Romane über toxische Beziehungen haben gerade Hochkonjunktur – vor allem bei jüngeren Autorinnen und Autoren. Dazu gehören etwa „Liebewesen“ von Caroline Schmitt“, „Verzweiflungstaten“ von Megan Nolan oder „Die bessere Version“ von Ruth Maria Thomas (Rezension folgt noch). Nachdem ich diese Bücher gelesen hatte, verspürte ich das Gefühl, diesem Thema erst einmal genug Aufmerksamkeit geschenkt zu haben. Zufällig stieß ich dann aber auf Clara Leinemanns Debütroman „Gelbe Monster“. Im Klappentext fiel mir sofort ein Detail auf: Die Protagonistin ist zu Beginn der Handlung auf dem Weg zu einem Antiaggressionstraining.
Die Geschichte setzt also nicht dort an, wo viele Beziehungsromane enden, sondern fragt, was nach der Trennung passiert. Wie lebt man weiter, wenn Gewalt Teil einer Beziehung war? Und wie geht man mit der eigenen Wut um? Genau dieser Ansatz hat mich neugierig gemacht. „Gelbe Monster“ habe ich schließlich innerhalb von zwei Tagen verschlungen – es ist sprachlich wunderbar geschrieben. Trotzdem blieb am Ende das Gefühl, dass in der Geschichte noch deutlich mehr Potenzial gesteckt hätte.
Worum geht es in „Gelbe Monster“?
Im Mittelpunkt der Geschichte steht Charlie. Die Mathematik-Doktorandin lebt vorübergehend bei ihrer langjährigen Freundin Ella in Köln und sitzt zu Beginn der Handlung mit einem blauen Auge in der U-Bahn. Ihr Ziel ist ein Antiaggressionstraining. Schon auf den ersten Seiten wird deutlich, wie schwer es Charlie fällt, ihre Gefühle zu kontrollieren. Als eine fremde Frau aus der Bahn aussteigen will, stellt Charlie ihr kurzerhand ein Bein und bringt sie zum Stolpern – die Frau hatte ihr nichts getan. Nur in Charlies Kopf hatten sich die Gedanken überschlagen und sie wütend gemacht.
Woher ihr blaues Auge stammt und warum Charlie an dem Antiaggressionstrainin teilnehmen muss, erzählt Clara Leinemann im Laufe des Romans über Rückblenden. Die Handlung springt dabei immer wieder zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Nach und nach wird deutlich, dass es etwas mit ihrem Ex-Freund Valentin zu tun haben muss.
Schon das Kennenlernen mit ihm ist voller Red Flags. Obwohl Valentin noch in einer Beziehung ist, sucht er immer wieder den Kontakt zu Charlie. Letztlich schlafen sie miteinander und kommen sogar zusammen. Es kann nicht gut gehen. Valentin nimmt sich keine Zeit, um seine Trennung zu verarbeiten und ist psychisch instabil. Charlie ist völlig fixiert auf ihn und verliert sich immer mehr selbst in der Beziehung. Irgendwann eskaliert die Situation.
„Gelbe Monster“: Es entsteht ein Sog
Besonders gut gefallen hat mir der Schreibstil. Clara Leinemann erzählt direkt, modern und sehr zugänglich. Dadurch entwickelt der Roman schnell einen Sog, der mich kaum noch losgelassen hat. Auch die Szenen aus dem Antiaggressionstraining gehören für mich zu den stärksten des Buches. Die unterschiedlichen Teilnehmerinnen, ihre Geschichten und die Gespräche darüber, wo Gewalt beginnt und wie Verantwortung übernommen werden kann, wirken glaubwürdig und regen zum Nachdenken an.
Was mir dagegen gefehlt hat, ist ein tieferer Einblick in Charlies Biografie. Immer wieder deutet der Roman an, dass das Verhältnis zu ihrer Mutter schwierig war und dort ein Teil ihrer Wut ihren Ursprung haben könnte. Konkreter wird er allerdings kaum. Dadurch bleibt Charlie an einigen Stellen überraschend schwer greifbar. Gerade weil sie als Figur so spannend angelegt ist, hätte ich mir gewünscht, mehr über ihre Vergangenheit und ihre Entwicklung zu erfahren. Für mich wären zusätzliche 50-100 Seiten hier gut investiert gewesen.
Das offene Ende hat mir hingegen gefallen. Clara Leinemann liefert keine einfachen Antworten und überlässt es den Leserinnen und Lesern, sich Charlies Zukunft selbst auszumalen. Nach allem, was sie erlebt hat, habe ich ihr jedenfalls ein Leben gewünscht, in dem sie ihren eigenen Weg geht – unabhängig von Männern.
Fazit: Wie finde ich „Gelbe Monster“?
„Gelbe Monster“ ist ein Roman, den ich nur ungern aus der Hand gelegt habe. Clara Leinemann schreibt fesselnd und entwickelt mit Charlie eine Figur, deren Geschichte einen schnell in den Bann zieht. Besonders spannend fand ich den Blick auf die Zeit nach der toxischen Beziehung und die Frage, wie sich Gewalt und Verantwortung aufarbeiten lassen.
Ganz ausgeschöpft wird dieses Potenzial für mich jedoch nicht. An manchen Stellen bleibt der Roman zu knapp und verzichtet auf Hintergründe, die Charlies Handeln noch nachvollziehbarer gemacht hätten. Trotzdem ist „Gelbe Monster“ ein starkes Debüt, das Lust darauf macht, weitere Bücher von Clara Leinemann zu lesen.








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