Rezension: „Real Americans“ von Rachel Khong

„Real Americans“ von Rachel Khong: unterhaltsamer Roman mit kleinen Schwächen
Rachel Khongs „Real Americans“ beginnt wie eine moderne Version eines Märchens: Lily macht im Jahr 1999 ein unbezahltes Verlagspraktikum in New York und lernt dort Matthew kennen – reich, charmant, attraktiv. Noch in der selben Nacht fliegen sie spontan nach Paris. Sie verlieben sich ineinander, alles scheint möglich.
Und doch steht von Anfang an etwas zwischen ihnen: Matthew stammt aus einer wohlhabenden amerikanischen Familie, Lily dagegen ist die Tochter chinesischer Einwanderer, die unter Mao in die USA flohen. Während Matthew sich selbstverständlich durch privilegierte Räume bewegt, begleitet Lily ständig das Gefühl, nicht genug zu sein. Vor allem ihre Mutter erwartet Erfolg, Disziplin und Sinnhaftigkeit.
Lily trennt sich nach wenigen Wochen abrupt von Matthew, doch sie finden wieder zusammen. Kurz vor ihrer Hochzeit lernen sich endlich auch ihre Eltern kennen – und plötzlich wird klar, dass zwischen den Familien eine gemeinsame Vergangenheit existiert, die weit tiefer reicht, als Lily ahnt. Ein Geheimnis, das alles verändert.
Worum geht es in „Real Americans“ von Rachel Khong?
Die Liebesgeschichte zwischen Lily und Matthew ist nur ein Teil des Romans. „Real Americans“ springt zwischen verschiedenen Perspektiven und Zeitebenen. Nach Lily erzählt ihr Sohn Nick 21 Jahre später seine Geschichte. Er wächst mit seiner Mutter auf einer kleinen Insel auf, weit entfernt von New York und ohne Kontakt zu seinem Vater. Auch Nick ringt mit seiner Identität und dem Gefühl, nirgendwo richtig dazuzugehören. Er ist zu Beginn noch auf der High-School, später auf dem College und hat nur einen engen Freund, Timothy. Dieser bringt ihn dann auch auf die Idee, mithilfe eines Gentests nach seinem Vater zu suchen.
Der dritte Teil spielt im Jahr 2030 und gehört May, Lilys Mutter. Für mich ist das der stärkste Abschnitt des Buches. May ist bereits alt und blickt auf ihre Kindheit in China zurück, auf politische Gewalt, ihre Flucht und den schwierigen Neuanfang in den USA. Hier gewinnt der Roman plötzlich eine Tiefe, die ich mir an manchen Stellen schon früher gewünscht hätte. Gerade Mays Perspektive verleiht der Geschichte eine emotionale Wucht, die die vorherigen Teile nur gelegentlich erreichen.
Rezension zu „Real Americans“: leicht zu lesen, aber nicht ganz überzeugend
„Real Americans“ war in den USA ein großer Erfolg und stand auf der Bestsellerliste der New York Times. Rachel Khong erzählt darin von Herkunft, Zugehörigkeit und der Frage, wie sehr Familie das eigene Leben bestimmt. Das klingt erst einmal vielversprechend – und tatsächlich liest sich der Roman unglaublich leicht. Rachel Khongs Stil ist klar, eingängig und angenehm unaufgeregt. Ich blieb schnell an der Geschichte hängen und wollte wissen, wie die Figuren miteinander verbunden sind.
Trotzdem entsteht beim Lesen an manchen Stellen ein Störgefühl. Bestimmte Wendungen wirken sehr konstruiert, etwa die gemeinsame Vergangenheit der Eltern. Einige Entwicklungen werden nur angedeutet, obwohl sie eigentlich spannend gewesen wären. Was genau passiert nach Lilys Bruch mit Matthew? Warum lebt May im Alter plötzlich verarmt in San Francisco, obwohl sie jahrzehntelang als Wissenschaftlerin gearbeitet hat? Der Roman streift solche Fragen oft nur, statt sie wirklich auszuloten.
Auch das Thema Genetik, das sich durch das gesamte Buch zieht, fand ich zwar interessant, aber es erklärt nicht alle Brüche in der Familie für mich zufriedenstellend. „Real Americans“ wirft viele große Fragen auf – über Familie, Vererbung, Herkunft und Identität. Die Geschichte bleibt dabei aber manchmal an der Oberfläche. Vielleicht liegt das auch daran, dass der Roman für seinen Stoff fast zu kurz ist. Viele Figuren und Nebenhandlungen hätten deutlich mehr Raum verdient.
Fazit zu „Real Americans“ von Rachel Khong
Trotz meiner inhaltlichen Kritik ist „Real Americans“ ein Roman, den ich letztlich gerne in die Hand genommen habe. Vor allem wegen seines ruhigen Tons und der Atmosphäre, die Rachel Khong schafft. Das Buch liest sich leicht, ohne belanglos zu sein, und eignet sich perfekt für lange Sommerabende oder ein Wochenende auf dem Sofa. Am Ende bleibt bei mir vor allem das Gefühl, dass hier noch mehr möglich gewesen wäre. Wer atmosphärische Familiengeschichten mit mehreren Zeitebenen mag, wird hier trotzdem gut unterhalten.
3,5 von 5 Sternen
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