19. April 2022

Krimskrams: Ein Abend mit Maximilian Zschiesche & Ben Rentz von “DIE SIPPE”

“DIE SIPPE”: Wiederaufnahme des performativen Theaterstücks im P8 in Karlsruhe

Als sich zu Beginn der Corona-Pandemie im April 2020 das alltägliche Leben schlagartig änderte, Treffen mit Freund*innen nur noch sehr eingeschränkt möglich waren, saß Maximilian Zschiesche in seinem Zimmer und überlegte: Wie kann ich unter diesen Umständen ein Theaterstück mit performativen Ansätzen realisieren?

Über die sozialen Medien startete er einen Aufruf: Wer hat Lust, mitzumachen? Die Resonanz war groß. Am Ende fand sich eine Gruppe von zwölf Interessierten zusammen – vorrangig Schüler*innen und Studierende, damals zwischen 16 und 21 Jahren alt. Darunter Personen, die Texte schreiben, auf der Bühne performen, sich um Kostüme kümmern oder für einen funktionierenden Produktionsablauf sorgen.

Es war der Beginn von „DIE SIPPE“, einer Arbeit, die sich mit zentralen Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens auseinandersetzt: mit Herkunft, Geschlecht, Bildung und Besitz.

Nach 21 Monaten Recherche, Texte schreiben und zahlreichen Proben war es im Januar diesen Jahres soweit: „DIE SIPPE“ feierte im neuen P8 in der Schauenburgstraße Premiere – der Erfolg war riesig. Jede einzelne der fünf Veranstaltungen war ausverkauft. Deshalb gibt es nun ab 28. April nochmals drei weitere Aufführungen.

Welche Abhängigkeiten begegnen uns im Alltag?

An einem sonnigen Frühlingsabend treffe ich mich mit Maximilian und Ben Rentz in einem Café in der Innenstadt-West. Während Maximilian die künstlerische Leitung bei „DIE SIPPE“ hat, ist Ben mit seinem und Yoreme Waltz gegründeten Büro „productions performing arts“ für die Produktion des Stücks verantwortlich.

„DIE SIPPE“ hinterfrage bislang akzeptierte Werte und Normen sowie den Umgang damit, erklärt mir Maximilian. Seine Beobachtung: Wir sind weitaus mehr von gesellschaftlichen Strukturen abhängig, als uns häufig bewusst ist.

Für ihn zeigt sich immer mehr, dass theoretische Anleitungen für ein harmonisches Zusammenleben nicht mehr funktionieren. Müssen Menschen beispielsweise überhaupt in Mann und Frau eingeteilt werden? Wie möchten wir weiterhin zusammenleben und uns aus Unterdrückungen befreien? Mit solchen Fragen setzt sich „DIE SIPPE“ auseinander.

Anfänge bei Theaterclubs des Badischen Staatstheaters

Maximilian studiert Ausstellungsdesign und Szenografie an der Hochschule für Gestaltung (HfG) Karlsruhe und ist seit seiner Kindheit eng mit Theaterclubs und dem Badischen Staatstheater Karlsruhe verbunden. Unter anderem stand er für die Volkstheater-Produktion „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ auf der Bühne. „Mein Traum war es lange, selbst Schauspieler zu werden“, erzählt er rückblickend.

Auch Ben hegte diesen Wunsch und sammelte in seiner Jugend ähnliche Erfahrungen wie Maximilian. Doch beide stellten sie vor wenigen Jahren fest: Die Arbeit hinter der Bühne interessiert sie noch mehr.

Erste Erfolge mit “Kaputt” und “Gute Besserung”

Maximilian reichte deshalb bereits mit 18 Jahren beim Format „Tryout“ am Badischen Staatstheater ein Regie-Konzept ein. Die Jury war überzeugt. Er durfte seine Arbeit „Kaputt“ in der Spielzeit 2018/19 im Club „Erdbeermund“ realisieren. „Das hat mich richtig gecatcht“, erinnert er sich.

Ben machte sich nach seiner Ausbildung als Produktionsdesigner mit einem Produktionsbüro selbstständig und entwickelte unter anderem mit Lilian Marina Haupt das Stück „Gute Besserung“, das vergangenes Jahr im Tollhaus zu sehen war.

Bei beiden Projekten wirkten Perfomer*innen mit, die nun auch bei „DIE SIPPE“ dabei sind – darunter Sarah Nelly Mettendorf, Caleb Felder und Sophie Catharina Xenia Metzmaier. Neben ihnen sind bei „Die Sippe“ außerdem Clara Nagel und Marie Charlotte Elsner auf der Bühne zu sehen. Für die Dramaturgie ist Sanaa Attar verantwortlich.

Die Sippe
Credit: Bernt Hentschel

Fließende Grenzen zwischen Schauspielerei und Performance

„Das Stück ist in eine Albtraum-Atmosphäre eingebettet – es ist sehr assoziativ“, erklärt Maximilian. Es gibt keine durchgehende Geschichte. Viele persönliche Erlebnisse sind in die Texte eingeflossen. Jede Performer*in spricht aus unterschiedlichen Perspektiven. „Wir möchten Schubladen sprengen.“

Außerdem gibt es unbesprochene Elemente. Kleine Momente, in denen offen ist, wie Performer*innen agieren, also Raum für Spontanität ist. Die Grenzen zwischen Schauspielerei und Performance sind fließend.

Weitere Projekte bereits in der Arbeit

Am 30. April ist „DIE SIPPE“ das letzte Mal im P8 zu sehen. Danach löst sich die freie Theatergruppe in dieser Form zwar auf, aber nur, um sich in Teilen in Zukunft immer wieder zu begegnen. „Wir arbeiten bereits an neuen Projekten“, verrät der HfG-Studierende. Er selbst zeigt Ende Juni eine performative Ausstellung mit dem derzeitigen Arbeitstitel „Köder“. Ben produziert ein Stück mit dem Arbeitstitel „Ulkus“, das im Tollhaus zu sein wird.

„Die Strukturen, die wir in den vergangenen zwei Jahren geschaffen haben, funktionieren super“, fasst Maximilian zusammen. Dass aus ihnen in den nächsten Jahren bestimmt noch viele spannende Projekte entstehen werden, ist ein großer Hoffnungsschimmer für die Karlsruher Kulturszene.

Tickets für “DIE SIPPE”

Wer Karten für die Veranstaltungen am 28., 29. oder 30. April für “DIE SIPPE” im P8 haben möchte, kann über diesen Link welche kaufen.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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