21. Dezember 2025

Rezension: „Auf allen Vieren“ von Miranda July

 „Auf allen Vieren“ von Miranda July

Kritik von „Auf allen Vieren“: über sexuelles Erwachen und die Wechseljahre

Eigentlich soll die Autofahrt von Los Angeles nach New York Ruhe bringen. Sechs Tage will die namenlose Erzählerin in Miranda Julys neuem Roman „Auf allen Vieren“ allein unterwegs sein, um sich selbst zu finden. Doch schon nach einer halben Stunde ist Schluss – die Reise endet abrupt in der Kleinstadt Monrovia. Dort verliebt sie sich Hals über Kopf.

Was in Monrovia beginnt, ist so unvorhersehbar, dass danach kein Stein mehr auf dem anderen bleibt. Statt innerer Ruhe findet sie Chaos, Verlangen und einen Neuanfang, der alles infrage stellt – vor allem ihre langjährige Ehe.

Miranda July erzählt vom Erwachen einer Frau, die glaubt, alles zu kennen – bis sie merkt, dass das Leben in der Mitte noch einmal völlig neu beginnen kann. „Auf allen Vieren“ ist wild, sinnlich, komisch und klug. Typisch Miranda July eben.

Worum geht es in „Auf allen Vieren“?

Im Mittelpunkt steht die namenlose Künstlerin Mitte 40, die in einer woken Blase in Kalifornien lebt. Sie ist verheiratet mit Harry, Mutter eines sechsjährigen Kindes, das durchgehend mit Neopronomen (demm, deren, dey) beschrieben wird. Was theoretisch sperrig klingt, liest sich erstaunlich natürlich. Für mich ist Miranda Julys Roman sehr modern, wach und sensibel im Umgang mit Themen wie Gender, Liebe und Identität ­- auch wenn es online Kritik daran gibt, dass die Neopronomen den Lesefluss erschweren.

Die Ehe der Protagonistin ist solide, aber ohne Leidenschaft. Die Idee zu dem Roadtrip kommt auf, als sie auf einer Party hört, wie eine Freundin über den Unterschied zwischen „Einparkerinnen“ und „Fahrerinnen“ philosophiert. Konkret: Während Einparkerinnen eine klar definierte Aufgabe brauchen, die unmöglich erscheint, aber Applaus bringt, sind Fahrerinnen selbst wenn das Leben langweilig ist, wach und bei der Sache. Sie müssen nicht für eine Kleinigkeit beklatscht werden. Die Künstlerin beschließt, selbst endlich wieder zu fahren – im übertragenen wie im wörtlichen Sinn.

„Am Morgen war aus der fixen Idee schließlich ein Plan geworden. Warum nach New York fliegen, wenn ich genauso gut fahren und endlich die ruhige, geerdete Frau werden konnte, die ich schon immer sein wollte. Das könnte der Wendepunkt meines Lebens werden.“

Doch kaum gestartet, trifft sie in Monrovia auf Davey, einen jungen Mann, der ihre Windschutzscheiben putzt. Ein Blick, ein Moment – und der geplante Roadtrip endet in einer emotionalen Verwirrung.

„Auf allen Vieren“: Liebe, Lust und Kontrollverlust

Statt weiterzufahren, mietet sich die Erzählerin in einem Motel ein – ausgerechnet Daveys Ehefrau Claire soll ihr Zimmer neu gestalten. Zwischen Davey und der Erzählerin entwickelt sich eine bizarre, fast zärtlich-absurde Spannung. Sexuell aufgeladen, aber oft körperlos entfaltet sich eine Dynamik, die Miranda July so eigenwillig beschreibt, dass man gleichzeitig lacht und staunt, was da eigentlich passiert (die Tampon-Sache fand ich wirklich ein wenig verrückt).

Ich habe selten ein Buch gelesen, das so unverblümt über weibliche Lust spricht, ohne dabei in Klischees zu verfallen. Miranda Julys Humor ist schwarz, ihre Figuren sind schräg – aber sie sind sympathisch. Außerdem ist es wirklich spannend, wie die Protagonistin erst mit über 40 Jahren ihre Lust entdeckt.

„Aber um es klar zu sagen, ich hatte noch in keinem Alter einen konkreten männlichen Körper so begehrt wie jetzt. Meine Freunde und Flammen hatten zwar alle recht gut ausgesehen, aber ihre Anziehung war von irgendeinem Punkt nahe ihrem Gesicht ausgegangen, wo ihr Talent und ihre Macht saßen. Sich nach einem Menschen in seiner gesamten Länge, von Kopf bis Fuß, zu verzehren, das taten eher körperbetonte Sextypen wie Jordi, und Männer. Jetzt verstand ich zum ersten Mal, warum alle so einen Wirbel machten. Dass einen etwas Schönes mitten ins Herz treffen und zutiefst anrühren konnte, dass es einen auf die Knie sinken ließ und dann – hier wurde es ein bisschen verquer – den Wunsch in einem weckte, dieses reine und schöne Ding zu ficken.”

Wechseljahre auf der literarischen Bühne

Das eigentliche Thema von „Auf allen Vieren“ ist nicht nur Begehren, sondern das Älterwerden.
Die Erzählerin befindet sich in der Perimenopause – jener Übergangsphase, in der Hormone Achterbahn fahren und Fragen nach Sinn und Identität lauter sind als jede romantische Fantasie. Diese Veränderungen nehmen einen großen Raum in dem Buch ein – was ich sehr spannend fand.

Nach ihrer Reise findet die Erzählerin nur schwer zurück in ihren Alltag mit Harry und dem Kind. Es gibt eine Affäre mit einer Antiquitätenhändlerin, sie beginnt eine Hormonersatztherapie und stellt ihre Ehe mit Harry ganz neu auf. Trotz aller Brüche bleibt „Auf allen Vieren“ nie zynisch. Es ist ein Buch über Mut, Begehren und das Recht, sich selbst neu zu erfinden – auch (oder gerade) in der Lebensmitte. Miranda July schreibt darüber ungewohnt ehrlich und körperlich. Ihre Sprache ist immer eingängig. Im Vergleich zum „I love Dick“ erfordert es keinerlei Mühe, das Buch zu lesen. 

Fazit: Wie finde ich „Auf allen Vieren“?

Beim Lesen des Romans von Miranda July zeigte sich für mich ein kluger, unterhaltsamer und manchmal wunderbar schräger Ton. Besonders spannend war zu sehen, wie sie sich in der zweiten Lebenshälfte freischwimmt und eine ganz neue Lebensqualität findet.

Wer Literatur liebt, die Grenzen sprengt und weibliche Lebensrealität ohne Filter zeigt, sollte dieses Buch lesen. Ich wünsche mir mehr solcher Romane – mehr Geschichten über Frauen, die nicht still altern, sondern laut leben. Wer mit dem Thema Wechseljahre” aber (noch) gar nichts anfangen kann, könnte ich sich eventuell mit dem Buch schwertun. Aber einen Versuch ist es wert!

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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