2. Oktober 2021

Schmöker: “Verzweiflungstaten” von Megan Nolan

„Verzweiflungstaten“ von Megan Nolan: Dieser Roman über eine toxische Beziehung ist eine Wucht!

Cieran ist für sie der schönste Mann auf der Welt. Als die namenlose Ich-Erzählerin ihn in einer Galerie in Dublin sieht, ist sie ergriffen von seinen großen grauen Augen, der Adlernase, seinem engelsgleichen Mund und der enormen Ruhe, die er ausstrahlt. Sie kommen ins Gespräch, treffen sich wieder, beginnen miteinander zu schlafen.

Das klingt zunächst alles romantisch. Doch von Anfang an ist Cieran kalt zu ihr, sprunghaft, unberechenbar. Anstatt sich von ihm zu lösen, ist die Erzählerin aber so bedürftig, dass sie alles mit sich geschehen lässt, Gemeinheiten akzeptiert, nur damit er bei ihr bleibt. Sie schlittern in eine toxische Beziehung, in der es mehr um Macht und Leiden als um ehrliche Liebe geht.

Was für ein tolles Debüt!

„Verzweiflungstaten“ ist der Debütroman der irischen Autorin Megan Nolan. Ich habe ihn mit großer Freude und Aufregung verschlungen. Denn die Geschichte erzählt so gut, warum Menschen in Beziehungen landen, die ihnen nicht guttun – und dort auch verharren, obwohl es schmerzhaft ist.

Es geht um Selbstliebe, um das Erwachsenenwerden und die Selbstbefreiung. Das Tolle an dem Buch: Megan Nolan hat eine Protagonistin konzipiert, die im Laufe des Buches zwar viel Drama erlebt, aber auch eine wichtige Entwicklung durchmacht und viele bedeutende Erkenntnisse gewinnt. Das Ende hat mir deshalb richtig gut gefallen.

Die Protagonistin erzählt die Ereignisse aus ihrer Perspektive und spricht die Lesenden direkt an. Dadurch entsteht eine große Nähe. Sie ist zu Beginn der Geschichte in ihren frühen 20ern. Ihr Leben ist ein Chaos. Sie ist nach der Schule aus dem Süden Irlands nach Dublin gezogen. Das Studium hat sie geschmissen. Sie jobbt nun, trinkt zu viel, nimmt gelegentlich Drogen, schläft wahllos mit Männern.

“Vor Cieran hatte ich schon einige Männer ausprobiert. Ich probierte damals generell vieles (…) Ich war beliebt, weil ich zwar attraktiv, aber nicht einschüchternd attraktiv war. Ich war gut gelaunt, umgänglich und konnte manchmal auch gemein sein, aber auf eine witzige Art. Ich sah aus wie eine Frau, vögelte wie eine, aber redete, trank und konsumierte Drogen wie ein Kerl.“

Narzissmus und Bedürftigkeit

Cieran sieht zwar umwerfend aus, ist von Grund auf aber ein mürrischer und narzisstischer Typ. Er weiß um seiner Wirkung durch das Äußere, muss nicht nett sein, um gemocht zu werden. Sein Charakter deshalb: völlig deformiert. Er ärgert sich ständig über Nichtigkeiten, ist wütend, unfreundlich zu ihren Freunden und hat die Trennung von seiner Ex-Freundin Freja noch nicht überwunden.

Die namenlose Erzählerin spürt das, stöbert deshalb heimlich in seinen Emails, findet Beweise, spricht es aber nicht an, aus Angst, ihn zu verlieren. Die innerliche Last wird für sie immer schwerer. Aus mangelnder Selbstliebe setzt sie ihre Ansprüche an die Beziehung ganz unten an.

„Ich verlangte keine Liebe von ihm. Ich wollte gar nicht, dass er in meine Richtung schaute und mich sah, denn es gab nichts, wovon ich mit Überzeugung hätte sagen können, dass es mich ausgemacht hätte. Wenn meine Bedürftigkeit durchschimmerte, bekam ich Panik, weil sie echt war. Die Bedürftigkeit war ein echter menschlicher Teil von mir, aber von ihr abgesehen, fühlte sich nichts an mir echt oder menschlich an, so dass es mir vorkam wie eine Anomalie.“

Was haben Frauen für einen Druck?

„Verzweiflungstaten“ fand ich auch deshalb so spannend, weil die Probleme der Protagonistin gar nicht so außergewöhnlich sind, sondern auch typisch für unsere moderne Gesellschaft. Wie attraktiv und dünn muss eine Frau sein, um begehrenswert zu sein? Darf sie Grenzen setzen oder muss sie immer nett sein, um eine Beziehung aufrechterhalten zu können? All diese Fragen wirft Autorin Megan Nolan auf. Außerdem geht es darum, wie schwer es oft ist, sich den 20ern selbst zu finden und zu wissen, wohin es gehen soll.

Sehr interessant fand ich auch, wie selbstreflektiert die Protagonistin ist. Sie erzählt die Geschichte im Rückblick. Sie startet im April 2012 und endet im Mai 2015. Das Erzählte ist schonungslos, roh und ein Sammelsurium an psychischen Problemen. An manchen Stellen hätte ich sie am liebsten geschüttelt und gefragt: Was machst du denn da nur?

Das Buch hat mich durchgehend gefesselt

Da die einzelnen Kapitel immer sehr kurz und pointiert sind, lässt sich das Buch sehr einfach lesen. Mich hat es gefesselt, berührt und unterhalten. „Verzweiflungstaten“ hat eine unglaubliche Dynamik, ist absolut ein Roman unserer Zeit und hat mir wieder gezeigt, wie wichtig es ist, immer zunächst mit sich selbst zurecht zu kommen, bevor man eine Beziehung startet. Ein wirklich starkes Werk!

Info zu “Verzweiflungstaten”

Zu dem Buch gibt es einen dreiteiligen Podcast von Anne Sauer und Tobias Börner, den ich mir gerne nach dem Lesen noch angehört habe. Abrufbar ist er auf Spotify.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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