Buchkritik: „Die Namen“ von Florence Knapp

Buchkritik: „Der Namen“ von Florence Knapp

Bear, Julian oder Gordon? Kann die Wahl eines Kindernamens tatsächlich ein ganzes Leben verändern? Florence Knapp sagt: ja. Und sie macht aus dieser Frage ein ziemlich cleveres literarisches Gedankenexperiment.

In ihrem Debütroman „Die Namen“ erzählt die britische Autorin ein und dieselbe Familiengeschichte gleich dreimal. Der entscheidende Unterschied: Cora, eine junge Mutter, entscheidet sich auf dem Weg zum Standesamt für einen anderen Namen für ihren wenige Wochen alten Sohn. Je nachdem, ob sie ihn Bear, Julian oder Gordon nennt, nimmt das Leben der gesamten Familie eine andere Wendung.

Das klingt zunächst nach einer netten Spielerei. Ist es aber überhaupt nicht. Denn Florence Knapp nutzt die drei Lebenswege, um sich einem deutlich schwereren Thema zu nähern: häuslicher Gewalt. Und genau das fand ich an diesem Roman so interessant. Das Thema ist präsent und wichtig, ohne dass die Geschichte dadurch dauerhaft schwer oder bedrückend wird.

Rezension: Worum geht es in „Die Namen“?

Im Mittelpunkt stehen Cora, ihre neunjährige Tochter Maia und ihr Baby. Der Roman beginnt im Oktober 1987. Cora ist mit Maia auf dem Weg zum Standesamt, um die Geburt ihres Sohnes anzumelden. Nur bei einer Sache ist sie sich noch nicht sicher: Wie soll er heißen?

Cora stammt ursprünglich aus Irland und ist einst wegen ihrer Ballettkarriere nach London gekommen. Eine Verletzung beendet diese Pläne jedoch. Schließlich lernt sie Gordon kennen und landet in einer ziemlich klassischen Rollenverteilung: Er arbeitet als Hausarzt, sie kümmert sich um Haushalt und Familie.

Doch mit der Zeit zeigt sich eine andere Seite ihres Mannes. Gordon ist gewalttätig. Gleichzeitig besteht für ihn überhaupt kein Zweifel daran, dass sein Sohn ebenfalls Gordon heißen soll – schließlich trägt dieser Name in seiner Familie Tradition. Cora dagegen hat ihre Zweifel.

„Cora mochte den Namen Gordon noch nie. Weder das Krachen am Anfang, das sie an Bonbons beim Zerkauen erinnert, noch den dumpfen Ton am Ende. Als würde man eine Sporttasche hinpfeffern. Gordon.“

Plötzlich ist ein Name nicht mehr einfach nur ein Name. Er bekommt eine Bedeutung. Für Cora steht „Gordon“ zunehmend für all das, was sie an ihrem Mann und dessen Familie belastet. Je länger sie sich mit Maia auf dem Weg zum Standesamt über den Namen unterhält, desto größer werden ihre Zweifel. 

Nach dem Prolog teilt sich der Roman in drei Geschichten auf. Einmal heißt der Junge Bear, einmal Julian und einmal Gordon. Von hier an erleben wir drei mögliche Leben derselben Familie. Und das ist wirklich spannend. Es ist kein zu großer Spoiler, wenn ich bereits verrate, dass die Reaktion von Coras Ehemann sehr unterschiedlich auf die Namen ausfällt. 

Drei Namen, drei Leben

Florence Knapp springt in den Kapiteln jeweils um sieben Jahre nach vorn. Der Epilog endet im Jahr 2022. Aus dem kleinen Jungen wird zunächst ein Grundschüler, später ein Teenager, dann ein Student und schließlich ein erwachsener Mann. Dabei entwickelt sich jede Version erstaunlich unterschiedlich.

Mal ist der Sohn verheiratet, mal kämpft er mit einer Alkoholabhängigkeit, mal hat er Schwierigkeiten, echte Nähe zu anderen Menschen zuzulassen. Auch Maia entwickelt sich je nach Variante anders. Ihre Homosexualität spielt dabei eine wichtige Rolle, ebenso die Frage, wie offen sie damit umgehen kann.

Natürlich verändert sich auch Coras Leben. Je nachdem, welchen Namen sie ihrem Sohn gibt, entwickelt sich ihre Beziehung zu Gordon völlig unterschiedlich. Im besten Fall schafft Cora es, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. In anderen Versionen sind die Auswirkungen der Ehe deutlich gravierender.

Besonders interessant fand ich dabei die Frage, wie viel Einfluss eine einzige Entscheidung tatsächlich auf ein Leben haben kann. Natürlich ist es nicht wirklich nur der Name, der alles verändert. Der Name ist vielmehr der Auslöser, der eine Kette von Ereignissen in Gang setzt. Genau darin liegt die Stärke des Romans.

Ein bisschen „4321“

Beim Lesen musste ich immer wieder an Paul Austers „4321“ denken. Das ist für mich eines dieser Bücher, die zeigen, wie faszinierend es sein kann, eine Figur unter verschiedenen Lebensbedingungen zu betrachten. Allerdings ist „Die Namen“ deutlich zugänglicher und wesentlich leichter zu lesen als Austers fast 1.000 Seiten starkes Werk. An die Tiefe und Komplexität von „4321“ kommt der Roman für mich deshalb aber nicht heran. 

Mein Fazit zu „Die Namen“

Die Namen“ ist für mich ein ausgesprochen gelungenes Debüt. Der Roman liest sich flüssig, die Sprache ist unkompliziert und die drei unterschiedlichen Lebenswege sorgen dafür, dass eigentlich nie Langeweile aufkommt. Gleichzeitig gelingt Florence Knapp etwas, das gar nicht so einfach ist: Sie erzählt über häusliche Gewalt, ohne daraus einen permanent bedrückenden Roman zu machen.

Natürlich ist das Thema schwer. Natürlich gibt es Stellen, die nachwirken. Trotzdem ist „Der Namen“ für mich in erster Linie ein spannender und mitreißender Unterhaltungsroman. Wer Bücher mag, die mit alternativen Lebenswegen und der Frage „Was wäre, wenn …?“ spielen, dürfte hier seinen Spaß haben.

Wer – wie ich – bei „4321“ begeistert war, wird wahrscheinlich zumindest einige Parallelen entdecken. Die Namen“ ist zwar kein literarisches Meisterwerk wie Paul Austers Roman, aber definitiv ein Buch, das ich gerne gelesen habe.

4,5 von 5 Sternen

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