6. Januar 2022

Krimskrams: “Göttinnen des Jugendstils” im Badischen Landesmuseum

Cover der Zeitschrift „Jugend“ © Badisches Landesmuseum, Foto: ARTIS – Uli Deck

Ausstellung „Göttinnen des Jugendstils“ im Badischen Landesmuseum

Die Welt steht Kopf um 1900. Industrialisierung, Modernisierung und Elektrifizierung haben die Gesellschaft durcheinandergewirbelt. Darwins Evolutionstheorie erschüttert die Kirche und stellt das Menschenbild infrage. Neue technische Erfindungen ermöglichen einen Massenkonsum – zumindest für alle, die es sich leisten können. Fortschrittsglaube kollidiert mit Kulturpessimismus. Es entsteht eine Kluft in der Gesellschaft, die erst noch geschlossen werden muss.

Der Jugendstil wendet sich in dieser Phase des Umbruchs gegen den traditionellen Historismus und findet eine eigene Formsprache. Er experimentiert mit Farben, geschwungenen Linien, Schnörkeln und mit unterschiedlichen Schrifttypen. Das zentrale Motiv für Grafiker und Bildhauer: Frauen.

Sie werden aber keineswegs real dargestellt. Vielmehr sind auf Werbeplakaten und Kunstwerken idealisierte junge Damen zu sehen. Oft rekeln sie sich makellos in der Natur, sind leichtbekleidet und umgeben von geschwungenen Linien und Blumen. Im Kontrast dazu symbolisieren gefährliche Frauen wie die Medusa den befürchteten kulturellen Verfall.

Die Ausstellung „Göttinnen des Jugendstils“ im Badischen Landesmuseum präsentiert dieses Phänomen der vielfältigen Frauendarstellungen im Jugendstil auf sehr sehenswerte Weise.

Alfons Mucha Zyklus “Les fleurs”
Alfons Mucha (Entwurf), Zyklus “Les fleurs” Paris, 1897 / Ausführung Druckerei F. Champenois, Imprimeur-Editeur, Paris, 1898, Signiert auf allen Stoffbahnen unten „Mucha”, Seidenatlas, Farblithographie, H 100,7 cm, B 41,7 cm (je Stoffbahn), Badisches Landesmuseum © Badisches Landesmuseum, Foto: Peter Gaul
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Aubrey Beardsley, „One of the Spirits (Act II)”, Illustration für Pall Mall Budget, Amsterdam, 16. März 1893, Feder und Tusche auf Papier, Allard Pierson, Universität von Amsterdam © Allard Pierson, Universität von Amsterdam, Foto: Stephan van der Linden

200 Exponate verteilt auf 900 Quadratmetern

Großformatige Gemälde, Elfenbein- und Bronzefiguren, Keramiken sowie Gold- und Silberschmuck: Rund 200 Arbeiten rund um das Thema Jugendstil sind auf etwa 900 Quadratmetern noch bis 19. Juni im Badischen Landesmuseum zu sehen. Die Ausstellung entstand in Kooperation mit dem Allard Pierson in Amsterdam und dem Braunschweigischen Landesmuseum.

Gleich zu Beginn der Schau empfängt die Büste „La Nature“ von Alfons Mucha die Besucher*innen. „Sie ist eine Ikone des Jugendstils“, erläutert Kuratorin Elke Kollar. Das Weibliche wird überhöht. Das goldene Haar dominiert, schlängelt sich um den Körper und verschmilzt mit den Spiralen des Sockels. Dass Anfang und Ende der Linienführung kaum noch erkennbar sind, ist ein weiteres typisches Merkmal für den Jugendstil.

Alfons Mucha, „La Nature“, Paris, 1900,
Alfons Mucha, „La Nature“, Paris, 1900 © Badisches Landesmuseum, Foto: Peter Gaul

Zeitschrift „Jugend“ war Namensgeberin des deutschen Jugendstils

Neben der Büste hängen an einer Wand etwa 50 Cover der Zeitschrift „Jugend“ – sie war damals die Namensgeberin des deutschen Jugendstils. Auch diese Titelblätter spiegeln die Ambivalenz des Frauenbilds wider: Femme fatale trifft auf Blumenmädchen. Außerdem sind moderne Frauen zu sehen, die in Pumphosen Fahrrad fahren. Keine Selbstverständlichkeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts.  

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Cover der Zeitschrift „Jugend“, Entwurf: Bruno Paul, München, August 1896, Allard Pierson, Sammlungen der Universität Amsterdam © Allard Pierson, Universität von Amsterdam, Foto: Stephan van der Linden
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Cover der Zeitschrift „Jugend“, Entwurf: Karl Bauer, München, Juli 1896, Allard Pierson, Sammlungen der Universität Amsterdam © Allard Pierson, Universität von Amsterdam, Foto: Stephan van der Linden

Kritische Auseinandersetzung mit Frauenbild

„Uns ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem Frauenbild der damaligen Zeit wichtig“, betont Kuratorin Elke Kollar. Deshalb sind in den vier Räumen interaktive Stationen aufgebaut, an denen die Besucher*innen Einordnungen und den Bezug zur Gegenwart von Expert*innen erfahren.

 Raum „Künstlerinnen im Jugendstil“ © Badisches Landesmuseum, Foto: ARTIS – Uli Deck
© Badisches Landesmuseum, Foto: ARTIS – Uli Deck

Werbung im Jugendstil: Sex sells

In der Zeit um 1900 spielte der Konsum eine große Rolle. Pompöse Kaufhäuser entstanden und Shoppen wird zum Erlebnis, Werbung ist allgegenwärtig. „In dieser Welt ist auch der Jugendstil verortet“, erläutert die Kuratorin. Frauen werden zu Ikonen für Marken und die Industrie. Sie dienen aber lediglich als Werbeträgerin, mit dem Produkt an sich haben sie häufig nichts zu tun.

Im Badischen Landesmuseum sind zahlreiche Werbeplakate und Skulpturen aus der damaligen Zeit zu sehen. Eine sehr prominente Arbeit: „Spirit of Ecstasy“ vom englischen Bildhauer Charles Robert Sykes, die bekannte Kühlerfigur der Rolls-Royce-Autos. Die kleine Göttin fliegt vorweg, steht für Eleganz und Geschwindigkeit.

„Spirit of Ecstasy”, Charles Robert Sykes, Derby, 1911, Badisches Landesmuseum © Badisches Landesmuseum, Foto: ARTIS – Uli Deck

Kleidung im Jugendstil: Das Korsett wurde gesprengt

Außerdem sind verschiedene Schmuck- und Kleidungsstücke der Frauen aus der damaligen Zeit im Karlsruher Schloss zu betrachten. Das Korsett wurde damals regelrecht gesprengt. Frauen kämpften für Reformkleidung, also für mehr Bewegungsfreiheit und Raum zum Atmen.

Auch beim Schmuck oder Porzellan ging der Trend weg von der Dekadenz hin zur Massenproduktion. Naturalistische Motive waren charakteristisch – wie Schmetterlinge, Libellen oder auch Fledermäuse und Heuschrecken.

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Léopold Gautrait, Kettenanhänger „Fledermaus“, Paris, um 1900, Gold, Email, Badisches Landesmuseum © Badisches Landesmuseum, Foto: Peter Gaul

Loïe Fuller und Sarah Bernhardt: Weltstars im Fokus

Frauen sind in der Ausstellung aber nicht nur Objekt, sondern auch Subjekt. Der Fokus liegt besonders auf der Tänzerin Loïe Fuller und der Schauspielerin Sarah Bernhardt. Sie waren im Jugendstil Weltstars, eroberten die Bühnen und setzten auf Exzentrik.

Loïe Fuller erfand in den USA den Serpentinentanz. In der Ausstellung ist eine Videoaufnahme zu sehen, in der sie mit wallenden, meterlangen Seidengewändern auf der Bühne steht. Ihre Arme hat sie mit Bambusstangen verlängert und visualisiert dadurch die fließenden Linien des Jugendstils.

ARTIS-Uli Deck// 10.12.2021 Badisches Landesmuseum, BLM, Ausstellung "Göttinnen des Jugendstils", 18.12.2021-19.6.2022 Schloss Karlsruhe
Tanz der Loïe Fuller © Badisches Landesmuseum, Foto: ARTIS – Uli Deck

Ein Star der Selbstvermarktung war die bekannte Schauspielerin Sarah Bernhardt. Sie tingelte in den USA mit einem kleinen Privatzoo von Bühne zu Bühne und spielte häufig Rollen in Hosen – wie den Hamlet. Alfons Mucha hielt sie auf seinen Plakaten fest und verlieh ihr dadurch den Status als lebende Ikone.

Info zur Ausstellung

Die Ausstellung „Göttinnen ßdes Jugendstils“ ist bis 19. Juni im Schloss Karlsruhe zu sehen.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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