verwijmeren von der Erasmus School of Economics and University of Melbourne.

Weiterführende Links zum Thema:

https://www.bbk-bundesverband.de/fileadmin/user_upload/Publikationen/Leitlinie/Leitlinie_20140610_print1_einzelseiten_-_neu_2.pdf

https://www.monopol-magazin.de/studie-belegt-benachteiligung-von-frauen-der-britischen-kunstwelt

https://www.ifk-cfs.de/fileadmin/downloads/publications/wp/2018/CFS_WP_595.pdf

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One thought on “Heimat: “Ein Abend mit Lisa Bergmann im Künstlerhaus Karlsruhe”

  1. Peter Nowack sagt:

    Lisa… großartig wie du die momentane Situation in der Karlsruher Kunstszene beschreibst!
    Auch ich würde mir wünschen, daß sich mehr und mehr KünstlerInnen mit Nachdruck für eine Ausstellungsvergütung einsetzen. Dazu gehört mutiges Denken und keine Angst vor einer Ausstellungsabsage. Wir stellen fest, daß immer mehr KünstlerInnen das Internet nutzen um ihre Arbeiten zu präsentieren. Damit wird der Beginn einer neuen Ära eingeleitet. Leider findet damit auch ein Prozess von “Qualitätsverwässerung” statt. Deshalb ist es um so mehr erforderlich, daß Galerien und Kunstvereine sich bemühen sollten, qualitativ hochwertige Kunst zu präsentieren… und das sollte wiederum nur mit einer entsprechenden Ausstellungsvergütung für die KünstlerInnen einhergehen, Leider haben Galerien, Kunstvereine Off-Spaces usw. in der Regel nicht die finanziellen Mittel dafür. Ein Teufelskreis… Der Kampf um eine Ausstellungsvergütung geht also weiter!

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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