22. August 2020

Kurioses: “Macho-Hölle”

Universum
Credit: Jeremy Thomas

Eine ganz schlechte Version von “Mad Men”

Vor geraumer Zeit hatte ich das Gefühl, ich sei in einem Paralleluniversum gefangen. In einem, in dem es fast genauso aussieht wie in meinem alltäglichen Leben – aber alles absurder, grotesker, skurriler ist. Die Menschen verhalten sich dort wie in einer düsteren Version von „Mad Men“ – adaptiert in die heutige Zeit. Für alle, die diese Fernseh-Serie nicht kennen: Sie spielt in den 1950er-Jahren. Dort machen die smarten Männer Karriere, trinken, rauchen und betrügen ihre Frauen, die ahnungslos daheim sitzen und die Kinder erziehen. Wer keinen Mann hat, muss oft als Sekretärin arbeiten – und ist Freiwild.

In diesem Paralleluniversum landete ich völlig überraschend. So als hätte ich meinen Laptop aufgeklappt, um ein bisschen herumzusurfen, dabei versehentlich die falsche Taste getippt – und schwups, schon war ich im Darknet. Konkret: in der Macho-Hölle. Wer denkt, diese Spezies Mensch ist inzwischen nahezu ausgestorben, irrt gewaltig. Sie spinnt noch immer gewaltig ihre Fäden.

Ich hätte die Warnlichter sehen müssen

Gelandet bin ich dort wegen eines neuen Jobs. Schon beim Bewerbungsgespräch hätte ich spüren müssen, dass irgendetwas nicht stimmt, dass hier die Ausgangstür aus der kultivierten Welt versteckt ist, das Ufo wartet.

Die beiden Herren, die mir damals interessiert die Fragen stellten, kamen beim Gespräch immer wieder vom seriösen Kurs ab. Hatten ihre weißen Hemden ein wenig aufgeknöpft und die Ärmel hochgeschoben. Sie lachten immer wieder laut, machten auf Buddys, klopften sich gegenseitig auf die Schultern und ich fragte mich: Ist das die Hitze oder sind sie beschwipst?

Doch das Projekt klang interessant und als ich wenige Tage später den Anruf mit der Zusage bekam, sagte ich ja. Damit begann die Reise, das Ufo stieg in die Luft.

Sind wir hier beim “Bachelor”?

Bereits bei meinem ersten Tag überkam mich das leise Gefühl, dass ich im falschen Set gelandet bin. Meine beiden Kolleginnen waren scheinbar direkt von der „Bachelor“-Show zu „Mad Men reloaded“ gekommen. Während ich in einem schwarzen Sommerkleid mit dezenten Sandalen vor ihnen stand, trugen sie Hot-Pants, die kaum breiter als ein Gürtel waren. Ihre Oberteile: eng anliegend und mit dünnen Trägerchen, an ihren Füßen blinkten die High-Heels.

Eine von ihnen hatte sich bereits am Morgen mit dem Glätteisen im Bad ausgetobt und sich solche komischen Wellen ins Haar gedreht, Beach Waves nennen das die Illustrierten. Am Schminktopf hatte sie sich auch ergiebig bedient. Rote Lippen, goldener Teint, smokey Eyes. Ich schaute einmal hin, dann nochmals, blinzelte mehrmals und dachte: WOW. Bin ich jetzt auf einer schlechten Afterwork-Veranstaltung oder im Büro?

Bussi-Bussi

Kaum hatte ich diesen Eindruck verarbeitet, kam der Chef ins Zimmer. „Hi“, flötete er und umarmte mich. Ich konnte gar nicht reagieren, so schnell wie er seinen Körper an meinen drückte.

Was tut er da nur, fragte ich mich. Warum umarmt er mich? Ich war irritiert und überfordert. Die Damen dagegen fanden das toll. Strahlend drückten sie ihn zurück. Ich stand nur da, schaute zu, wie der Herr Ü50 die Runde machte, Bussi hier, Bussi da.

Kaum war er weg, kam der nächste Typ. Ein externer Berater. In enger Jeans, mit fettem Reiter-Label auf dem T-Shirt und Lederschlappen. Er war wohl direkt von seiner Finca in Mallorca ins Büro geflogen und kreischte: „Hola, Chicas“. „Hola“ fiepten die Damen begeistert zurück. Hüpften von ihrem Stuhl in die Höhe. Wieder ging sie los, die Bussi-Bussi-Runde. Ich stand da, sprachlos, völlig verwirrt. Nur der Prosecco fehlte.

Eine Ausnahme am ersten Tag, hoffte ich zunächst. Aber Fehlanzeige. Das Prozedere mit dem Chef wiederholte sich jeden Tag. Wirklich: jeden Tag.

Jetzt schlägt es 13!

Die Stimmung kippte bereits in der ersten Woche. Als ich in meiner Mittagspause in der Kantine mit meinem Tablett zur Kasse lief, umarmte der Chef mich plötzlich von hinten. Vor allen Leuten. Ich erschrak so sehr, dass mein Teller zu wackeln begann, mein Besteck klirrte und das Wasserglas fast umkippte. Meinen Unmut konnte ich nun nicht mehr verbergen. In welche verquere Welt war ich nur hineingeraten?

Auch meine Kollegin überspannte kurze Zeit später den Bogen. Sie erschien an einem Morgen in einem so kurzen grünen Kleid, dass es jedes Mal hochrutschte, wenn sie damit durch die Kantine und die Gänge lief. Ihr bordeauxfarbener Slip blitzte bei jedem neuen Schritt hervor. Ich konnte gar nicht mehr hinschauen.

Abenteuer mit “th”

So sehr sie mit ihrem Aussehen glänzten: Von Kommasetzung und Rechtschreibung hatten die beiden Damen leider noch nicht viel gehört. Mit ihnen zu arbeiten: ein „Abentheuer“. Dass sie sich Redakteurinnen nennen durften: eine Beleidigung für alle, die tatsächlich etwas können.

Konstruktive Diskussionen mit ihnen auf Augenhöhe zu führen: unmöglich. Dafür suchten sie dem Chef Sportkurse für den Feierabend heraus, brachten ihm fleißig Kaffee und flochten sich während der Arbeit gegenseitig die Haare – für das nahende Oktoberfest im Bierzelt. Die Herren fanden das süß. „Ich komme so geeeerrrnnne zu euch“, säuselte der Chef immer wieder. „Ihr seid mein Lichtblick.“

Ich musste innerlich brechen.

Kein Escort-Girl!

Meinen Unmut konnte ich nicht mehr verbergen, es knirschte und krachte. Weder wollte ich die Herren umarmen, mit den Damen sinnlosen Smalltalk führen und mir auch gar keine Gedanken über mein Aussehen machen, ich hatte mich ja nicht beim Escort-Service beworben.

Gute Texte zu schreiben, eine eigene Meinung vertreten und Dinge auch mal zu hinterfragen: Diese Rolle war in diesem Paralleluniversum für Frauen nicht vorgesehen. Nach zehn Wochen zog ich die Reißleine. Ich buchte mir einen Flug nach Valencia, schrieb Bewerbungen und beschloss danach, nie wieder hinzugehen.

Sexismus und keiner merkt es!

Was nachhaltig hängenblieb: Während ich in dieser Macho-Hölle Qualen litt, spielten die Damen das Theater gerne mit, verstärkten alles noch mit Intrigen und Lästereien. Zimmerten das schlechteste Image zusammen, das für Frauen nur erdacht werden kann.

Um ihren Job zu halten, ließen sie sich gerne von mächtigeren, aber unattraktiven Männern jenseits ihres Alters drücken. Sie hinterfragten überhaupt nicht, ob das in der Berufswelt Grenzen sprengt. Dass auf diese Weise Frauen zu Objekten degradiert werden und Sexismus entsteht: Das spielte dort keine Rolle. Für mich eine unbegreifliche Szenerie.

Vor geraumer Zeit hatte ich das Gefühl, ich sei in einem Paralleluniversum gefangen. In einem, in dem es fast genauso aussieht wie in meinem alltäglichen Leben – aber alles absurder, grotesker, skurriler ist. Die Menschen verhalten sich dort wie in einer düsteren Version von „Mad Men“ – adaptiert in die heutige Zeit. Ich konnte mich rechtzeitig befreien, zum Glück.

Das Karma war auf meiner Seite: Das Projekt fiel in sich zusammen, nur Fragmente blieben bestehen. Jeder weitere Tag dort wäre vergebens gewesen. Und ich fand schnell einen neuen Job, den ich sehr gerne mag. Mit modernen Chefs und tollen Kolleginnen.

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One thought on “Kurioses: “Macho-Hölle”

  1. Alexander Wagner sagt:

    Alter, da brauchen wir beide einen Kaffee! (Sorry für den Ausdruck) Die einen erleben die Macho-Hölle, die anderen die zwischenmenschliche (geschlechtsfrei). Und beides wahr! Ich drücke die Daumen, dass Ihnen ab sofort solche Situationen erspart bleiben.

    Gruß, Alex Wagner

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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