10. November 2020

Flimmerkasten: Liebe und Anarchie

Ein schwedisches Vergnügen: “Liebe und Anarchie”

Sie ist schön, ehrgeizig und erfolgreich: Sofie (Ida Engvoll) hat mit Mitte 30 alles erreicht, was in einem gutbürgerlichen Leben wichtig ist. Mit ihrem Mann und den zwei Kindern lebt sie in einer Designerwohnung mitten in Stockholm, als Beraterin verdient sie eine Menge Geld, ihre Freizeit verbringt sie auf hippen Partys. Es ist ein Leben wie im Bilderbuch.

Doch als sie wegen eines neuen Auftrags zu einem konservativen Verlag kommt, trifft sie dort auf den jungen IT-Techniker Max (Björn Mosten). Es knistert zwischen ihnen – nach und nach gerät Sofies geregeltes Leben immer mehr aus den Fugen. Ihre Welt steht Kopf.

Humorvoll und tiefgründig

Die schwedische Netflixserie „Liebe und Anarchie“ erzählt auf sehr unterhaltsame Weise, wie es möglich ist, sich von gesellschaftlichen Zwängen zu befreien und sich selbst zu finden. Das ist spannend, lustig und an manchen Stellen sehr berührend.

Hinter der Serie steckt die schwedische Regisseurin und Philosophin Lisa Langseth. Ihr ist es gelungen, eine moderne Geschichte zu erzählen, die viele brennende Gesellschaftsfragen unserer Zeit vereint: die Gleichberechtigung im Beruf, die Herausforderung der Digitalisierung für traditionelle Unternehmen und den Umgang mit den sozialen Medien.

Außerdem erzählt Lisa Langseth von den persönlichen Kämpfen, die viele Menschen heute führen: Wie befreie ich mich von familiären Prägungen, wie finde ich zu mir selbst? Was macht mich wirklich glücklich?

Ein Vater, der gegen das System rebelliert!

Sofie ist mit einem Vater aufgewachsen, der lautstark gegen den Kapitalismus protestiert. Für ihn ist die globalisierte Welt mit dem ständigen Streben nach mehr, ein unzumutbarer Zustand. Seine öffentlichen Aktionen bringen ihn regelmäßig in die Psychiatrie. Sofie wünscht sich so sehr, nicht wie ihr Vater zu sein, dass sie alles Unregelmäßige aus ihrem Leben verbannt. Bis sie auf Max trifft.

Der junge IT-Techniker erwischt Sofie eines Abends beim Masturbieren im Büro. Er fotografiert sie und erpresst sich am nächsten Tag ein Mittagessen mit ihr. Es ist der Beginn einer Kaskade von gegenseitigen Mutproben, die sich immer weiter steigern – und nicht nur Einfluss auf das Leben von Sofie und Max nehmen, sondern den gesamten Verlag durcheinanderwirbeln.

Charaktere entwickeln sich

Das Schöne an „Liebe und Anarchie“ ist, dass die Serie ihren Charakteren unglaublich viel Tiefe und Raum für Entwicklung gibt. Es gibt kein oberflächliches Geplänkel in den Gesprächen, keinen unnötigen Smalltalk. Vielmehr stecken viele kleine durchdachte Details in jeder Folge – wie das in Hipsterkreisen so beliebte Bananenbrot.

Die sich ständig steigernden Mutproben zwischen Sofie und Max bringen darüber hinaus viel Dynamik in die Handlung, sind oft sehr komisch und unvorhersehbar.

Auch die Ereignisse im konservativen Verlag sind wunderbar auf den Punkt gebracht. Ein konfliktscheuer Chef, der sich eine Beraterin ins Haus holt, um unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Ein führender Lektor, der sich den aktuellen Entwicklungen in der Buchbranche verweigern möchte, eine Kommunikationsleiterin, die ständig zwischen den Stühlen sitzt: Die Reibung, die die Digitalisierung für viele Unternehmen mit sich bringt, könnte nicht besser dargestellt sein.

Bestes Marketing für Schweden

Nacktheit, Selbstbefriedigung, Sex. Es gibt in „Liebe und Anarchie“ viele mutige Szenen, die aber nie ins Voyeuristische abrutschen, sondern ästhetisch bleiben. Außerdem ist das gesamte Setting in einem modernen skandinavischen Chic gehalten. Die Outfits von Sofie, ihre Haare, das Makeup, das Interieur der Wohnungen, das urbane und ländliche Schweden. Es ist Inspiration pur.

Die acht Folgen der Netflix-Serie sind perfekt für diese tristen Zeiten. Am Schluss ist das Bild so rund, dass ich erfüllt vor dem Laptop saß und nur dachte: “Ende gut, alles gut.” Deshalb darf es auch bitte keine zweite Staffel geben. „Liebe und Anarchie“ ist in dieser Form einfach perfekt.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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