24. Januar 2026

Buchkritik: „Let’s Talk About Feelings“ von Leif Randt

Buchkritik: „Let’s Talk About Feelings“ von Leif Randt

Leif Randt: „Let’s Talk About Feelings“ – kluge Unterhaltung zwischen Mode, Berlin und Gefühlen

Es gibt wohl kein Buch, auf das ich 2025 so gespannt gewartet habe wie auf „Let’s Talk About Feelings“ von Leif Randt. Sein Vorgänger Allegro Pastell hat mich vor wenigen Jahren komplett begeistert. Kein*e deutsche*r Autor*in trifft den Zeitgeist so präzise wie Randt. Dazu kommt seine außergewöhnliche Sprache: Eingängig, und doch ist jeder Satz wie ein kleines Kunstwerk. Jedes Wort sitzt, keines ist zu viel. Seine Bücher zu lesen, ist für mich eine sinnliche Wohltat.

Vor wenigen Monaten ist „Let’s Talk About Feelings“ nun endlich erschienen. Berlin is calling – again. Erzählt wird aus der Perspektive von Marian, einem Mann Anfang 40, dessen Mutter gerade verstorben ist. Als Leserin begleite ich ihn über etwa ein Jahr hinweg, tauche mit ihm ein in sein Leben als Besitzer einer hippen Modeboutique, begleite ihn auf Reisen, beim Dating und erfahre viel über das Innenleben eines sehr reflektierten Mannes.

Obwohl „Let’s Talk About Feelings“ keinen klassischen Spannungsbogen hat, habe ich den Roman mit viel Vergnügen gelesen.

Worum geht es in „Let’s Talk About Feelings“?

Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist Marian. Zu Beginn des Romans ist er Single und befindet sich auf dem Schiff seines Vaters auf dem Wannsee. Dort soll die Asche seiner Mutter verstreut werden. Die Trauergemeinschaft ist klein, aber erlesen. Marians Mutter war ein berühmtes Model der 1970er- und 1980er-Jahre, eine unnahbare Modeikone. In den letzten Jahrzehnten ihres Lebens lebte sie jedoch eher zurückgezogen.

Auch Marians Vater ist ein bekanntes Gesicht: Er war Tagesthemen-Sprecher und Nachrichtengesicht der 2000er-Jahre. Marian beschreibt sich selbst als „das ungeplante Ergebnis der immensen Anziehung zweier Menschen, die wie ein glamouröser Gegensatz wirken mochten“.

Aus der zweiten Ehe seines Vaters hat Marian zwei jüngere Halbgeschwister: Colin und Teda. Während Colin ein solides Leben mit Kindern führt, hat Teda ihr Jurastudium unterbrochen. Sie ist als DJane für elektronische Dance Music (EDM) international erfolgreich.

Marian betreibt seit einigen Jahren in Schöneberg die Boutique „Kenting Beach“. Er verkauft hochpreisige, aktuelle Streetwear neben sorgfältig kuratierten Vintage-Stücken. Er beschäftigt mehrere Angestellte und kann es sich leisten, mehrmals im Jahr zu reisen – spontan nach Japan oder Indien. Doch im Verlauf des Romans zeigt sich, dass es mit dem Geschäft nicht ganz so rund läuft, wie es zunächst scheint.

Auch in Marians Liebesleben hakt es. Fünf Jahre war er mit Franca zusammen, die letzten zwei davon in einem emotionalen Dämmerzustand. Inzwischen sind sie getrennt und begegnen sich wieder ungezwungen. Franca wird im Laufe des Romans Mutter – eine Nachricht, die Marian zwar beschäftigt, ihn aber nicht nachhaltig bewegt.

Marian ist offen für neue Begegnungen. Sein Date mit der ehemaligen Hausärztin seiner Mutter, Selin, verläuft etwas chaotisch. Als jedoch eines Tages die Filmemacherin Kuba in seiner Boutique steht und ihn zur Premiere ihres Films auf der Berlinale einlädt, verliebt er sich. Es beginnt eine neue, aber keineswegs unkomplizierte Romanze.

„Let’s Talk About Feelings“: sehr angenehm zu lesen

Ich habe „Let’s Talk About Feelings“ unglaublich gern gelesen. Der Roman ist leise, beobachtend und zurückhaltend. Erst durch Kuba beginnt Marian, sich gefühlsmäßig ein wenig zu öffnen und seine Komfortzone zu verlassen – er geht tatsächlich ins Fußballstadion und reist spontan nach Indien.

Wie schon in „Allegro Pastell“ finde ich vor allem die Berliner Lebensentwürfe spannend. Obwohl ich selbst kein konservatives Leben führe, bin ich von dieser Party- und Modewelt doch weit entfernt. Umso lieber schaue ich durch dieses literarische Guckloch.

„Und tatsächlich versammelte sich nun eine große Menschentraube auf der Raucherterrasse vor den Glasscheiben des Clubs. Rauchen würde generell wieder mehr zu einem Ding, hatte Marian vor nicht allzu langer Zeit jemanden über die neuen Zwanzigjährigen sagen hören, was Marian sofort eingeleuchtet hatte. Die Bewegung des Nichtrinkens und des Nichtrauchens bei gleichzeitig gezieltem Psychedelics- und Designer-Konsum musste durch irgendeine Form der Erdung abgelöst werden, und diese Erdung brachten am Ende vielleicht doch Filterzigaretten und Bier.“

Parallelwelt: Wenn Robert Habeck Vizekanzler wäre

Besonders interessant fand ich, dass all die Marken, die Marian trägt oder in seiner Boutique verkauft, erfunden sind. Anfangs habe ich sie tatsächlich noch gegoogelt – bis mir klar wurde, dass es sie schlicht nicht gibt.

Generell gibt es im Roman ab den 2000er-Jahren einen Bruch. In der erzählten Gegenwart des Romans stimmt die Welt nicht mehr mit der realen überein – das betrifft nicht nur die Modemarken, sondern auch Musik und Politik. Leif Randt erzählte im Podcast „Und was machst du am Wochenende”, dass er eine Parallelwelt schaffen wollte, die nicht ganz so schlimm ist. Die AfD wurde nie gegründet, sondern eine Partei mit progressivem Mindset. Robert Habeck ist Vizekanzler, während eine fiktive Bundeskanzlerin namens Fatima Brinkmann regiert. Eine National Libertäre Rechte Partei liegt in Umfragen bei „nur“ zehn Prozent.

Für die Zeit in den 1980ern und 1990ern gilt dieser Bruch jedoch nicht. So tauchen im Buch von damals reale popkulturelle Referenzen auf – etwa die Spice Girls.

„Gegen Ende ihres dreißigminütigen Sets forderte die Berkeley-Studentin das Publikum dazu auf, zu ihr auf die Bühne zu kommen und mit ihr Karaoke zu singen, und zwar ‚Mama‘ von den Spice Girls, und viele kamen und grölten mit, obwohl sie sicher noch gar nicht geboren waren, als ‚Mama‘ geschrieben wurde. Marian trank eine zweite eiskalte Cola und war von dem Geschehenen ziemlich angetan. Es ging hier offensichtlich nicht darum, alte Popmusik zu dekonstruieren, wie dies zehn Jahre zuvor mal modern gewesen war, sondern einfach darum, eine möglichst gute Zeit zu haben. ‚Die Energie stimmt schon‘, sagte Marian, und Piet antwortete: ‚Voll!‘“

Fazit: Wie finde ich „Let’s Talk About Feelings“?

„Let’s Talk About Feelings“ ist für mich ein gelungener Nachfolger von „Allegro Pastell“. Der Roman unterhält mit einer ausgefeilten Sprache und vielen klugen Sätzen. Leif Randt hat einen feinen Blick auf das Zeitgeschehen und eine sehr präzise Beobachtungsgabe für menschliches Verhalten.

Der Roman ist keine kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Konflikten, sondern bleibt bewusst an der Oberfläche. Für mich ist das kein Manko. Es gibt genug Bücher, die sich mit Klassismus oder Rassismus beschäftigen. „Let’s Talk About Feelings“ zu lesen, hat mir einfach Spaß gemacht – es ist kluge, zeitgenössische Unterhaltung.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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