Buchkritik: “Liebewesen” von Caroline Schmitt

Rezension zu „Liebewesen”: Ein sehr moderner Roman, der jedoch Potenzial verschenkt
Das Cover wirkt zunächst abschreckend. Eine Frau im rosa Kleid hält eine große Waffe in der Hand – Maschinengewehr oder Sturmgewehr, so genau lässt sich das nicht erkennen. Die Botschaft ist jedenfalls eindeutig: Hier wird es explosiv.
Hätte ich Caroline Schmitts Debüt-Roman „Liebewesen“ nur im Regal einer Buchhandlung gesehen, hätte ich ihn vermutlich nicht in die Hand genommen. Dass ich ihn trotzdem gelesen habe, verdankt sich einer positiven Online-Kritik, über die ich zufällig stolperte.
Und tatsächlich: Wer düstere Stoffe nur in homöopathischen Dosen verträgt, muss sich nicht fürchten. Zwar behandelt der Roman schwere Themen – verdrängte Traumata, eine toxische Beziehung, eine ungewollte Schwangerschaft. Trotzdem liest sich „Liebewesen“ erstaunlich leicht. Das liegt zum einen am flüssigen, zugänglichen Stil von Caroline Schmitt, aber zum anderen auch daran, dass der Roman an manchen Stellen weniger tief geht, als er könnte. Deshalb lege ich das Buch am Endemit gemischten Gefühlen zur Seite. Dazu später mehr.
Worum geht es in „Liebewesen“ von Caroline Schmitt?
Im Mittelpunkt von „Liebewesen“ steht Lio. Sie stammt aus einer Arbeiterfamilie und ist die Erste daraus, die studiert – Biologie. Mit ihrer besten Freundin Mariam lebt sie in einer WG in einer mittelgroßen Stadt. Eigentlich sucht sie keine feste Beziehung. Trotzdem lässt sie sich auf ein Date mit Max ein, den Mariam für sie auf Tinder gematcht hat.
Max ist Radiomoderator, gutaussehend, charmant und immer für einen lockeren Spruch gut. Lio fühlt sich sofort wohl bei ihm. Die beiden kommen zusammen – und Max setzt sie auch beim Sex nicht unter Druck. Denn schnell wird klar, dass Lio ein schwieriges Verhältnis zu ihrem eigenen Körper hat. Ihre Mutter hat sie jahrelang misshandelt. Nähe fällt ihr schwer. Beim Sex verkrampft sie eher, als dass sie ihn genießen kann.
„Wie immer, wenn ich panische Angst hatte, tat ich nichts, ich kämpfte nicht, ich rannte nicht, ich schrie nicht. Ich hatte Angst vor den Schmerzen und davor, dass Max merken könnte, dass ich noch nie Sex gehabt hatte, jedenfalls keinen richtigen, und dass das Bettlaken danach blutig sein und mich verraten würde.“
Auch wenn sie gar nicht damit gerechnet hatte, wird Lio eines Tages schwanger. Nach dem positiven Test ist sie wie gelähmt und bringt es nicht fertig, Max davon zu erzählen. Denn auch er hat seine Abgründe. Vor allem im Winter rutscht er in depressive Phasen, die er jedoch nicht mit professioneller Hilfe angeht, sondern mit Alkohol und exzessivem Feiern.
„Liebewesen“: Eine Beziehung zwischen Nähe, Trauma und Abhängigkeit
Zwischen beiden hat sich über die Jahre eine toxische Dynamik entwickelt. Die Schwangerschaft verschärft sie nur. Während sich das Kind Woche für Woche weiterentwickelt, holen Lio zunehmend Erinnerungen an ihre Kindheit ein.
Neben der gewalttätigen Mutter gab es einen stillen, überforderten Vater, der seine Tochter zwar liebte, dies aber kaum zeigen konnte. Und als wäre das nicht genug, wurde Lio als Jugendliche auf einem Dorffest vergewaltigt. Dass sie kein Vertrauen darin hat, selbst ein Kind großzuziehen, ist deshalb nachvollziehbar. Doch auch die geplante Abtreibung verläuft anders als gedacht.
Caroline Schmitt erzählt all das sehr eingängig. Die Szenen sind anschaulich, der Ton bleibt nah an der Gegenwart, immer wieder tauchen Songtexte auf. Der Roman liest sich schnell und mit Sog. Gerade darin liegt allerdings auch seine Schwäche.
Die zahlreichen Traumata der Protagonistin werden eher angerissen als wirklich durchdrungen. Eine Therapie spielt keine Rolle – wie schon in manchen anderen zeitgenössischen Romanen über junge Frauen, wie in Caroline Wahls Werk “Windstärke 17“. Lios beste Freundin Mariam ist zwar stets an ihrer Seite, doch wirklich öffnen kann sich die Protagonistin auch ihr gegenüber nicht.
Fazit zu „Liebewesen“: ein mitreißender Roman mit verschenkter erzählerischer Kraft
Der Klappentext verspricht die Geschichte einer großen Befreiung. Am Ende bleibt davon vor allem ein Gefühl der Andeutung. Vieles wird kurz berührt und dann wieder verlassen. Bei etwas mehr als 200 Seiten stellt sich mir die Frage, warum der Roman seinen Figuren nicht mehr Raum für die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit gibt.
Andere Bücher über toxische Beziehungen gehen weiter. Megan Nolan („Verzweiflungstaten“) etwa oder Ruth Maria Thomas („Die beste Version“, Kritik folgt bald) erzählen ähnliche Stoffe mit größerer psychologischer Tiefe.
„Liebewesen“ ist deshalb ein Roman, der sich mit großer Leichtigkeit liest und dabei durchaus mitreißt. Gleichzeitig bleibt der Eindruck, dass hier erzählerisches Potenzial verschenkt wurde.
Mein Fazit: 3,5 von 5 Sternchen
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