Rezension: „Daisy Jones & The Six“ von Taylor Jenkins Reid

Kritik zu „Daisy Jones & The Six“: als Buch und Serie ein großes Vergnügen
Selten bringen mich Bücher dazu, bei Spotify ständig Musik anzuhören. Beim Lesen von „Daisy Jones & The Six“ ist mir genau das jedoch passiert. Die Autorin Taylor Jenkins Reid hat sich für ihren Roman nämlich von der Geschichte der Band „Fleetwood Mac“ inspirieren lassen. Das verrät bereits der Klappentext. Da ich mich damit bisher noch nicht beschäftigt hatte, begann ich Songs der Band anzuhören - einige kannte ich, andere waren mir neu.
Aber nicht nur das: Da es seit zwei Jahren eine gleichnamige Serie auf Amazon Prime gibt, entstand zu den Songs aus dem Buch tatsächlich ein kompletter Soundtrack. So konnte ich hören, wie die Lieder klingen, die Daisy und ihr Bandkollege Billy im Buch in harter Arbeit erschaffen haben. Das fand ich richtig toll.
Worum geht es in „Daisy Jones & The Six“?
Im Mittelpunkt von „Daisy Jones & The Six“ steht die gleichnamige Band, die sich 1977 auf dem Höhepunkt ihrer Karriere plötzlich auflöste. Taylor Jenkins Reid erzählt ihre Geschichte chronologisch ab den 1960er-Jahren. Dazu lässt sie verschiedene Hauptfiguren im Interviewstil zu Wort kommen. Durch die verschiedenen Perspektiven entwickelt sich ein vielschichtiges Bild.
Für den Erfolg und das Scheitern der Band sind maßgeblich die begabte, aber auch fragile Sängerin Daisy und der charismatische und ebenfalls leidenschaftliche Sänger Billy verantwortlich. Ihr kompliziertes Verhältnis zueinander macht den großen Reiz der Band aus.
Daisy ist eine talentierte Musikerin, aber seelisch verloren
Daisy ist die Tochter eines britischen Malers und eines französischen Fotomodells. Sie wächst in Los Angeles auf. Im Buch wird immer wieder erwähnt, wie schön sie ist. Eine Biografin erzählt gleich zu Beginn:
„Sie hatte unglaublich große Augen – ein dunkles Kobaltblau. Zu meinen Lieblingsanekdoten über sie gehört, dass ein Unternehmen, das getönte Kontaktlinsen herstellte, einen entsprechenden Farbton entwarf, der als ‚Daisy Blue‘ vermarktet wurde. Sie hatte dickes, lockiges, kupferrotes Haar, das einfach wahnsinnig üppig war. Ihre Wangenknochen wirkten beinahe angeschwollen, so deutlich waren sie definiert. Und sie hatte eine unglaubliche Stimme, die sie gar nicht entwickeln musste – sie hat nie Unterricht genommen.“
Daisy ist wohlstandsverwahrlost. Ihre Eltern haben viel Geld, aber kein besonderes Interesse, sich um ihre Tochter zu kümmern. So hängt sie bereits mit 14 Jahren in Bars und Clubs am Strip in L. A. herum. Sie nimmt Drogen, schläft mit Musikern und zieht direkt nach ihrem Highschool-Abschluss von zu Hause aus. Irgendwann lernt sie einen Musikproduzenten kennen und erhält die Chance, ein Album zu produzieren.
Die Plattenfirma hat zunächst kein großes Interesse daran, dass sie darauf ihre eigenen Songs veröffentlicht. Vielmehr soll sie Lieder singen, die die Produzenten für sie vorgesehen haben. Dann gelingt Daisy jedoch ein erster Hit und Musikproduzent Teddy Price bringt sie mit „The Six“ zusammen.
Billy ist der Star von „The Six”
Im Zentrum von „The Six“ wiederum stehen vor allem Billy und sein Bruder Graham. Sie wachsen bei ihrer alleinerziehenden Mutter in Pittsburgh auf und lieben Musik. Als sie Teenager sind, gründen sie mit Freunden die Band. Später kommt noch die Keyboarderin Karen dazu. Ihr Aufstieg beginnt langsam – zunächst spielen sie auf Hochzeiten. Dort begegnet Billy im Alter von 19 Jahren auch seiner großen Liebe Camila, die in einer Hotelbar als Cocktailbedienung arbeitet. Sie erinnert sich im Interview:
„Schlank, aber trotzdem muskulös, das war immer schon mein Typ gewesen. Und er hatte so dichte Wimpern, strahlt so ein Selbstbewusstsein aus. Dazu grinste er breit.“
Von diesem Moment an spielt Camila eine wesentliche Rolle in der Geschichte. Sie und Billy kommen zusammen und als „The Six“ für ihre Karriere nach Los Angeles ziehen, kommt sie mit.
Billy trifft alle wichtigen Entscheidungen für die Band, bevor Daisy zu ihnen stößt. Er schreibt die meisten Songtexte und gibt die musikalische Richtung maßgeblich vor. Das führt vor allem bei Bassist Eddie oft zu Frust.
Das Problem: Billy hat wie Daisy einen großen Hang zu Drogen. Als er mit „The Six“ seine erste etwas größere Tour spielt, driftet er völlig ab. Camila ist zu der Zeit schwanger und nicht dabei. Billy ist überwältigt von der Angst, als Vater zu versagen.
Kompliziertes Verhältnis zwischen Daisy und Billy
Nach der Geburt seiner Tochter schafft Billy den Entzug. Doch clean zu bleiben, ist hart für ihn. Als Daisy zu „The Six“ stößt, ist es für ihn ein riesiges Gefühlschaos. Zunächst stößt er sie von sich weg, da er sich musikalisch bedroht fühlt. Doch schnell stellt er fest, dass sie die gleiche Leidenschaft für die Musik haben. Er fühlt sich mit ihr zutiefst verbunden, hat aber gleichzeitig große Angst, durch sie wieder in den Drogenexzess zu geraten.
Aber auch für Daisy ist die Zeit mit „The Six” eine besondere Erfahrung. Sie ist nur selten nüchtern, feiert ausschweifende Partys und ist unzuverlässig. Billy ist ihre große, unerfüllte Liebe. Es ist deshalb nur eine Frage der Zeit, bis alles explodiert. Auf dem Weg dahin entstehen jedoch eine Menge großartiger Songs, die von Hoffnung, Verzweiflung und tiefem Schmerz geprägt sind. Die beste Mischung für wunderschöne und berührende Lieder.
Taylor Jenkins Reid lässt verschiedene Stimmen die Geschichte erzählen
Da die Geschichte von „Daisy Jones & The Six“ aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird, entsteht ein großes, vielschichtiges Bild über den großen Erfolg und das Scheitern der Band. Das Buch ist unglaublich kurzweilig zu lesen und macht großen Spaß. Es ist ein wilder Mix aus kurzen Episoden über Menschen, die Musik und Drogen lieben. Sex, Drugs and Rock ‘n’ Roll eben. Neben Billy und Daisy gibt es noch eine weitere große Anziehung in der Band: zwischen Graham und Karen. Auch das führt zu Komplikationen.
Es sind zwar alles fiktive Erzählungen, die aber genauso in den 1960er- und 1970er-Jahren hätten passieren können. Taylor Jenkins Reid hat sich für ihre Geschichte das Liebeswirrwarr in der Band „Fleetwood Mac“ zum Vorbild genommen. Deren Album „Rumours“ entstand während tiefer emotionaler Krisen, die sich auch auf die Entstehung der Songs auswirkten. Das Album war dann aber unglaublich erfolgreich und verkaufte sich 19 Millionen Mal.
Fazit: Wie gefällt mir das Buch „Daisy Jones & The Six“?
Ich habe „Daisy Jones & The Six“ dank des eingängigen Schreibstils in einem Rutsch durchgelesen. Es war spannend zu erfahren, wie Songs entstehen und welche Prozesse im Hintergrund einer Band ablaufen – denn schnell entstehen Missverständnisse, Egos prallen aufeinander und Menschen verlieben sich, glücklich und unglücklich.
Kritik: Und wie finde ich die Serie „Daisy Jones & The Six“?
Besonders toll finde ich an „Daisy Jones & The Six“ das Zusammenspiel mit der gleichnamigen Amazon-Serie und dem Soundtrack auf Spotify. Gleich nachdem ich das Buch zu Ende gelesen hatte, schaute ich mir die Serie an. Sie nimmt sich zwar ein paar kleine künstlerische Freiheiten heraus, hält sich im Gesamten aber doch stark an die Handlung des Buchs. Es war ein Traum, die Songs, die sich Daisy und Billy im Buch so hart erarbeitet haben, dann tatsächlich zu hören und die Auftritte der Band auf der Bühne zu sehen.
Irritierend fand ich nur zunächst, dass die Schauspieler*innen von Daisy (Riley Keough, die Enkelin von Elvis Presley) und Billy (Sam Claflin) schon weit über 30 Jahre alt sind und auch so aussehen. Im Buch hatte ich mir die Figuren immer deutlich jünger vorgestellt. Nach einigen Folgen hatte ich mich jedoch daran gewöhnt. Besonders gut hat mir außerdem Camila Morrone gefallen, die Billys Freundin Camila spielt. Außerdem sind die Songs einfach großartig geworden. „Daisy Jones & The Six“ ist deshalb ein ganz besonderes Vergnügen – als Buch, Musik und Serie!
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