Buchkritik: „Der Gott des Waldes“ von Liz Moore

Rezension: Warum mich „Der Gott des Waldes“ von Liz Moore positiv überrascht hat
Eine verschwundene 13-Jährige, ein abgeschiedenes Sommercamp, eine reiche Familie mit Vergangenheit. Es sind die klassischen Zutaten eines Krimis – und eigentlich nicht mein bevorzugtes Genre. Dass ich „Der Gott des Waldes“ dennoch gelesen habe, liegt an einer Podcast-Empfehlung von Politikerin Heidi Reichinnek. Und an der leisen Hoffnung, dass hier mehr erzählt wird als nur die Frage: Wer war’s?
Zum Glück wurde diese Hoffnung nicht enttäuscht. Innerhalb kürzester Zeit hatte ich das umfangreiche Buch durch – weil es durchgehend spannend ist, ohne je blutig oder reißerisch zu werden. Liz Moore zeichnet stattdessen das vielschichtige Porträt einer wohlhabenden Familie, in der seit Jahren einiges im Argen liegt. Ganz im Stil von „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ von Joël Dicker, ein Buch, das ich vor vielen Jahren mit großer Begeisterung gelesen habe.
Um was geht es in „Der Gott des Waldes”?
Die Geschichte beginnt mit dem Verschwinden der 13-jährigen Barbara van Laar aus einem Sommercamp. Es liegt mitten in einem großen Naturreservat, das ihrer wohlhabenden Familie gehört. Das Fatale: Bereits 14 Jahre zuvor verschwand an genau diesem Ort ihr Bruder Bear. Seine Leiche wurde nie gefunden. Was ist nun mit Barbara passiert? Das ist die zentrale Frage des Romans.
Liz Moore erzählt die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven und springt zwischen den Zeitebenen. Insgesamt ist das Buch in sechs Teile gegliedert. Zu Beginn kommt Louise zu Wort, eine Betreuerin im Camp, die mitverantwortlich für das Wohl der Kinder ist. Entsprechend schnell gerät sie unter Verdacht. Zumal sie auch von einer anderen Aushilfe beschuldigt wird.
Eine weitere zentrale Figur ist die Ermittlerin Judyta. Es ist ihr erster großer Fall, und in den 1970er-Jahren muss sie hart darum kämpfen, als Frau in dieser Rolle ernst genommen zu werden. Schnell merkt sie, dass die Verhöre mit Barbaras wohlhabender Familie kompliziert werden – nicht nur wegen deren Einfluss, sondern auch wegen Ungereimtheiten, die sich zunächst nicht erklären lassen.
So nimmt Barbaras Mutter Alice beispielsweise eine wichtige Rolle ein. Sie geht seit dem Verschwinden ihres Sohnes quasi dauersediert durchs Leben. Das Familienoberhaupt, der Großvater, wirkt kontrollierend und undurchsichtig. Und dann ist da noch Tessie Jo, die seit vielen Jahren auf dem Anwesen lebt, das Camp leitete und wegen ihres „unweiblichen“ Auftretens immer wieder verspottet wird. Sie hatte ein enges Verhältnis zu Barbara – weiß sie womöglich mehr?
Zusätzliche Unruhe bringt die Nachricht, dass ein Serienmörder, genannt „der Schlitzer“, aus dem Gefängnis ausgebrochen ist und sich in den Wäldern aufhalten soll. Steht er in Verbindung mit dem Verschwinden von Barbara – oder gar mit dem von Bear?
„Der Gott des Waldes”: überraschendes Ende, das überzeugt„
Durch die verschachtelte Erzählweise und die wechselnden Perspektiven bleibt lange offen, was wirklich geschehen ist. Liz Moore entwirft ein vielschichtiges Bild ihrer Figuren und verhandelt dabei Themen wie soziale Ungleichheit, Wohlstandsverwahrlosung, Machtmissbrauch und weibliche Selbstbestimmung. Gerade diese Kombination aus Gesellschaftsroman und Spannungsliteratur hat mich immer wieder zu dem Buch zurückkehren lassen.
Ein weiterer Pluspunkt: das überraschende, aber keineswegs konstruiert wirkende Ende. Es grenzt sich wohltuend von typischen Thriller-Dramaturgien ab.
Fazit: Wie finde ich „Der Gott des Waldes“?
Zu Recht war „Der Gott des Waldes“ in den USA ein großer Erfolg. Selbst Barack Obama setzte den Roman 2024 auf seine Leseempfehlungsliste – und er hat bekanntlich ein gutes Gespür für Literatur.
Liz Moore nutzt das Verschwinden eines Kindes nicht als Selbstzweck, sondern als Linse auf Macht, Geld, Geschlechterrollen und gesellschaftliche Abgründe. Ja, der Roman ist spannend. Aber seine eigentliche Stärke liegt darin, dass er lange nachhallt. Dass er Fragen stellt, die über den Kriminalfall hinausgehen. Und dass das Ende überrascht, ohne laut zu sein. Ohne Heidi Reichinnek hätte ich dieses Buch vermutlich übersehen. Das wäre schade gewesen.
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