Es ist ein Wiedersehen mit einer alten Bekannten: Olive Kitteridge, der kauzigen alten Dame aus Elizabeth Strouts Bestseller und Pulitzer-Preis-gekröntem Roman „Mit Blick aufs Meer“. Ich habe dieses Buch vor vielen Jahren gelesen und damals sehr gerne gemocht. Deshalb habe ich mich gefreut, Olive in „Erzähl mir alles“ wiederzutreffen.
Mittlerweile ist sie hochbetagt und lebt in einem Pflegeheim in Crosby, einem fiktiven Küstenort in Maine. Eines Tages bekommt sie Besuch von der Schriftstellerin Lucy Barton. Die beiden beginnen, sich über vergangene Erlebnisse, Beziehungen und das Leben auszutauschen.
Ihre Treffen sind allerdings nur ein Teil des Romans. Denn Elizabeth Strout erzählt von vielen verschiedenen Menschen und ihren kleinen und großen Problemen. Dadurch wirft „Erzähl mir alles“ auch einen ziemlich interessanten Blick auf die amerikanische Gesellschaft.
Worum geht es in „Erzähl mir alles“?
„Erzähl mir alles“ greift auf zahlreiche Figuren aus Elizabeth Strouts bisheriger Romanwelt zurück. Da ich bisher nur „Mit Blick aufs Meer“ gelesen habe, konnte ich viele Verbindungen vermutlich nur gar nicht richtig einordnen.
Im Mittelpunkt des neuen Romans stehen vor allem die Schriftstellerin Lucy Barton und ihr alter Freund Bob. Lucy ist während der Corona-Pandemie gemeinsam mit ihrem Ex-Mann William von New York nach Crosby gezogen. Dort geht sie regelmäßig mit Bob spazieren. Die beiden verbindet eine ungewöhnlich enge Freundschaft. Sie interessieren sich füreinander, hören einander zu und scheinen ein ziemlich gutes Gespür dafür zu haben, was im anderen vorgeht.
Natürlich stellt sich irgendwann die Frage: Ist das wirklich nur Freundschaft? Denn zwischen Lucy und Bob liegen durchaus romantische Gefühle in der Luft. Ausgesprochen werden sie allerdings nicht. Bob ist schließlich mit Margret verheiratet, der Pastorin von Crosby. Besonders glücklich scheint er in dieser Ehe allerdings nicht zu sein. Margret ist stark mit sich selbst beschäftigt und wirkt nicht gerade wie jemand, der Bobs Bedürfnisse besonders gut wahrnimmt.
„Erzähl mir alles“: Und dann gibt es noch einen Mord
Bob ist Jurist und bekommt es im Laufe des Romans mit einem ziemlich ungewöhnlichen Fall zu tun. Eine ältere und wenig beliebte Frau aus dem Nachbarort verschwindet plötzlich. Wenig später wird sie tot aufgefunden. Schnell gerät ihr Sohn Matt unter Verdacht.
Matt ist eine ziemlich skurrile Figur. Er lebte bis zuletzt mit seiner Mutter zusammen und bezahlte schwangere Frauen aus prekären Verhältnissen dafür, sie malen zu dürfen. Nach dem Tod seiner Mutter soll ausgerechnet er ihr kleines Vermögen erben. Hat er sie deshalb umgebracht?
Eigentlich könnte daraus ein richtig spannender Kriminalfall werden. Aber „Erzähl mir alles“ ist eben kein Krimi. Und so nutzt Elizabeth Strout den Mord eher als einen weiteren Faden in ihrem großen Netz aus Lebensgeschichten.
Auch Bobs Bruder Jim spielt eine Rolle. Er lebt mit seiner Frau Helen in New York. Als Helen an Krebs erkrankt, verändert sich sein Leben ziemlich abrupt – und natürlich ist Bob auch in dieser Situation für seinen Bruder da.
„Erzähl mir alles“: viele Geschichten, viele Leben
Was mir an „Erzähl mir alles“ grundsätzlich gut gefallen hat, ist die Nähe zum Alltag. Hier gibt es keine großen Helden und keine spektakulären Lebensgeschichten. Elizabeth Strout interessiert sich vielmehr für die Dinge, die Menschen über Jahre beschäftigen: verpasste Chancen, die große Liebe, die vielleicht nie stattgefunden hat, komplizierte Familienbeziehungen, Freundschaft, Einsamkeit und die Frage, was eigentlich ein gutes Leben ausmacht.
Auch das Älterwerden spielt eine wichtige Rolle. Dabei wird Strout nie kitschig. Im Gegenteil: Sie erzählt sehr nüchtern und gleichzeitig erstaunlich warm über ihre Figuren. Das hat mir gefallen.
Gleichzeitig hatte ich aber immer wieder das Gefühl, dass mir die einzelnen Geschichten nicht ganz nahekommen. Manche Figuren tauchen auf, ihre Geschichte entwickelt sich ein Stück – und dann verschwinden sie wieder. Das kann reizvoll sein, weil dadurch das Gefühl entsteht, einen kleinen Ausschnitt aus einem viel größeren Universum zu betrachten. Für mich blieb allerdings auch einiges an der Oberfläche. Selbst der Mord sorgt letztlich nicht für besonders viel Spannung.
Mein Fazit zu „Erzähl mir alles“
„Erzähl mir alles“ ist definitiv schön geschrieben. Elizabeth Strout erzählt unaufgeregt und völlig ohne Kitsch. Toll ist es, wie selbstverständlich sie über das Älterwerden, Freundschaft, Einsamkeit und die kleinen Enttäuschungen des Lebens schreibt. Trotzdem hat mich der Roman nicht ganz erreicht.
Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht genug von Elizabeth Strouts früheren Büchern kenne und deshalb viele Verbindungen zwischen den Figuren gar nicht wahrgenommen habe. Oder dass die vielen kleinen Geschichten manchmal zu wenig Tiefe haben.
Ich habe „Erzähl mir alles“ deshalb gerne gelesen, aber es hat bei mir keine besonders tiefen Spuren hinterlassen. Wer Lust auf einen ruhigen, unkomplizierten und lebensklugen Roman hat, dürfte mit Elizabeth Strouts neuestem Buch viel Freude haben. Wer dagegen ein Buch sucht, das einen richtig mitreißt, überrascht oder emotional umhaut, könnte von „Erzähl mir alles“ eher enttäuscht sein.
3,5 von 5 Sternen








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