Buchkritik:„Sunburn“ von Chloe Michelle Howarth

„Sunburn“ von Chloe Michelle Howard

Nach wenigen Seiten überlege ich ernsthaft, ob ich dieses Buch wirklich weiterlesen möchte. Chloe Michelle Howarth schreibt die Geschichte ihrer Protagonistin Lucy so blumig und ausschweifend, dass mich die vielen Adjektive und Beschreibungen fast erdrücken. Doch ich bleibe dran, weil mich interessiert, warum „Sunburn“ so viele positive Kritiken bekommen hat. Chloe Michelle Howarth wird sogar mit Sally Rooney verglichen.

Am Ende muss ich feststellen: Es hat sich gelohnt. Noch viele Tage nach der letzten Seite muss ich immer wieder an Lucy denken. So tief bin ich in die Geschehnisse in Crossmore eingetaucht.

„Crossmore ist so, wie es schon immer war: ein wilder, überwucherter Ort, an dem die Herzen anschwellen und am heftigsten zerspringen. Wir empfinden hier tief. Ganz gleich, wie weit ich mich von diesem Ort entferne, ich bin durchtränkt von der Erde und betäubt von den Pollen, und ich werde diese Gefühle immer in mir tragen.“

Um was geht es in „Sunburn“?

„Sunburn“ ist ein Coming-of-Age-Roman, der 1989 beginnt, als Lucy 15 Jahre alt ist. Sechs Jahre später endet er. Lucy lebt mit ihrer Familie in Crossmore, einem kleinen, katholisch geprägten Dorf mit nur wenigen Hundert Einwohnern. Ihre Familie ist konservativ: Die Mutter ist Hausfrau, kümmert sich um die drei Kinder und erwartet von Lucy keine schulischen Höchstleistungen. Viel wichtiger ist ihr, dass ihre Tochter irgendwann einen soliden Mann findet. Am besten Martin, Lucys besten Freund seit Kindertagen.

Martin hat tatsächlich Interesse an einer Beziehung mit Lucy. Sie selbst merkt allerdings, dass ihre Gefühle in eine ganz andere Richtung gehen. Sie verliebt sich in ihre Mitschülerin Susannah.

„Die Tage vergehen, sie verschmelzen ineinander, während ich immer tiefer in Susannah versinke. Das Einzige, was mich auf Erden hält, ist die Schulglocke. Heute, zwischen Irish und Mathe, bittet sie mich, mit ihr in die Büsche zu gehen, damit sie eine rauchen kann. Für die anderen Mädchen würde ich das Risiko, erwischt zu werden, nie eingehen, aber ich liebe es, mit ihr in die Büsche zu gehen, auch wenn die Freunde meines Bruders awkward zu mir herüberschauen.“

Für Lucy beginnt damit ein ziemlich großes Gefühlschaos. Denn sie ahnt, dass weder ihre Familie noch ihre Mädelsclique diese Beziehung akzeptieren würden. Susannah dagegen möchte ihre Liebe nicht verstecken. Als die beiden sich zum ersten Mal küssen, beginnt ein leidenschaftlicher Sommer.

Während Lucy versucht, ihre erste große Liebe geheim zu halten, drängt Susannah sie dazu, zu ihrer Beziehung zu stehen. Sie selbst lebt wohlstandsverwahrlost bei ihrer Mutter, während ihr Vater mit einer anderen Frau weitere Kinder bekommen hat und in der Stadt wohnt. Susannah möchte mit Lucy ein gemeinsames Leben ohne Geheimnisse. Für Lucy ist genau das aber kaum vorstellbar.

Je stärker Lucys Gefühle für Susannah werden, desto schwieriger wird ihre Situation. Sie muss sich zwischen ihrer Familie und ihrer ersten großen Liebe entscheiden – und damit auch zwischen dem Leben, das andere für sie vorgesehen haben, und dem, das sie selbst führen möchte.

„Sunburn“: Stärken und Schwächen vorhanden

Die große Stärke von „Sunburn“ ist für mich definitiv, wie einfühlsam und authentisch Chloe Michelle Howarth Lucys Geschichte erzählt. Ich litt mit ihr mit, konnte ihre inneren Kämpfe nachvollziehen und fühlte mich irgendwann komplett nach Crossmore versetzt. Besonders gelungen finde ich das Bild der Mädelsclique: Die Freundinnen machen sich Gedanken über ihre Zukunft, lästern über andere und scheinen eng miteinander verbunden zu sein – allerdings nur so lange, wie niemand aus der Reihe tanzt. Lucy merkt zunehmend, dass ihre Gefühle für Susannah sie genau davon unterscheiden.

Der Roman führt außerdem eindringlich vor Augen, wie schwierig es noch vor wenigen Jahrzehnten war, offen zu einer queeren Liebe zu stehen. Lucy muss tatsächlich zwischen ihrer strengen Mutter und Susannah wählen. Chloe Michelle Howarth gibt ihren Figuren unglaublich viel Raum und macht dadurch ihre Handlungen und Entscheidungen nachvollziehbar. Genau deshalb hat mich der Roman so mitgenommen.

Ganz ohne Kritik komme ich trotzdem nicht davon. Die Sprache war für mich anfangs eine echte Herausforderung. An vielen Stellen ist sie mir zu kitschig, wuchtig und ausschweifend. Dazu kommen unnötige Anglizismen wie „awkward“. Auch schreitet die Handlung vor allem im ersten Drittel ziemlich langsam voran. Ich habe mich deshalb durchaus gefragt, ob der Roman wirklich so gut ist, wie die vielen positiven Kritiken vermuten lassen.

Doch irgendwann war ich einfach drin.

Vor allem im letzten Drittel, als Lucy nach der Schule in Dublin lebt, war ich unglaublich neugierig, wie die Geschichte endet. Zu diesem Zeitpunkt hatten mich die Figuren längst gepackt und ich wollte unbedingt wissen, was aus Lucy und Susannah wird. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Fazit: Wie finde ich „Sunburn“?

„Sunburn“ war für mich keine Liebe auf den ersten Blick. Mit Büchern wie „Intermezzo“ von Sally Rooney kann es auch nicht mithalten. Aber je länger ich las, desto mehr schloss ich den Debütroman von Chloe Michelle Howarth ins Herz. Am Ende war ich sogar ein wenig überrascht, wie sehr mich Lucy und ihre Geschichte beschäftigt haben.

Bei „Liebewesen“, „Gelbe Monster“ oder „Windstärke 17“ habe ich zuletzt kritisiert, dass den Figuren zu wenig Raum gegeben wird und mir die Geschichten dadurch zu oberflächlich bleiben. „Sunburn“ macht genau das anders. Chloe Michelle Howarth lässt bei Lucy und Susannah tief blicken – vielleicht manchmal sogar zu sehr. Aber dadurch gelingt ihr das, was bei den anderen Romanen für mich gefehlt hat: ein wirklich tiefes Eintauchen in eine Figur.

„Sunburn“ erzählt eine queere Liebesgeschichte mit all ihren Herausforderungen sehr einfühlsam und authentisch. Der Roman hat mich bewegt, mich trotz anfänglicher Zweifel immer neugieriger gemacht und eben noch Tage nach der letzten Seite beschäftigt. Es ist ein Buch, das Spuren hinterlässt. Und das ist für mich am Ende doch das Wichtigste.

4 von 5 Sternen

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