Buchkritik: „Und alle so still“ von Mareike Fallwickl

Rezension von „Und alle so still“: Ein Roman, der mitreißt und zum Nachdenken anregt
Was würde geschehen, wenn Frauen plötzlich aufhören würden, sich zu kümmern? Wenn keine Erzieherin mehr in der Kita erscheint, keine Krankenschwester mehr zur Nachtschicht fährt und zu Hause die Wäscheberge einfach liegen bleiben?
Mareike Fallwickl entwirft in ihrem Roman „Und alle so still“ genau dieses Szenario – und es ist erschreckend plausibel. Die Frauen streiken. Sie legen sich auf die Straße und stehen nicht mehr auf. Keine laute Revolution, keine brennenden Barrikaden, sondern stiller Protest. Gerade dadurch entfaltet er eine enorme Wucht.
Nach „Die Wut, die bleibt“ und „Dunkelgrün fast schwarz“ ist „Und alle so still“ nun der dritte Roman von Mareike Fallwickl, den ich sehr gerne gelesen habe – auch wenn er immer wieder Irritationsmomente aufwirft. Aber genau diese Stellen bringen mich zum Nachdenken. Das Buch ist deshalb absolut lesenswert.
Worum geht es in „Und alle so still“?
Im Mittelpunkt der Geschichte stehen drei ganz verschiedene Figuren, deren Geschichten lose miteinander verwoben sind. Da ist zum einen Elin, eine erfolgreiche Influencerin, die im Wellnesshotel ihrer Mutter lebt. Jeden Morgen zieht es sie ins Schwimmbecken. Dort verliert sie für kurze Zeit die Schwere, die sie sonst ständig begleitet.
Nach außen wirkt ihr Leben perfekt: Reichweite, Aufmerksamkeit, schöne Bilder. Doch hinter den Kulissen zerfrisst sie der Hass im Netz. Ihr Körper wird permanent kommentiert, bewertet und abgewertet. Gleichzeitig verliert sie sich immer wieder in anonymen One-Night-Stands, die vor allem eines zeigen: Wie einsam sie eigentlich ist. Als sie eines Tages sexuell missbraucht wird (Stealthing), wirft sie das komplett aus der Bahn.
Erst als die Frauen beginnen zu streiken, findet Elin langsam eine neue Richtung – und beginnt, ihre Reichweite sinnvoll einzusetzen. Besonders spannend ist dabei auch ihre Familiengeschichte. Elin wurde von ihrer alleinerziehenden Mutter Alma großgezogen, die jeden Kontakt zur restlichen Familie konsequent unterband. Erst nach und nach wird klar, warum.
Sich kümmern bis zur Erschöpfung
Die zweite wichtige Figur ist Ruth. Sie arbeitet als Krankenschwester, ist über fünfzig Jahre alt und trägt eine Erschöpfung in sich, die weit über ihren Beruf hinausgeht. Ihr schwerbehinderter Sohn ist vor einigen Jahren gestorben. Seitdem versucht sie, die Leere mit Arbeit zu füllen. Ruth funktioniert. Immer weiter. Zusätzlich singt sie in einem Chor, wo sie Barbara kennenlernt – und plötzlich Gefühle spürt, die sie lange verdrängt hat.
Als immer mehr Frauen streiken, vor dem Krankenhaus protestieren und Kolleginnen nicht mehr zur Arbeit erscheinen, gerät Ruth an ihre Grenzen. Ihr Pflichtgefühl treibt sie trotzdem weiter in jede Schicht hinein. Bis ihr Körper irgendwann nicht mehr mitmacht. Ruth steht dabei stellvertretend für eine ganze Generation von Frauen, die gelernt haben, dass ihr Wert vor allem darin liegt, für andere da zu sein. Auch sie macht im Laufe der Geschichte eine wichtige Wandlung durch.
Nuri kämpft sich durch das Leben
Die dritte zentrale Figur ist Nuri. Er ist erst 19 Jahre alt und kämpft täglich ums Überleben. Seine familiäre Situation ist trostlos. Die Mutter stammt aus Sri Lanka und kann sich gegen den dominanten deutschen Vater kaum behaupten. Nuri hat die Schule abgebrochen und hält sich mit mehreren Jobs gleichzeitig über Wasser: nachts im Club, tagsüber im Krankenhaus, zwischendurch liefert er Essen aus. Schlaf scheint in seinem Leben kaum vorzukommen. Als sein Vater auch noch Nuris Erspartes stiehlt, flieht er endgültig von zu Hause.
Der junge Mann wird zu einer der spannendsten Figuren des Romans. Er solidarisiert sich mit dem Streik der Frauen und beginnt langsam zu verstehen, wie sehr Ausbeutung, Armut und patriarchale Strukturen zusammenhängen. Gleichzeitig findet er endlich die Kraft, sein eigenes Leben selbstbestimmter zu gestalten – und auch seiner Mutter zu helfen.
“Kennst du diese Studie”, sagt Nuri, “dass sich nur drei Prozent der Bevölkerung an einem Protest beteiligen müssen, damit es kippt und sich etwas verändern kann?
„Und alle so still“: ein Wiedersehen mit Lola
Ein besonderes Detail für Fans von Mareike Fallwickl: Lola aus „Die Wut, die bleibt“ taucht in diesem Roman erneut auf. Auch ihre Freundinnen Sunny und Femme spielen wieder eine Rolle. Dadurch entsteht das Gefühl eines größeren literarischen Universums, in dem sich die Geschichten gegenseitig ergänzen.
Fazit: Wie finde ich „Und alle so still“?
Was Mareike Fallwickl erneut unglaublich gut gelingt: Sie schreibt zugänglich, bildhaft und mit einer Wucht, die einen durch die Seiten zieht. Der Roman liest sich leicht, obwohl er schwere Themen behandelt. Manche Entwicklungen sind überspitzt – aber genau das gehört wohl auch zur dystopischen Idee des Buches.
Vor allem regt „Und alle so still“ permanent zum Nachdenken an. Der Roman zeigt, auf welchen unsichtbaren Care-Arbeiten unsere Gesellschaft aufgebaut ist und wie brutal der Niedriglohnsektor Menschen verschleißt. Gerade deshalb ist dieses Buch nicht nur für Frauen wichtig. Eigentlich sollten es vor allem Männer lesen. Denn Figuren wie Nuri machen Hoffnung, dass Veränderung möglich ist – wenn Menschen beginnen hinzusehen.
4 von 5 Sternen
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