Buchkritik: „Die Assistentin“ von Caroline Wahl

Rezension: Warum „Die Assistentin“ von Caroline Wahl besser ist als ihr Ruf – und weshalb der große Shitstorm dem Roman nicht gerecht wird
Es war ein gewaltiger Shitstorm, der im vergangenen Herbst über Caroline Wahl hereinbrach, als „Die Assistentin“ erschien. Interessiert las ich die oft vernichtenden Kritiken zu ihrem dritten Roman auf Social Media und fragte mich, was genau so viel Wut und Missgunst ausgelöst hatte. Da ich sowohl „22 Bahnen“ (fand ich ganz gut) als auch „Windstärke 17“ (fand ich eher so naja) gelesen hatte, konnte ich weder den vorherigen großen Hype noch die aktuelle Häme so recht nachvollziehen. Für mich hatte Caroline Wahl mit ihren Vorgängerromanen keine Meisterwerke geschaffen, sondern solide, eingängige Unterhaltungsliteratur. Wie konnte der Fall nun also so tief sein?
Als Caroline Wahl Anfang Oktober in Karlsruhe auf Promotour zu „Die Assistentin“ war, schleppte mich eine Freundin zu der Veranstaltung. Ohne große Erwartungen ging ich hin – und war am Ende positiv überrascht. Die Autorin war witzig, erzählte offen davon, wie sehr sie die negativen Kritiken getroffen hatten, und las einige sehr unterhaltsame Passagen aus „Die Assistentin“ vor.
Meine Verwunderung war danach nur noch größer. Was genau empörte die breite Masse auf Social Media an diesem Buch so sehr? Ich setzte es auf meine Vormerkliste in der Bibliothek, landete auf Platz 62 und musste deshalb bis diese Woche warten, um mir selbst ein Bild machen zu können. Also: Was ist nun meine Meinung zu „Die Assistentin“?
Um was geht es in „Die Assistentin“ von Caroline Wahl?
In „Die Assistentin“ dreht sich alles um Charlotte. Nach dem Studium sucht sie ihren ersten richtigen Job. Eigentlich träumt sie davon, Musikerin zu werden, doch der Weg dorthin scheint steinig. Schließlich beugt sie sich den konservativen Erwartungen ihrer Eltern, etwas „Solides“ zu machen, und landet als Assistentin eines Verlegers in einem großen Münchner Verlag.
Gleich zu Beginn des Romans macht der allwissende Erzähler klar, dass das keine gute Entscheidung war.
„Dass das Ganze eine riesengroße Fehlentscheidung war, hatte Charlotte eigentlich von Anfang an gespürt. Schon bevor die riesengroße Fehlentscheidung getroffen wurde, als sie die Stellenausschreibung sah, spürte sie, dass das eine riesengroße Fehlentscheidung werden könnte. Oft überlegte Charlotte, was passiert wäre, wenn sie, nachdem sie die Ausschreibung gesehen hatte, ihrer Mutter nichts davon erzählt hätte. Dann hätte ihre Mutter es nicht Charlottes Vater erzählt, und dann hätten Mutter bzw. Vater sie nicht dazu überredet, sich zu bewerben und nach dem mehr oder weniger erfolgreichen Bewerbungscasting dann auch die Stelle anzutreten.“
Charlottes Job im Verlag erweist sich als direkter Weg in den Burnout. Sie sitzt im Vorzimmer eines mächtigen Verlegers – eines narzisstischen, übergriffigen, unberechenbaren und toxischen Chefs, der ständig seine Assistentinnen wechselt und sie immer neuen Anforderungen und Machtspielchen aussetzt. Doch Charlotte will sich zunächst nicht so leicht unterkriegen lassen. Ihr Ehrgeiz ist geweckt. Sie gibt alles, um Ugo Maise zu gefallen und ihre Arbeit möglichst perfekt zu erledigen. Sie ist morgens eine der Ersten im Verlag und geht abends als eine der Letzten.
Dass sie dabei kein Privatleben mehr hat, todunglücklich in ihrer Münchner Wohnung sitzt (immerhin liegt sie an der Isar und sie kann dort Musik machen) und auch die Romanze mit Bo durch ihren stressigen Job kaum eine Chance bekommt, ignoriert sie lange. Bis es zu Ohrensausen, Haarausfall, zuckenden Augen und schließlich zu einer echten Panikattacke kommt. Da erkennt Charlotte endlich, dass sie etwas ändern muss.
„Die Assistentin“: interessante Geschichte nah an der Realität
Ich habe sofort einen Zugang zu „Die Assistentin“ gefunden. Vielleicht liegt das daran, dass ich selbst seit 16 Jahren in der Medienbranche arbeite und Typen wie Ugo Maise schon begegnet bin – zum Glück immer nur aus der Distanz. Die detailreichen Beschreibungen aus Charlottes Arbeitsalltag haben mich sofort in den Roman hineingezogen. Auch ihren Emanzipationsprozess gegenüber den Eltern fand ich spannend, weil er so realistisch ist.
Denn wie schwer ist es oft, nach dem Studium den eigenen Weg in der Arbeitswelt zu finden. Eltern sind wichtige Ansprechpartner – und es ist keine Ausnahme, dass vor allem konservative Eltern nicht genau hinschauen, wenn es Probleme im Job gibt, sondern zum Durchhalten ermutigen. Bloß nicht scheitern, bloß nicht aufgeben. Wohin das führen kann, zeigt Charlottes Geschichte sehr eindrücklich.
Mir hat „Die Assistentin“ deshalb deutlich besser gefallen als „Windstärke 17“. Besonders gut fand ich auch, dass es keine kitschige Liebesgeschichte gibt. Die Sache mit Bo läuft eher beiläufig mit.
„Die Assistentin“: tolle Beobachtungen zu Cathy Hummels
Geliebt habe ich außerdem die vielen popkulturellen Referenzen. Vor allem bei den Passagen über Cathy Hummels musste ich wirklich lachen. Ich habe selbst einen Soft Spot für die Influencerin – nicht aus Bewunderung, sondern weil sie mitunter derart fürchterliche Dinge postet, dass ich nicht fassen kann, dass sie niemand stoppt. Wie Caroline Wahl das beobachtet und zuspitzt, ist herrlich:
„Cathy Hummels liebt Essen, das sagt sie immer in ihren Insta-Stories. ,Ich liebe Essen.’ Sie isst hauptsächlich Berge von Pilzen und Salat, überall. Egal wo sie hinfährt oder hinfliegt, sei es nach Thailand oder in die Alpen, in jedem Restaurant oder bei jedem Barbecue-Abend mit der Familie bekommt sie Berge von Pilzen und Salat serviert und hat selbstverständlich immer in so Plastiktuben ihre eigenen Soßen dabei. (…) Und wenn sie nicht gerade Berge von Pilzen und Salat isst, filmt sie irgendjemand über ihre Insta-Stories, in denen Cathy strahlend berichtet, was sie an dem Tag vorhat oder dass sie sich, wenn sie mal schlechte Laune hat, schön ankleidet und einfach eine rosafarbene Sonnenbrille aufzieht, und das bewirkt Wunder (…) aber in den traurigen, sorgengefurchten Augen von Vater Fredi, der irgendwo zusammengesunken im Hintergrund sitzt oder steht, sieht Charlotte, dass die rosafarbene Sonnenbrille vielleicht doch nicht so krasse Wunder bewirkt.“
Tatsächlich: Einige Schwächen sind da
Ich habe den Roman in zwei Tagen gelesen. Okay, ich lag krank im Bett und hatte entsprechend Zeit – aber trotzdem habe ich ihn immer wieder gern zur Hand genommen. Wie die Vorgängerwerke ist auch „Die Assistentin“ eingängig und unterhaltsam geschrieben. Dennoch muss ich den Kritikerinnen und Kritikern zustimmen, dass es zu viele Wiederholungen gibt. Das ist sicher kein Versehen, sondern ein bewusstes Stilmittel – etwa wenn mehrfach erwähnt wird, was Charlottes Familie im Restaurant bestellt. Das braucht es einfach nicht, stört stellenweise richtig und bremst den Lesefluss.
Auch dass der allwissende Erzähler ständig vorwegnimmt, was gleich passieren wird, ist vereinzelt kein Problem. In der Häufung dachte ich jedoch irgendwann: Warum hat das im Lektorat niemand angesprochen?
Hinzu kommen einige meta-hafte Passagen, in denen sich der Text selbst kommentiert und darauf bezieht, was der Geschichte gut tun würde. Zum Beispiel:
„Mehr übers Privatleben schreiben,“ würde vielleicht ein Lektor raten, nachdem er den bisherigen Text gelesen hätte.
„Ich würde gerne mehr von Charlotte erfahren.“
„Wie ist das so geworden.“
„Warum hängt sie immer noch so an der Familie, an den Eltern?“
Darauf folgen mehrere Seiten über Charlottes Innenleben. „Die Assistentin“ ist dadurch experimenteller als etwa „22 Bahnen“.
Auch das Ende ist knapp und bündig geraten. Vielleicht hätten zehn zusätzliche Seiten für einen runderen Abschluss gesorgt. So steuert alles strikt auf die Katastrophe zu – und danach wird nur noch grob skizziert, wie es weitergeht.
Fazit: Wie finde ich „Die Assistentin“?
Trotz einiger Schwächen habe ich „Die Assistentin“ sehr gerne gelesen. Die Themen haben mich interessiert, und ich konnte mich in viele Aspekte gut hineinversetzen. Dass Charlottes Figur Ecken und Kanten hat, mit Freundschaften kämpft und für ihren Ehrgeiz auch mal andere verrät, fand ich gut. Weibliche Protagonistinnen müssen nicht immer perfekt sein oder die Welt retten.
Stilistisch kann ich viele Kritiken nachvollziehen – da ist definitiv Luft nach oben. „Die Assistentin“ ist kein perfektes Buch, aber diesen Shitstorm hat es meiner Meinung nach nicht verdient. Der Roman zeigt sehr klar, welche toxischen Strukturen es in der Arbeitswelt nach wie vor gibt (nicht nur in Verlagen), wie wichtig es ist, Stopp zu sagen, wenn ein Job krank macht, und dass man sich zwar die Meinung der Eltern anhören kann – die Entscheidung aber letztlich selbst treffen muss. Gute Eltern tragen sie mit.
Treffend sagt die Ärztin am Ende zu Charlotte:
„Sie müssen Ihre eigenen Entscheidungen treffen. Das ist Ihre Gesundheit, und die Eltern stecken nicht in Ihrem Körper.“
Damit hat sie absolut recht.
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