20. Dezember 2021

Schmöker: “Über Menschen” von Juli Zeh

Raus aus den Filterblasen: „Über Menschen“ von Juli Zeh bricht das Schwarz-Weiß-Denken

Mitten in der Corona-Pandemie hält es Dora bei ihrem Freund in der hippen Wohnung in Berlin-Kreuzberg nicht mehr aus. Sie kauft sich heimlich ein altes Haus in der tiefsten Provinz Brandenburgs, packt ihre Koffer und zieht mit ihrer Hündin raus aufs Land.

Die 36-Jährige möchte nun aber keineswegs Marmelade selbst einkochen oder mit Yogaübungen die Entschleunigung suchen. Vielmehr fühlt sie sich überfordert von der Welt, von all den globalen Entwicklungen, die auf ihr Leben immer größeren Einfluss nehmen. Sie möchte einfach ihre Ruhe.

„Social Distancing. Exponentielles Wachstum. Übersterblichkeit und Spuckschutzscheibe. Dora kommt schon seit Wochen nicht mehr mit. Vielleicht auch schon seit Monaten oder Jahren, aber durch Corona ist das Nicht-mehr-Mitkommen manifest geworden. Die neuen Begriffe umschwirren ihre Kopf wie Fliegen, die sich nicht vertreiben lassen.“

Aber auch auf dem Land wird ihr moralischer Kompass gehörig durcheinander gebracht. Ihr neuer hilfsbereiter Nachbar Gote ist der Dorf-Nazi. Die Begegnung mit ihm stellt ihr Leben nun komplett auf den Kopf, bringt sie in ein riesiges Gefühlschaos, bricht aber auch mit den typischen Klischees und Gut-Böse-Schemata.

Ein tragi-komisches Roman mit wunderbarer Sprache

Nach ihrem Bestseller „Unterleuten“ hat Juli Zeh mit „Über Menschen“ wieder einen Roman geschrieben, bei dem die Provinz in Brandenburg im Fokus steht. Genauer: „Bracken“, ein ostdeutsches Straßendorf mit Kirche, Dorfplatz sowie einer Bushaltehalte, von der nur sehr selten ein Bus fährt. Insgesamt 285 Einwohner*innen leben dort.

Die Haupthandlung von „Über Menschen“ spielt in der direkten Gegenwart, also in der Corona-Pandemie. Jedoch blickt Dora auch immer wieder zurück auf ihr altes Leben. Dadurch wird klar, warum sie ganz allein mit ihrer Hündin Jochen (ja, wirklich ein männlicher Name), die Stadtflucht wagte.

„I decided to panic“

Es war vor allem die Beziehung mit ihrem Freund Robert, der Dora an den Rand des Wahnsinns brachte. Ein Weltverbesserer, der sich mit vollstem Einsatz dem Kampf gegen den Klimawandel widmet und sich in der Pandemie nun zum militanten Pseudo-Epidemiologen verwandelt. Das Problem:

Dora mag keine absoluten Wahrheiten und keine Autoritäten, die sich darauf stürzen. (…) Sie hat keine Lust auf den Kampf ums Rechthaben und will nicht Teil einer Meinungsmannschaft sein.

Außerdem kommt sie mit seiner Forderungslogik hinsichlich ihres klimafreundlichen Alltaglebens nicht mehr hinterher. Lebt ein Berufstätiger, der mit SUV ins Büro fährt und sich dort mit Kolleg*innen die Räume teilt und die Kantine benutzt, tatsächlich umweltschädlicher, als ein Freiberufler, der für sich allein eine Wohnung heizt und jeden Mittag für sich kocht? Für Dora gibt es keine absoluten Gewissheiten mehr, für Robert schon. Dora beginnt zu rebellieren.

Illustre Gestalten wohnen in Bracken

In Bracken herrscht eine ganz andere Atmosphäre als in der Großstadt. Außer mit Gote macht Dora Bekanntschaft mit Heini, dem „Serien-Griller“ und rassistischen Witzerzähler, sowie mit Tom und Steffen, einem homosexuellen Paar, das sich durch hübsche Kränze und Kleinkunst den Lebensunterhalt finanziert.

Schnell wird Dora klar, ausländische Menschen haben es nicht leicht in Bracken. Die Klischees über die Fremdenfeindlichkeit in der ostdeutschen Provinz sind keineswegs erfunden. Doch Dora kommt ins Wanken, als ihr vor allem Gote immer wieder ungefragt hilft – bei der Renovierung des Hauses, bei ihrer Gartenarbeit und im Kampf gegen die Einsamkeit.

Dora ist überfordert. Kann sie sich wirklich mit einem vorbestraften Reichsbürger anfreunden? Einem Menschen, der ein komplett anderes Weltbild hat als sie und für den Toleranz eine ganz andere Rolle spielt? Sie ist .hin- und gerissen.

Differenzierter Blick

Diese Differenziertheit ist definitiv für mich die große Stärke von „Über Menschen“. Juli Zeh beschönigt keineswegs die Umstände, lässt Gote in keinem besseren Licht dastehen als notwendig. Er ist ein vorbestrafter Nazi, der sich von der Mehrheitsgesellschaft verabschiedet hat und einen sehr dubiosen Freundeskreis hat. Da gibt es nichts schönzureden. Aber trotzdem ist er kein Monster, sondern ein Mensch, bei dem noch gute Seiten aufblitzen.

Auch bei den Geschichten um Doras Ex-Freund Robert bringt Juli Zeh zahlreiche Anekdoten auf, warum manche Handlungen, die zunächst als moralisch sinnvoll erscheinen, oft weitaus komplexer sind. Ein Jute-Beutel müsste beispielsweise mindestens 130-mal genutzt werden, um eine bessere Ökobilanz als eine Plastiktüte zu haben. Wie umweltfreundlich ist es also, ein Sammelsurium an Jute-Beuteln zu Hause zu haben?

Mit Witz und Ironie

„Über Menschen“ verbindet auf kluge Weise die Filterblasen und zeigt, wie schwierig es oft ist, Dinge nach starren Kriterien wie „gut“ oder „schlecht“ zu bewerten. Dass der Roman nie anstrengend wird, liegt auch an der humorvollen Sprache von Juli Zeh. Immer wieder blitzen Ironie und Witz auf – nie banal, sondern immer klug und mit Respekt zu den Figuren.

So ist „Über Menschen“ für mich ein toller Roman über die deutsche Gesellschaft in der unmittelbaren Gegenwart. Vor allem die ersten zwei Drittel habe ich mit großer Begeisterung gelesen. Der letzte Teil fällt für mich zwar etwas ab, weil ich die morbide Wendung etwas zu schwer fand. Aber im Gesamten kann ich das Buch sehr empfehlen.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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