Vom ungarischen Knast in die britische High Society und wieder zurück in die triste Plattenbausiedlung: Viel wilder kann ein Leben eigentlich kaum verlaufen. Genau das mutet David Szalay seinem Protagonisten István zu.
„Was nicht gesagt werden kann“ ist ein außergewöhnlicher Roman. Die Sprache ist sehr reduziert, fast kühl – und trotzdem passiert unglaublich viel. So viel, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen wollte und es innerhalb kürzester Zeit gelesen habe.
Dabei blieb mir István die ganze Zeit erstaunlich fremd. Aber vielleicht macht genau das den Reiz dieses Romans aus: Ich wollte unbedingt wissen, was diesem Mann als Nächstes passiert. Und davon gibt es einiges.
„Was nicht gesagt werden kann“ wurde 2025 mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichnet.
Worum geht es in „Was nicht gesagt werden kann“?
„Okay“
Schon nach wenigen Seiten wird klar, dass István ein Lieblingswort hat. Und irgendwie passt es perfekt zu ihm. Denn egal, was passiert: István nimmt die Dinge hin. Er kommentiert wenig, erklärt noch weniger und wirkt häufig so, als würde er sein eigenes Leben aus einiger Entfernung beobachten. Dabei ist sein Leben alles andere als langweilig.
David Szalay begleitet István von seinem 15. Lebensjahr bis in seine 50er. Er wächst mit seiner Mutter in einer ungarischen Plattenbausiedlung auf und gerät schon als Jugendlicher in eine Affäre mit einer 42-jährigen verheirateten Nachbarin.
Zunächst findet er sie überhaupt nicht attraktiv. Trotzdem entwickelt sich zwischen den beiden eine sexuelle Beziehung. Irgendwann eskaliert die Situation: Der Ehemann der Frau stirbt und István landet für drei Jahre im Gefängnis. Ein ziemlich heftiger Start ins Erwachsenenleben.
„Was nicht gesagt werden kann“: István und die Körperlichkeit
Schon früh wird deutlich, dass István Schwierigkeiten damit hat, seine Gefühle in Worte zu fassen. Dafür kommuniziert er viel über seinen Körper. Nach seiner Haft geht er zur Armee und wird bei einem Auslandseinsatz eingesetzt. Später verschlägt es ihn nach London, wo er zunächst arbeitet und schließlich Helen kennenlernt. Sie ist die Frau eines sehr reichen Geschäftsmannes. Sie beginnen eine Affäre.
Und plötzlich befindet sich István in einer Welt, die weiter von seiner ungarischen Plattenbausiedlung kaum entfernt sein könnte: Luxus, Geld und die britische High Society. Doch auch dieses Leben steht auf ziemlich wackligen Beinen.
Interessant fand ich, dass sich István beruflich ebenfalls immer wieder in Bereichen bewegt, in denen sein Körper eine zentrale Rolle spielt. Er arbeitet als Soldat, Bodyguard oder Sicherheitsmitarbeiter. Sein Stiefsohn wirft ihm irgendwann sogar eine primitive Form von Männlichkeit vor. Das ist gar nicht so falsch. Denn István wirkt lange wie jemand, der Probleme nicht bespricht, sondern irgendwie durch sie hindurchgeht.
„Was nicht gesagt werden kann“: Eine Hauptfigur, die mir fremd blieb
István ist definitiv eine interessante Hauptfigur. Gleichzeitig war er mir emotional erstaunlich fern. Er hat keinen großen Lebensplan. Er scheint sich eher treiben zu lassen und nimmt die Möglichkeiten an, die sich ihm bieten. Dadurch wirkt er lange opportunistisch und teilweise auch ziemlich skrupellos. Gleichzeitig ist er keineswegs eindimensional.
Nach seiner Zeit bei der Armee entwickelt er psychische Probleme und ist bereit, sich in Therapie zu begeben. Später nimmt er Schlaftabletten. Seine Gefühle sind also durchaus da – er scheint nur große Schwierigkeiten zu haben, sie zu verstehen oder auszudrücken.
Auch moralisch wird es gegen Ende interessanter. Denn je länger man István begleitet, desto deutlicher wird, dass unter seiner scheinbaren Gleichgültigkeit durchaus ein Gewissen steckt.
Ein ungewöhnlicher Erzählstil
Was mir an „Was nicht gesagt werden kann“ besonders gut gefallen hat, ist die Erzählweise. David Szalay schreibt unglaublich reduziert. Der Roman besteht zu großen Teilen aus konkreten Alltagssituationen und Dialogen. Gefühle werden nicht ständig erklärt oder ausformuliert. Vieles musste ich mir selbst erschließen.
Zwischen den einzelnen Kapiteln liegen außerdem immer wieder größere Zeitsprünge. Die Lesenden sehen István also nicht bei jedem Schritt seines Lebens, sondern treffen ihn immer wieder an unterschiedlichen Punkten. In den Kapiteln setzt sich dann langsam zusammen, was in der Zwischenzeit passiert ist. Diese Konzeption mochte ich sehr gerne.
Denn obwohl István einiges erlebt, wird der Roman dadurch nie unnötig schwer. Emotional gepackt hat mich das Buch allerdings nicht völlig. Dafür ist die Sprache zu kühl und István blieb mir zu fremd.
Mein Fazit zu „Was nicht gesagt werden kann“
„Was nicht gesagt werden kann“ ist für mich ein ziemlich besonderes Buch.
Vor allem István ist eine Figur, die im Gedächtnis bleibt. Nicht unbedingt, weil ich sie sympathisch finde, sondern weil ich ständig versuchte, sie zu verstehen. Dazu kommt dieser sehr cleane, reduzierte Erzählstil, der erstaunlich gut zur Hauptfigur passt. David Szalay erzählt einen ungewöhnlichen Bildungsroman über einen Mann, der sich durch verschiedene Welten bewegt und dabei selbst lange nicht so richtig zu wissen scheint, wohin er eigentlich gehört.
Für mich ist „Was nicht gesagt werden kann“ deshalb kein Buch, das tief ins Herz geht. Aber ich wollte immer wissen, wie es mit ihm weitergeht. Und das ist schließlich auch eine ziemlich gute Voraussetzung für einen Roman.
4,5 von 5 Sternen








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