Buchkritik: „Trophäe” von Gaea Schoeters

„Trophäe” von Gaea Schoeters: ein düsteres, aber unglaublich gutes Buch!
Es hat lange gedauert, bis ich mich entschieden habe, „Trophäe” von Gaea Schoeters zu lesen. Obwohl der Roman seit einem Jahr immer wieder auf vielen „Beste-Bücher-Listen“ auftaucht, schreckte mich zunächst das Thema ab: die Jagd in Afrika. Doch dann las ich vor wenigen Wochen eine weitere begeisterte Rezension über das Buch. Es sei ein radikaler, erschütternder Roman, brillant geschrieben und rege zum Nachdenken an. Hmmm, dachte ich. Warum nicht in der Bibliothek ausleihen und einfach anfangen zu lesen? Mal schauen, was passiert.
Tatsächlich stimme ich nun in die Lobeshymnen ein: „Trophäe“ hat auch mich verschlungen. Der Roman riss mich so mit, dass ich sogar nachts mit dem Licht meines Handys im Bett lag und las, weil ich unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht. Dabei erschütterte mich das Geschehen bis ins Mark – teilweise las ich die Seiten nur schemenhaft, weil ich so unter Spannung stand und es kaum aushalten konnte. Das Besondere: Das düstere Buch hält einem auf eine ganz spezielle Weise die Doppelmoral der westlichen Welt vor – dazu aber später mehr.
Worum geht es in „Trophäe”?
Im Zentrum steht der reiche amerikanische Jäger John Hunter White – ja, er heißt wirklich so plakativ. Ihm wurde das Jagen in die Wiege gelegt. Bereits als kleiner Junge zog er mit seinem Großvater los, um Tiere zu erlegen. An diese Zeit erinnert er sich während des gesamten Romans immer wieder in Anekdoten.
Für ihn ist das Jagen der absolute Adrenalinkick und eine existenzielle Erfahrung:
Es ist keine Ergriffenheit, sondern eher eine Art Ehrfurcht, durch die Nähe eines Wesens erzeugt, das unendlich viel älter ist als er selbst. Noch nie hatte er das Gefühl, dem Anfang der Evolution so nahe zu sein, wie jetzt, als wäre er in eine Zeit zurückkapituliert worden, in der es den Menschen noch nicht gab. (…) Sein ganzer Körper ist in Alarmbereitschaft, alle Sinne sind bis zum Äußersten angespannt: all der Ballast der Zivilisation fällt von ihm ab. Das hier, das spürt er, bedeutet leben. Hier, die Gefahr zum Greifen nahe, kann er sein, was er wirklich ist. Er, Hunter, Mann.
„Trophäe”: Afrika als Vergnügungspark
Während Hunter in der Finanzwelt auf ethisch fragwürdige Weise Geld verdient, ist Afrika für ihn ein Vergnügungspark, in dem er seine „Big Five” vervollständigen kann. Vier davon hat er bereits erledigt (Afrikanischer Elefant, Kaffernbüffel, Löwe, Leopard), dieses Mal soll es nun das Spitzmaulnashorn sein.
Um das seltene Tier erschießen zu dürfen, hat er sich eine teurere Jagdlizenz von einem Mann namens van Heeren erkauft. Doch die Aktion verläuft nicht nach Plan. Wilderer kommen Hunter zuvor und töten das Nashorn. Der Jäger ist zutiefst deprimiert. Daraufhin nimmt van Heeren ihn tiefer in den Urwald mit, zeigt ihm das ursprüngliche Leben der Indigenen und bietet ihm schließlich ein besonderes Objekt an. Van Heeren spricht von den „Big Six” und meint damit als zusätzliches Jagdziel einen jungen indigenen Mann.
Es ist ein unglaublicher Vorschlag und eine krude Rechnung: Hunter soll 500.000 Euro für diese ganz besondere Lizenz und Herausforderung bezahlen. Hunter wird suggeriert, er tue etwas Gutes für eine Gemeinschaft. Schließlich muss sie seit Jahrhunderten um ihren Lebensraum kämpfen, wurde erst von ihrem Grund vertrieben, hauste in Reservaten, erhielt dann einen Teil ihres Landes zurück, aber lebt trotzdem weiter in großer Armut. Das Angebot: Von Hunters Geld für die Lizenz zum Erschießen eines Menschen soll die indigene Gemeinschaft unterstützt werden. Zusätzlich darf dann einer aus ihrem Kreis in den USA studieren.
Hunter überlegt hin und her. Die Option, das Geld einfach zu spenden, um der Gemeinschaft zu helfen, kommt für ihn nicht infrage. Die Begierde in ihm ist zu groß. Er hat stellenweise sogar eine leichte Erektion, wenn er daran denkt, den Mann zu erschießen. Es ist absurd. Was wird er am Ende tun?
„Trophäe”: eingängige schöne Sprache vs. grausame Handlung
Gaea Schoeters erzählt diese außergewöhnliche Geschichte in einer wunderbar bildhaften und eingängigen Sprache. Ich fühlte mich komplett in den Urwald hineinversetzt. Das Buch zu lesen, erfordert keinerlei Mühe. Die Geschichte selbst ist jedoch eine starke Herausforderung. „Trophäe“ ist ein Pageturner, der mich emotional sehr berührte. Denn es wird früh klar, dass sich die Handlung immer weiter zuspitzt.
Hunter wird im Laufe der Geschichte euphorischer, ekstatischer und wahnsinniger. Der Wassermangel bei der Jagd und die starke Sonne lassen ihn ab der Mitte des Buches sogar paranoid werden. Da die Geschichte aber aus seiner Sicht erzählt wird, ist nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich, was er sich einbildet und was sich tatsächlich ereignet.
Dabei stellt Gaea Schoeters ihre Hauptfigur nicht als eiskalten Menschen dar. So zeigt er beispielsweise liebevolle Gefühle, wenn er an seine Frau denkt. Diese teilt sogar seine groteske Leidenschaft für tote Tiere und balsamierte Menschen. Im Vergleich zu den Indigenen, die rücksichtsvoll mit den Tieren umgehen und die Natur huldigen, wirkt Hunters Jagen jedoch völlig egozentrisch und brachial.
„Trophäe”: Was ist ein Menschenleben wert?
„Trophäe“ hat mich nachhaltig zum Nachdenken gebracht: Über die irrsinnige Lust der Jäger, für einen Adrenalinkick und ein Machtgefühl, Tiere zu erschießen. Und über weiße Menschen, die der Kapitalismus so reich gemacht hat, dass sie denken, sie können mit Geld einfach alles kaufen. Das Prinzip der Big Five gibt es ja tatsächlich. Auch Hunter ist voller Hybris. Wenn es beispielsweise um die Wilderer geht, heißt es im Buch:
Der Gedanke, dass der Bodensatz der Gesellschaft sein Nashorn gleich mit einem Streifsatz umlegt, um ihn danach mit einem Beil zum Leben zu Leibe zu rücken und die Hörner illegal zu verkaufen, treibt Hunter zur Weißglut. Er, er allein, hat das Recht, dieses Nashorn zu töten (…) Der Drang, der ihn antreibt, ist so stark, dass er nichts mehr spürt, keine Ermüdung, keine widerspenstigen Dornensträucher, die seine Arme und Beine verschandeln, keine Angst.
Außerdem beschäftigte mich in den vergangenen Tagen die westliche Arroganz hinsichtlich des Umgangs mit Indigenen. Ich musste an den großartigen Roman „Der Nachtwächter” denken, bei dem es um die Natives in Australien geht. Und welche Bedeutung hat ein einzelnes Menschenleben? Konkret: Das Leben eines Bushman im Vergleich zu dem eines jungen Mannes aus einem westlichen Land. Erregt der Tod von Menschen in Kriegen im Sudan oder im Kongo hier nur einen einzigen Aufschrei? Ist das auch nur eine Schlagzeile wert?
Fazit: Wie finde ich „Trophäe“?
„Trophäe“ ist ein unglaublich tolles Buch. Es ist jedoch kein Wellness-Programm, sondern harte Kost. Es rückt die große Gier weißer Menschen in den Fokus und zeigt, dass manche für ihr eigenes Vergnügen alle moralischen Hemmungen sausen lassen. Gaea Schoeters schildert außerdem das Schicksal der indigenen Bevölkerung Afrikas mit viel Respekt. „Trophäe“ ist deshalb nicht nur ein mitreißendes, sondern auch ein sehr gewinnbringendes Buch, das sich trotz seiner Düsternis unbedingt zu lesen lohnt!
More from my site
Der Blog ist komplett ohne Werbung, ich schreibe völlig frei, falls du mich dabei mit einem Kaffee unterstützen möchtest, freu ich mich.








Schöner Lektürebericht, der leider dadurch gestört wird, dass der Titel des Buches konsequent falsch geschrieben ist.
Ach herrje! Danke, da hat mein Gehirn einfach immer den Artikel dazu gelesen. Danke für den Hinweis!
Das kann passieren. Hab mich jedenfalls sehr über die geteilte Begeisterung für dieses tolle Buch gefreut!