26. Juli 2025

Buchkritik: „James“ von Percival Everett

„James“ von Percival Everett

Rezension von „James“: Percival Everett erzählt meisterhaft und bewegend „Huckleberry Finn“ aus der Sicht eines Sklaven ­­­­­­

Als ich das erste Mal von „James“ von Percival Everett hörte, stand für mich sofort fest, dass ich dieses Buch unbedingt lesen möchte. Die Handlung klang spannend: Die Geschichte von „Huckleberry Finn“, erzählt aus der Sicht des Sklaven Jim. Zunächst wollte ich jedoch den Klassiker von Mark Twain lesen, der seit mehr als zehn Jahren auf meinem Stapel ungelesener Bücher liegt.

Doch Woche um Woche verstrich und aktuellere Bücher reizten mich immer mehr. Als ich dann vor kurzer Zeit erfuhr, dass Percival Everetts Roman den Pulitzer Preis 2025 erhalten hat, beschloss ich, den Roman von Mark Twain zu überspringen. „Demon Copperhead“ hatte ich schließlich auch verstanden und geliebt, ohne „David Copperfield“ gelesen zu haben. Also lieh ich mir „James“ endlich in der Bibliothek aus.

Um was geht es in „James“?

„James“ erzählt „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“ neu. Percival Everett lässt seine Hauptfigur berichten, wie es ihm im 19. Jahrhundert als Sklave an den Ufern des Mississippi rund um das Dorf Hannibal ergeht. Dabei liegt die Besonderheit darauf, dass Jim nun James heißt, gebildet ist und seine eigenen Gefühle und Gedanken hat. Seine Perspektive zeigt, dass das damalige Amerika voller Rassismus und Gewalt ist. Immer wieder muss ich an den Roman „Underground Railroad“ denken.

Percival Everett orientiert sich stark an der Vorlage von Mark Twain, schafft aber neue Geschichten, in dem er in die Lücken springt, die in dem Klassiker nicht erzählt werden (ich habe die ausführliche Inhaltsangabe des Klassikers auf Wikipedia durchgelesen). So lese ich beispielsweise aus der Perspektive von James, welchen Ängsten er ausgesetzt ist, als er erfährt, dass er nach New Orleans verkauft werden soll und dadurch von seiner Frau und seiner Tochter getrennt wird.

James flieht auf eine kleine einsame Insel, wo auch der Junge Huck auftaucht, weil er Angst vor seinem Vater hat. Da beide fast gleichzeitig verschwinden, entsteht in Hannibal das Gerücht, dass James Huck ermordet hat. Es beginnt eine wilde Flucht auf dem Floß und zu Fuß voller Gefahren, Gewalt und Schrecken. Sie treffen auf Sklavenhalter und Betrüger, werden von Stürmen mitgerissen und ertrinken fast bei einem Schiffsunglück. Dabei möchte Huck immer an der Seite von James bleiben.

Ständige Gefahr für James

James ist aufgrund seiner Hautfarbe ständig in Gefahr. Zeitweise landet er sogar in einem Blackfacing-Chor. Das ist eine skurrile Situation. Der Leiter kauft James für 200 Dollar einen Schmied ab. James soll dieses Geld durch Auftritte wieder hereinholen. Was sich zunächst wie eine Atempause anfühlt, entpuppt sich jedoch schnell als die nächste Bedrohung. Seine Haare ziehen Aufmerksamkeit auf sich. Nach einem Konzert fasst ihm ein Mann unerlaubt ins Haar. Seine schwarze Identität lässt sich schwer verstecken, und Schutz erfährt er auch im Chor nicht. James flüchtet weiter.

Gegen Ende gelingt Percival Everett noch ein besonderer Clou, wenn es um den leiblichen Vater von Huck geht. Da ich aber nicht spoilern möchte, sei nur so viel gesagt: Das fand ich rührend und einen hellen Moment in dem sonst so düsteren Buch.

Besondere Sprache in „James“

Besonders an der Konzeption von „James“ ist, wie die Sklaven und Sklavinnen das Südstaatenenglisch bewusst unkorrekt sprechen, damit die Weißen sie für dumm halten. Das klingt dann beispielsweise so:

„Hab viele Falken rumflieng sehn. Die jaang gern, bevor’s regnet. Un hab Ameisen kleine Löcher um ihre Löcher baun sehn.“

James erklärt den Grund für die vereinfachte und falsche Sprache seiner Tochter folgendermaßen:

„Die Weißen erwarten, dass wir auf eine bestimmte Weise klingen, und es kann nur nützlich sein, sie nicht zu enttäuschen“, sagt er. Wenn sie sich unterlegen fühlen, haben nur wir darunter zu leiden. Oder vielleicht sollte ich sagen, wenn sie sich nicht überlegen fühlen.“

James hält auch geheim, dass er die großen Philosophen wie John Locke liest und schreiben kann. Es ist für ihn die Freiheit zu denken – und sich gedanklich von den Fesseln der Sklaverei zu befreien.

Spannung und Tiefgang in James

Percival Everett erzählt die Geschichte von James in kurzen, gut lesbaren Kapiteln. Die Spannung ist stets präsent, da James nie sicher ist. Ich hoffte immer, dass er mit seiner Familie Frieden findet.

Wie schon bei „Underground Railroad“ erschütterte mich auch in diesem Roman, wie grausam weiße Menschen sein können – und wozu der Mensch grundsätzlich fähig ist. Mord, Vergewaltigungen, pure Gewalt: Die Liste der Verwerfungen gegenüber Schwarzen Menschen ist endlos lang. Deshalb ist es wichtig, dass diese Geschichten immer wieder erzählt werden.

Fazit: Wie finde ich „James“ von Percival Everett?

„James“ ist definitiv ein besonderes und wichtiges Buch. Percival Everett hat damit ein Meisterwerk geschaffen. Durch die außergewöhnliche Sprache der Sklavinnen und Sklaven erhält der Roman ein weiteres Alleinstellungsmerkmal. Er regt zum Nachdenken an und erinnert daran, wie wichtig der Kampf gegen Rassismus ist.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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