6. März 2021

Flimmerkasten: “Ginny & Georgia”

„Ginny & Georgia“: kaputter, aber interessanter als die “Gilmore Girls”

„Wir sind wie die Gilmore Girls, nur mit größeren Brüsten“, sagt Georgia (Brianne Howey) in der ersten Folge von „Ginny & Georgia“ zu ihrer Tochter Ginny (Antonia Gentry). Für mich ist das nicht der einzige Unterschied: Sie sind rauer, kaputter und dadurch so viel interessanter als Lorelai und Rory.

Während die „Gilmore Girls“ bei ihrer TV-Strahlung Anfang der 2000er-Jahre komplett an mir vorbeirauschten, gab ich ihnen vor zwei Jahren auf Netflix nochmals eine Chance. Die erste Staffel fand ich zwar ganz nett, in der zweiten flog ich aber raus. Der Spannungsbogen um das Kleinstadtleben in Stars Hollow war mir auf Dauer zu schwach.

Ganz anders erging es mir vor wenigen Tagen mit „Ginny & Georgia“ und ihren Geschichten aus Wellsbury. Schon nach fünf Minuten wusste ich: Diese Serie mag ich, diese Charaktere sind facettenreich und spannend.

Das schönste Teenie-Liebespaar seit Claire Danes und Jared Leto

Innerhalb weniger Tage habe ich nun alle zehn Folgen auf Netflix geschaut, saß nach der Arbeit abends stundenlang wie festgeklebt auf der Couch vor dem Fernseher, weil ich unbedingt wissen wollte, was mit Ginny und Marcus passiert . Mit dem für mich schönsten Teenie-Liebespaar seit Claire Danes und Jared Leto in „Willkommen in Leben“.

Als der Abspann der vorerst letzten Folge von „Ginny & Georgia“ lief, war nur ein Wunsch in meinem Kopf: „Hoffentlich gibt es bald die zweite Staffel, ich möchte wissen, wie es weitergeht“.

Neuanfang in Wellsbury

Im Mittelpunkt von „Ginny & Georgia“ steht die 30-jährige allerziehende Mutter Georgia mit ihren beiden Kindern Ginny und Austin (Diesel La Torraca). Während Ginny von ihrer Jugendliebe, dem afroamerikanischen Fotografen Zion ist, stammt Austin von einem weißen Herrn, der im Gefängnis sitzt.

Nach dem Tod ihres letzten Ehemanns Kenny steigt Georgia in ihren Cabrio und düst mit ihren Kindern in das kleine beschauliche Städtchen Wellsbury, in dem viele reiche Familien leben. Neuanfang.

Doch so einfach ist das neue Leben in Wellsbury nicht. Georgia wickelt zwar schnell den beliebtesten Junggesellen der Stadt, den Bürgermeister, um den Finger, hat aber eine düstere Vergangenheit, die sie wieder einholt.

Auch Ginny kämpft. Zwar findet sie mit Maxine (Sara Waisglass), Abby (Katie Douglas) und Nora (Chelsea Clark) eine Mädchen-Crew, doch kämpft sie mit ihrem rassistischen Englischlehrer und ihren Gefühlen. Denn Ginny steht zwischen zwei Jungs: zwischen Maxines zunächst unnahbar erscheinenden Zwillingsbruder Marcus (Felix Mallard) und ihrem netten Klassenkameraden Hunter (Mason Temple).

Tiefgründige Figuren

Was ich an „Ginny & Georgia“ so gerne mag? Es ist vor allem die Tiefgründigkeit der Figuren. Sie sind weder nur gut, noch nur böse, sondern haben alle ihre Stärken und Schwächen. Manchmal sind sie liebenswert und stark, dann wieder schwach und selbstsüchtig, an anderen Stellen verletzlich. Dadurch spiegeln sie realistisch wider, wie kompliziert das Miteinander auch im echten Leben oft ist.

Diverse und zeitgemäße Serie

„Ginny & Georgia“ ist außerdem so zeitgemäß, wie eine Serie derzeit nur sein kann. Die Schauspieler*innen sind divers, aber auf eine natürliche Art. Die Figuren sind nicht etwa so übertrieben colorblind wie bei „Bridgerton“ besetzt, sondern es fügt sich alles natürlich.

Ginnys Vater ist eben dunkelhäutig und Hunters Vater kommt aus Taiwan. Es gibt immer wieder Szenen, in denen Alltagsrassismus deutlich wird. Außerdem zeigt die Serie durch Ginny und Hunter auf interessante Weise, wie schwierig es für Heranwachsende bei ihrer Suche nach Identität ist, mixed zu sein – und wie unterschiedlich sie damit umgehen.

Wie eine Zeitreise!

Besonders berührt hat mich das soziale Leben von Ginny. Es erinnerte mich so sehr an meine eigene Jugend und es überraschte mich, wie viele Dinge heute noch so sind, wie Ende der 1990er- und Anfang der 2000er.

Auch ich hatte damals eine Mädchen-Crew, die einen eigenen Name hatte, wir verbrachten ebenfalls unwahrscheinlich viele Abende auf sturmfrei Partys, stibitzen allen Alkohol, den wir bekamen, knutschten, hatten Liebeskummer und standen uns bei. Dieses Gefühls-Wirrwarr der Jugendzeit bringt „Ginny & Georgia“ unglaublich gut rüber. Es war für mich wie eine Zeitreise.

Immer einen Schritt voraus

Aber auch Georgias Geschichte ist spannend, je mehr Bruchstücke aus ihrer Vergangenheit aufblitzen, desto mehr fügt sich ein Bild von dem zusammen, was die Mutter alles tut, um ihre Kinder zu beschützen.

Selbst wenn es oft so wirkt, als sei Ginny erwachsener als ihre Mutter, zeigt sich, dass Georgia keineswegs so naiv oder gleichgültig ist, wie es auf den ersten Blick erscheint, sondern ihren Gegnern oft einen Schritt voraus ist. Nur bei Austin übersieht sie zu oft, was ihm fehlt. Eine Katastrophe reiht sich an die andere.

Logikfehler

Bei aller Begeisterung, einen kleinen Minuspunkt hat die Serie leider schon: Vor allem am Ende der ersten Staffel überschlagen sich die Ereignisse – ein wenig zu sehr. Es sind dadurch Logikfehler entstanden, die die Handlung an manchen Stellen unglaubwürdig wirken lassen.

Beispielsweise Marcus’ Handy, das scheinbar tagelang auf der Couch lag, ohne dass der Akku leerging. Cynthia, die sich ins Rathaus schleichen kann und Zugang zu Georgias Computer hat oder die Herleitung des Privatdetektivs, dass Eisenhut die Ursache für den Tod von Georgias Mann Kenny ist. Diese Zufälle sind unmöglich.

Taylor Swift übertreibt!

Aber im Gesamten ist die Serie großartig. Die Dialoge sind witzig, viele Pop-Stars werden dabei auf die Schippe genommen, worüber sich vor allem Taylor Swift besonders aufregte und den Produzenten Sexismus vorwarf. Ein wenig übertrieben, wie ich finde.

Wann kommt die zweite Staffel?

Denn die Serie geht sehr sensibel mit ihren Figuren um, zeigt starke und unabhängige Frauen, die für ihr Glück kämpfen, dabei hinfallen, Fehler machen, wieder aufstehen. So wie es eben auch im echten Leben oft ist. Hoffentlich gibt es bald eine zweite Staffel!

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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