25. Februar 2022

Krimskrams: “Embrace”-Ausstellung im Badischen Kunstverein

Platform Embrace Badischer Kunstverein
Credit: Marta Bogdanska

Kerstin Möller und Karolina Sobel haben “Platform Embrace” gegründet

„Ihr seid nicht normal.“ Ein Nachbar rief diesen Satz aus seinem Fenster, als die deutsch-polnische Medienkünstlerin Karolina Sobel im Juni 2020 in einer Galerie in Warschau ihre erste Solo-Ausstellung „LEZBY“ veranstaltete. Ihre dort präsentierten Arbeiten waren eine Antwort auf die Ausstellung „Pedaly“ (Schwuchteln) von Karol Radziszewski aus dem Jahr 2005.

Das Besondere an „Pedaly“: Es war die erste Ausstellung in Polen, die öffentlich von einem schwulen Künstler veranstaltet wurde und das Thema Homosexualität in den Fokus stellte. 15 Jahre später, inmitten des Wahlkampfes des ultrakonservativen Präsidenten Andrzej Duda, fragte Karolina Sobel mit ihren Arbeiten: War seither genug Zeit, um eine queere Geschichte Polens zu schreiben und wo sind darin die weiblichen Positionen zu finden?

Schwierige Situation für queere Menschen und Frauen in Polen

Tatsächlich hat sich in den vergangenen Jahren die Lage für queere Menschen in Polen sehr zugespitzt. Erst im November 2021 verabschiedete das polnische Parlament ein Gesetz, das LGBTIQ-Personen verbietet, öffentlich zu demonstrieren. Auch für die Adoption von Kindern durch homosexuelle Paare darf nicht mehr öffentlich geworben werden. Die Anhänger*innen des Gesetzes behaupten, die LGBTIQ-Bewegung wolle die traditionelle Familie zerstören.

Damit nicht genug: Polen möchte die Istanbul-Konvention verlassen. Das Abkommen, das der Europarat 2011 in der türkischen Metropole beschloss, verpflichtet die Unterzeichnerländer, gegen alle Formen der Gewalt gegen Mädchen, Frauen und sich als weiblich identifizierende Personen vorzugehen. Die Istanbul-Konvention ist deshalb ein wichtiger Schutz für sie.

Platform Embrace Badischer Kunstverein
Embrace Logo. Grafik von Elisa Calore, 2022

„Embrace“ möchte auf verschiedene Missstände aufmerksam machen

Kerstin Möller, die einen Lehrauftrag an der Hochschule für Gestaltung (HfG) Karlsruhe hat, wo auch Karolina Sobel als Mitarbeiterin für Fotographie arbeitet, wirkte 2020 an “LEZBY” mit und war deshalb ebenfalls in Warschau. Beide Frauen spürten, wie sich in Polen die politische und soziale Kluft zwischen den populistischen Rechten, der Mitte und den Linken immer mehr vergrößert. Sie wurden aktiv und gründeten die “Platform Embrace“.

„Unser Ziel ist es, das Bewusstsein für die anhaltende und zunehmende Diskriminierung von LGBTQ+ Gemeinschaften, nicht-binären Individuen sowie Frauenrechte zu stärken“, erklärt mir Kerstin Möller, als ich sie im Badischen Kunstverein treffe, wo die “Platform Embrace“ zum ersten Mal eine Ausstellung mit vielseitigem Rahmenprogramm veranstaltet.

Interkultureller künstlerischer Austausch soll gefördert werden

„Mit der Plattform möchten wir einen interkulturellen, künstlerischen Austausch fördern sowie nationale und internationale Kooperationen ermöglichen“, betont die Organisatorin.

Besonders queere Künstler*innen aus Polen, die in ihrem Land bereits Probleme haben, sollen durch „Embrace“ eine Stimme erhalten. Unterstützt wird die nomadische Plattform in der Fächerstadt unter anderem vom Team der UNESCO City of Media Arts Karlsruhe.

Platform Embrace Badischer Kunstverein
“Zwei linke Hände”, Karlsruhe 2021. Courtesy Jessica Kessler

Intervention „Zwei linke Hände“ in den Waschräumen

Videoarbeiten, Zeichnungen, Soundinstallationen, Fotografien, Stadtführungen und Filmscreenings: Anlässlich der Ausstellung im Badischen Kunstverein sind nun bis 18. April drei Gastpositionen von polnischen Künstler*innen zu sehen. Außerdem wählte eine Jury bei einem Open-Call zwei Arbeiten aus, die sich mit Identität und queerer Liebe beschäftigen. Dazu gibt es eine Intervention von der HfG-Studentin Jessica Kessler auf den Damen- und Herrentoiletten des Badischen Kunstvereins.

Dorthin führt mich Kerstin Möller bei unserm Rundgang zuerst. „Wir hatten an der HfG ein Seminar zum Thema ‘Kunst, Protest und Aktivismus’“, erklärt sie mir den Hintergrund. Studentin Jessica Kessler entwickelte in diesem Rahmen die Idee für ihre Intervention „Zwei linke Hände“.

In den Waschräumen des Kunstvereins hat sie diese nun umgesetzt. Mithilfe von Zeichnungen, Fragen und Aussagen macht sie auf die Benachteiligung von Linkshänder*innen aufmerksam – und damit darauf, wie binäre Denkmuster zu Ausgrenzung und Benachteiligung führen.

Bis in die 1970er-Jahren wurden Linkshänder*innen zur qualvollen Umerziehung gezwungen. Bis heute ist es oft schwierig für sie, alltägliche Gegenstände wie Spitzer, Dosenöffner oder eine Tastatur zu kaufen. Alles ist auf Rechtshänder*innen ausgelegt, sie sind die Norm. „Was ist deine Rolle in der Mehrheitsgesellschaft?“ steht deshalb auch fragend auf dem großen Spiegel über dem Waschbecken.

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Credit: Marta Bogdanska

Karol Radziszewski gibt einen Einblick in das „Queer Archives Institute“

Wenige Meter davon entfernt sind im vorderen Teil des Gewölbekellers des Kunstvereins verschiedene Werke des Künstlers Karol Radziszewski vertreten. Bei ihm stehen die queeren Lebenswelten in Osteuropa im Mittelpunkt – und die großen Schwierigkeiten, mit denen die Menschen zu kämpfen haben. Unter anderem gewährt er in zwei Vitrinen mittels Flugblätter und Magazinen einen Einblick in das „Queer Archives Institute“.

Außerdem zeigt er ein großformatiges Porträt von Transgender-Aktivistin Ewa Holuszko. „Sie war ein wichtiges Mitglied der Solidarnosc-Bewegung“, erklärt mir Kerstin Möller. Doch ihre Transition von einem Mann zu einer Frau stieß auf Unmut, mit der Zeit wurde sie deshalb aus der Geschichtsschreibung entfernt. Karol Radziszewski macht darauf aufmerksam – unter anderem auch mit einem Interview, das im Gewölbekeller zu sehen und hören ist.

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Credit: Marta Bogdanska

Liliana Zeic beschäftigt sich mit nicht-normativen Frauengeschichten

An der gegenüberliegenden Wand hängen mehrere Arbeiten von Liliana Zeic. Sie ist ebenfalls eine homosexuelle Künstlerin und beschäftigt sich mit nicht-normativen Frauengeschichten aus Polen.

Neben Zeichnungen und Fotografien hängt ihm Raum auch eine dreiköpfige Skulptur von ihr – nach einer traditionellen polnischen Heuflecht-Technik „Die Skulptur repräsentiert die Beziehung zwischen drei Frauen“, beschreibt Kerstin Möller. Der Hauptkopf symbolisiert eine polnische Literaturnobelpreisträgerin, die im Sommer zu einer Frau und im Winter zu einer anderen Frau eine Beziehung pflegte.

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“Romance With Open Ending”, Videostill, Brüssel 2021. Courtesy Mara Ittel

Liebesgeschichte von Mara Ittel in Tiktok-Ästhetik

Um eine Dreier-Beziehung geht es auch in der dreiteiligen Videoarbeit „Romance With Open Ending von Mara Ittel, die im hinteren Teil des Raumes aufgestellt ist. Sie ist quietschbunt und in Tiktok-Ästhetik gestaltet. Mittels Sticker, Liedern und einem Sprecher greift die Webserie auf verschiedene Trends, Codes und Stile der queeren Communities zurück.

Mara Ittel hat unter anderem an der HfG studiert und dadurch einen Bezug zu Karlsruhe. Ihre Arbeit setzte sich bei einem Open-Call durch. Auch Charlotte Eifler wurde von der Jury ausgewählt, ihre Videoarbeit „A set of non computable Things“ am 14. April anlässlich der „Embrace“-Ausstellung in der Kinemathek zu zeigen.

Klang-Installation von Edka Jarząb

Die dritte polnische Position befindet sich in der Mitte des Gewölbekellers. Ein bunter Tufting-Teppich ist das Zentrum, darum stehen Lautsprecher. „Wir haben bei einem Workshop mit der Künstlerin Edka Jarząb eine Klang-Installation zum Thema ,Safe Space’ für FLINTA erarbeitet“, sagt Kerstin Möller.

Wie und wo fühle ich mich als Frau, Lesbe, inter-, nicht-binäre, trans- oder asexuelle Person sicher? Diese Frage war zentral. Die Teilnehmenden tauschten sich aus, machten Atemübungen und besprachen feministische Texte. Daraus entstand eine Klang-Collage, die nun im Gewölbekeller des Badischen Kunstvereins zu hören ist. 

Der Tufting-Teppich ist eine Leihgabe der Designer Florian Knöbl, Jannik Lang, Moritz Appich und Sören Göbel von der HfG Karlsruhe. “Wir haben den Teppich an der Hochschule gesehen, fanden ihn toll und fragten deshalb nach, ob wir ihn für die Ausstellung haben dürfen”, erklärt mir die “Platform”-Mitbegründerin.

Wertvolles Engagement

Es ist der letzte Stopp unseres Rundgangs. Kerstin Möller muss gleich weiter. Nur wenige Minuten später beginnt ein queerer Stadtrundgang mit Ilona Scheidle, der zum Rahmenprogramm gehört. Das Interesse war im Vorfeld riesig, der Rundgang in kurzer Zeit ausgebucht. Das zeigt, wie wichtig und wertvoll das Engagement der “Embrace-Platform” ist.

Mit der Ausstellung im Badischen Kunstverein gelingt es ihnen definitiv, das Bewusstsein für die schwierige Lage von queeren Menschen in Polen zu schärfen, sowie auf Geschlechterungleichheiten und nicht-binäre Identitäten hinzuweisen.

Mehr zur Ausstellung und zum Rahmenprogramm gibt es beim Badischen Kunstverein.

Weitere „Embrace“-Veranstaltungen gibt es im Künstlerhaus Hannover im Juli 2022, in Zusammenarbeit mit dem Kulturbüro der Stadt Hannover und der UNESCO City of Music Hannover.

Außerdem wird es in diesem Jahr noch „Embrace“-Veranstaltungen im Pawilon Arts Centre in Poznan (Polen) geben.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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