5. Oktober 2025

Rezension: „Halbinsel“ von Kristine Bilkau

„Halbinsel“ von Kristine Bilkau

Kritik „Halbinsel“: Ein leiser, unaufgeregter Roman, der einen aber völlig mitreißt

Auf „Halbinsel“ wurde ich aufmerksam, weil der Roman von Kristine Bilkau 2024 den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt. Daraufhin las und hörte ich viel über die Mutter-Tochter-Geschichte am Wattenmeer, in der zwei Generationen aufeinandertreffen, die der Welt mit ganz anderen Erwartungen begegnen. Die Kritiken waren fast ausnahmslos positiv.

Deshalb war ich gespannt. Nicht alles, was Jurys und Feuilletons loben, gefällt auch mir. Zuletzt hatte ich mit dem Buch „Die Möglichkeit von Glück” von Anne Rabe gekämpft, das von einem Gremium auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises gesetzt worden war.

Bei „Halbinsel” kann ich mich dem Lobreigen aber nur anschließen. Ich habe den leisen, mitreißenden Roman innerhalb von zwei Tagen gelesen. Okay, das Buch hat zwar auch nur gut 220 Seiten, aber die sind wirklich großartig. Kristine Bilkau ist es gelungen, gesellschaftlich relevante Fragen wie die Klimakrise mit spannenden zwischenmenschlichen Beziehungen zu verknüpfen und daraus wunderbare Literatur zu machen. „Halbinsel“ ist deshalb eines meiner liebsten Bücher, die ich 2025 gelesen habe.

Worum geht es in „Halbinsel“?

Annett erzählt die Geschichte in „Halbinsel“ spotlichtartig. Sie ist Ende 40, lebt in einem kleinen Haus auf einer Halbinsel im nordfriesischen Wattenmeer und ist alleinerziehende Mutter einer Tochter, Linn. Ihr Mann ist gestorben, als Linn noch im Kindergarten war. Damals war Annett erst 30 Jahre alt. Seit Linn zum Studieren ausgezogen ist, lebt Annett allein. Ihr Leben ist überschaubar. Sie ist stellvertretende Leiterin der Bibliothek in der nahegelegenen Kleinstadt und hat einige Freundinnen und Freunde. Allerdings fehlt es ihr an Lebensfreude, ihr Alltag plätschert vor sich hin und sie igelt sich daheim ein.

„Wenn ich nicht arbeiten musste, erschien es mir mühsam, unter die Dusche zu steigen, ein frisches Shirt und saubere Jeans anzuziehen. Ich geisterte im Schlafanzug durch das Haus, hasste den Geruch unter meinen Achseln und fragte mich, wie es hier mit mir weitergehen sollte. Wenn es schlimm kam, legte ich mich nachmittags ins Bett, obwohl ich wusste, dass es mir damit nicht besser gehen würde. Ich versank in tiefen Schlaf und wachte mit Panik auf, als wäre ich auf einer abenteuerlichen Wanderung verloren gegangen, zurückgelassen von den anderen, Schicksal besiegelt.“  

Zu Beginn der Geschichte erhält sie einen Anruf und erfährt, dass Linn zusammengebrochen ist, während sie einen Vortrag in einem Hotel hielt. Nun liegt sie im Krankenhaus. Ihre Tochter war nach dem Abitur voller Hoffnung und Zuversicht in die Welt aufgebrochen. Sie hat studiert und sich als Umweltvolontärin in schwedischen und rumänischen Wäldern engagiert. Nun lebt Linn in Berlin und hat ihren ersten Job als Beraterin im nachhaltigen Umweltsektor begonnen. In ihrer Arbeit dreht sich alles um Emissionshandel und Zertifikate, die Firmen als CO₂-Ausgleich kaufen können. Das war auch Inhalt ihres Vortrags. Nur brach Linn nach wenigen Minuten zusammen.

Zwei Lebensweisen prallen aufeinander

Annett holt ihre Tochter deshalb zu sich nach Hause und kümmert sich um sie. Aus dem zunächst nur kurzen Besuch wird bald ein längerer, als Linn ihr überraschend mitteilt, dass sie ihren Job gekündigt hat und nicht mehr in Berlin leben möchte. Gemeinsam holen sie Linns Kisten deshalb nach Norddeutschland.

Linns Anwesenheit verschafft Annett zunächst einen Energieschub. Sie ist nicht mehr allein, hat Struktur und neue Aufgaben. Doch bald wird auch klar, dass das Zusammenleben der beiden Generationen nicht einfach ist. Linn ist anfangs sehr wortkarg. Nach und nach wird deutlich dass sie in einer Sinnkrise steckt. Sie möchte eine Auszeit nehmen und sich neu orientieren.

Für Annett ist dieser Schwebezustand und Linns Rückzug kaum auszuhalten. Sie möchte für ihre Tochter die bestmögliche Zukunft – schließlich hat sie als alleinerziehende Mutter alles dafür gegeben, dass Linn alle Chancen hat, erfolgreich zu werden. Und nun zieht sie sich völlig zurück.

„Trotzdem, das Großziehen eines Kindes glich einem Bergaufstieg, mit aller Kraft hatte ich meine Tochter hochgehievt, um ihr die Chance zu geben, weiterzukommen als ich. Damit sie es leichter haben würde, bei allem, was ihr wichtig wäre. Und sie? Ließ sich einfach wieder herunterrutschen, hockte sich neben mich und sagte, zu anstrengend, und außerdem – nicht so wichtig.“

Aber nach und nach kommen Mutter und Tochter mehr in einen Austausch – und bereichern sich gegenseitig mit ihren Gedanken. Beide finden auf ihre Art Stück für Stück wieder zurück ins Leben.

Kurzweilige Erzählweise in „Halbinsel“

Kristine Bilkau erzählt die Geschichte in Sprüngen. Die Handlung wird in einem größeren Rahmen erzählt. Manchmal vergehen Tage, manchmal Wochen zwischen Annetts Gedanken. Zwar schreitet die Handlung grundsätzlich chronologisch voran, doch Annett erinnert sich immer wieder an die Vergangenheit mit ihrem verstorbenen Mann, erzählt von ihrem Kennenlernen, der schönen gemeinsamen Zeit und dem schmerzhaften Verlust. Dadurch bekommt man als Leser*in ein genaueres Bild von ihr.

Kristine Bilkau hat mit Annett und Linn außerdem zwei tiefgründige und sehr zeitgemäße Figuren geschaffen. Obwohl ich in meinem Leben genau zwischen Annett und Linn stehe, konnte ich mich in beide Frauen wunderbar hineinversetzen. Außerdem habe ich wertvolle neue Perspektiven gewonnen, vor allem in Bezug auf Linns Generation, die mit „Fridays for Future“ sozialisiert wurde und nun bemerkt, wie schwierig es in einer kapitalistischen Welt ist, dem Klimawandel wirklich etwas entgegenzusetzen. Durch Linns Geschichte habe ich auch einen anderen Blick auf die Aktionen der Klimaaktivistengruppe „Letzte Generation“ bekommen.

Obwohl in „Halbinsel“ keine großen Ereignisse stattfinden, entsteht durch ein paar kleine Dinge große Spannung. Muss Annett die teurere Hotelrechnung bezahlen? Was wird mit Levin und was mit dem Pferd, das weggelaufen ist? Immer wieder passiert im Alltag von Annett etwas, das mich wirklich interessiert hat.

„Halbinsel“ überzeugt mit feiner Sprache

Dazu kommt die wunderbare, feine Sprache, die ich sehr genossen habe. Jedes Wort wirkt genau ausgewählt, keines ist zu viel. Immer wieder tauchen Beschreibungen wie diese auf:

„Die Sonne verschwand hinter den Bäumen, alles war in tiefes, leuchtendes Blau und Violett getaucht. Ich stieg langsam die ersten Stufen der Leiter hinab, spürte das kühle Wasser am Rücken, erschauderte, doch dann lehnte ich mich zurück und legte mich hinein. (…) Ich bewegte sachte die Arme und Beine, schaute umher, war umgeben von diesem Blau, ich musste nichts tun, als in diesen Farben zu baden, zu schwimmen, mich treiben zu lassen, ich fühlte mich so leicht wie lange nicht mehr.“

Fazit: Wie finde ich „Halbinsel“?

Kristine Bilkau hat in „Halbinsel“ zwei Frauen geschaffen, die an sich zwar nicht außergewöhnlich, aber vielleicht gerade deshalb so interessant sind. Der Identifikationsgrad ist hoch. „Halbinsel“ ist ein leiser, unaufgeregter Roman, der aber unglaublich intensiv ist und meine Perspektiven erweitert hat. Unbedingt lesen!

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One thought on “Rezension: „Halbinsel“ von Kristine Bilkau

  1. Aron Laidi sagt:

    Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich sagen: „Ja, das Buch lohnt sich“ — sowohl aufgrund der Themen als auch der sprachlichen Umsetzung. Und diese Rezension macht mir Lust, es zu lesen (oder weiterzuempfehlen).

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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