24. Juni 2014

Schmöker: “Mir fehlt ein Tag zwischen Sonntag und Montag” von Katrin Bauerfeind

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Schlechter Start

Nach dem ersten Kapitel hätte ich Katrin Bauerfeinds-Buch am liebsten aus dem Zugfenster geworfen. Auf der Fahrt nach Mannheim begann ich es am Samstag zu lesen. Bereits nach den ersten Sätzen fing ich an zu fluchen. Katrin Bauerfeind erzählt von ihrem gescheiterten Versuch Yoga mit der Wii zu machen – völlig konstruiert wirkt die Geschichte. Kein guter Start. Weiterlesen »

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17. Juni 2014

Schmöker: “deli”

10487015_10203556309376018_1438590600_nMit Kochen und Backen kann ich stundenlang meine Zeit vertrödeln. Nicht weil ich so gerne in der Küche stehe, nein, weil ich unwahrscheinlich gerne leckere Dinge esse – am liebsten in Gesellschaft. Als ich mitbekam, dass zahlreiche meiner Arbeitskolleginnen Fan des Magazins „deli“ sind, wurde ich neugierig. Was ist daran so toll? Ich wollte mehr wissen, kaufte mir eine Ausgabe, blätterte durch – und bin begeistert.

Salate, Pasta, Süßes: Für 2,90 Euro gibt es viele einfache Rezepte mit saisonalen Lebensmitteln. In der ersten Ausgabe des Jahres waren 39 Gerichte für Vegetarier sowie Sonderseiten zum Thema „Vier Wochen vegan – ein Selbstversuch und Rezepte“. Aber auch an Fleisch-Liebhaber wird gedacht: Für Hamburger und ein Hüftsteak gibt es Anleitungen. Ich testete unter anderem den „Versunkenen Rhabarberkuchen“ mit weißer Schokolade. Sehr lecker, einfach zu machen und ohne exotische Backzutaten.

In der neuesten Ausgabe dreht sich nun alles um Beeren. Zum Beispiel im selbstgemachten Eis oder in der Marmelade. Auch Bowle-Rezepte für den Sommer sind darin und zahlreiche Rezepte für unterschiedliche Kirschkuchen. Und es ist Tomaten-Zeit. Die Gnocci mit geschmolzenen Tomaten, Parmesan und Basilikum kann ich nur sehr empfehlen.

Außer den Rezepten sind in jeder Ausgabe tolle Geschenk-Ideen zum Selbstbasteln enthalten und für verschiedene Städte Restaurant-Tipps. In der aktuellen Ausgabe für Zürich. Meine nächsten Projekte sind ein Blechkuchen mit Haferflocken-Kruste, ein Roter-Bete-Salat mit Feta und die Tomaten-Tarte. Ich freue mich schon.

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22. Mai 2014

Schmöker: Mit Blick aufs Meer” von Elizabeth Strout

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Sie ist launisch, streng und ganz schön oft mürrisch – ein Leben an der Seite von Olive ist nicht gerade einfach. Vor allem ihr Ehemann Henry muss mit ihrem ständigen Gezeter leben. Zusammen wohnt das Ehepaar in Crosby, einer kleinen Stadt an der Küste von Maine. Henry ist Apotheker, Olive Lehrerin. Über Jahrzehnte erfahren sie immer wieder, dass das Leben wunderbar, aber auch sehr hart sein kann.

„Mit Blick aufs Meer“ empfahl mir eine Freundin, als ich dringend ein schönes, aber keinesfalls kitschiges Buch zum Lesen suchte. Der Roman von Elisabeth Strout passt perfekt zu diesem Bedürfnis, zurecht wurde die Autorin mit dem Pulitzerpreis dafür ausgezeichnet.

Die einzelnen Kapitel sind wie eigene Kurzgeschichten konzipiert, sie bauen nicht aufeinander auf, die Protagonisten wechseln, jedoch ist alles chronologisch geordnet. Und immer mit dabei: Olive. Manchmal wird sie nur am Rande erwähnt, an anderer Stelle steht sie mit all ihren Gefühlen und Problemen im Mittelpunkt. Und oft ist Henry an ihrer Seite.

Magersucht, eine Geiselnahme oder Liebeskummer – ganz unterschiedliche Themen greift Elizabeth Strout auf, um zu zeigen, wie schwer das Leben sein kann. Jede Familie in Crosby kämpft mit ihren eigenen Problemen. Schwarz-Weiß-Malerei gibt es nicht. Kaum jemand ist per se gut oder schlecht. Es ist die Summe an Erfahrungen, die einen Menschen ausmachen. Das wird in jeder einzelnen Geschichte deutlich. Was prägte die Kindheit, wie verlief die erste Liebe? Wie groß sind die Demütigungen und Enttäuschungen?

An manchen Stellen machte mich „Mit Blick aufs Meer“ sentimental, vor allem wenn es ums Sterben ging. Aber das Werk von Elizabeth Strout ist sehr weise und wunderbar geschrieben. Unbedingt lesen!

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6. April 2014

Heimat: “Lesung mit Jügen Teipel”

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Plattenläden waren lange Zeit ein reines Jungs-Ding. Wenn es ums Auflegen ging, hatten es Frauen ganz schön schwer. Das erzählte der Autor und ehemalige DJ Jürgen Teipel am Donnerstagabend bei seiner Lesung im Kulturraum Vanguarde.

Lampenfieber, Drogen, Beziehungen: „Mehr als laut“ lautet der Titel von Teipels Buchs, das im Doku-Stil von den Erlebnissen verschiedener DJs erzählt und an diesem Abend im Mittelpunkt der rund zweistündigen Lesung steht. Eine Collage aus O-Tönen. Zu Wort kommen unter anderem DJ Koze, Inga Humpe und Kristian Beyer (Âme). Die Geschichten spielen in Mannheim, Ibiza, Kolumbien.

„Die Szene war Anfang der 1990er-Jahre von Männern dominiert, quasi ein geschlossener Kreis.“ Frauen mussten sich an alten Rollenmustern abarbeiten, sollten lieber auf Boxen tanzen, als für die Musikauswahl sorgen. „Die richtig interessanten Sachen wurden ihnen in den Plattenläden oft gar nicht gezeigt“, erzählt Teipel. Die Konsequenz: Gerade mal fünf Prozent der DJs waren damals weiblich, die DJane „Acid Maria“ eine kleine Sensation.

„Das Geschlechter-Ungleichgewicht ging in den vergangenen Jahren zwar ein wenig zurück“, fügt der Schriftsteller hinzu. Inzwischen betrage der Anteil der Frauen unter den DJs mehr als 20 Prozent. Gleichwohl: Ein Ungleichgewicht sei nach wie vor da.

Dass Drogen in der Szene keine Seltenheit sind, das thematisiert Teipel ganz offen. Er lässt seine Protangonisten erzählen – unter anderem von Ecstasy in astreiner Kapselqualität. „Das saugt dich aus.“ Oder von MDMA-Erfahrungen: „Zuerst schien alles gut, dann kamen aber die Blackouts.“ Es sei dann kaum mehr möglich gewesen, einem Gespräch mit anderen ernsthaft zu folgen.

Neben dem Freiburger Autor hat an diesem Abend im Vanguarde Christian Nainggolan (LEGO) Platz genommen. Er war Mitbegründer der „Plattentasche“, einem Laden in der Luisenstraße in der Karlsruher Südstadt. „Das war dort streckenweise wie in einer Kneipe“, erinnert er sich. Die Leute kamen, um sich auszutauschen, das Kaufen stand oft gar nicht im Vordergrund. Eine schöne Zeit, die er auf keinen Fall missen wollte.

Die Lesung mit Jürgen Teipel folgt an diesem Abend einem offenen Konzept, Fragen dürfen vom Publikum durchweg gestellt werden. Was in der ersten Hälfte gut funktioniert, wird gegen Ende ein wenig zäh. Die Geschichten rund um die DJ-Erlebniswelt sind dennoch höchst unterhaltsam und interessant.

Aufmerksamkeit erregte Teipel bereits 2001 mit seinem Werk „Verschwende deine Jugend“, einem Doku-Roman über deutschen Punk und New Wave. Er schreibt unter anderem für die Wochenzeitung „Die Zeit“ sowie das Musikmagazin „Spex“.

 

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18. März 2014

Schmöker: “Das Schicksal ist ein mieser Verräter” von John Green

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„Miriam, das ist kein typisches Krebs-Buch.“ Mit diesen Worten überreichte mir Martha an meinem Geburtstag das Buch „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“. Einfach nur wunderschön sei der Roman von John Green, meinte sie.

Normalerweise mache ich um Bücher und Filme rund ums Sterben von Kindern und Jugendlichen einen großen Bogen. Distanz halten ist nicht meine Stärke, viel zu sehr belastet mich das Geschehen. Seit ich den Film „Oskar und die Dame in Rosa“ im Kino sah, quasi die ganze Zeit durchheulte, habe ich genug von solch tragischer Unterhaltung.

Nun aber die Ausnahme, schließlich sollte es ja kein typisches Krebs-Buch sein. An einem Sonntag nahm ich den Roman in die Hand und begann zu lesen. Den ganzen Tag hatte ich Zeit, freute mich über ein unbeschwertes Vergnügen. Aber schon nach wenigen Seiten wurde mir klar, dass es das nicht sein wird.

Hazel ist 16 Jahre alt und hat Krebs. Unheilbar. An Freundschaften ist sie weniger interessiert, nur ihrer Mutter zuliebe geht sie in eine Selbsthilfegruppe. Dort lernt sie den lebenslustigen Augustus, kurz Gus, kennen. Schnell entwickelt sich eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden, sie verlieben sich. Gus hat seine Krankheit scheinbar gut überstanden, eines seiner Beine musste zwar amputiert werden, damit arrangiert er sich aber gut und hat die Kraft, Hazel wieder Lebensfreude zu schenken. Zusammen hören sie Musik, lesen die gleichen Bücher und unternehmen schöne Dinge.

Dabei schwingt aber auf jeder Buchseite der Krebs-Alltag von Hazel mit. Der Leser erfährt all ihre Gedanken, Sorgen und was eine unheilbare Krankheit für die Familie bedeutet. Das ist so nah an der Realität, dass ich das Buch immer wieder weglegen musste. Ständig fasste ich an diesem Sonntag den Entschluss, komplett aufzuhören, konnte es aber dann doch nicht lassen. Las weiter, weiter und weiter. Es war wie eine Sucht.

„Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ ist tatsächlich wunderbar geschrieben. Voller Herz, keineswegs kitschig. Viele kluge Weisheiten stecken darin. Und es ist eine Handlung, die nicht vorsehbar ist. Vielmehr nimmt die Geschichte irgendwann eine drastische Wendung, die mich aber noch mehr erschütterte. Ich musste frühzeitig den Schluss lesen, um mich darauf vorzubereiten, was im letzten Drittel noch alles auf mich zukommt.

Letztlich las ich den Roman von John Green innerhalb von zwei Tagen komplett durch – und war tief bewegt. Auch wenn ich das Geschenk mehrmals verfluchte, bin ich sehr froh, das Buch gelesen zu haben. Den Film, der im Sommer anläuft, werde ich mir aber nicht anschauen. Auf gar keinen Fall.

Lieblingszitat: „Ohne Leid würden wir nicht wissen, was Freude ist.“

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2. März 2014

Schmöker: “Katzentisch” von Michael Ondaatje

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Es ist eine Reise voller Abenteuer: Der elfjährige Michael fährt mit dem Dampfer „Oronsay“ von Sri Lanka nach England – ganz alleine. Nur seine entfernte Cousine Emily ist zufällig mit an Bord. In London soll ihn am Hafen seine Mutter empfangen. Seit vielen Jahren hat der Junge sie nicht mehr gesehen. 21 Tage auf dem Ozean gilt es bis dahin zu überwinden. Drei Wochen voller interessanter Begegnungen und kuriosen Erlebnissen, die Michael für immer im Gedächtnis bleiben.

„Katzentisch“ von Michael Ondaatje wurde mir von einer ehemaligen Arbeitskollegin ans Herz gelegt. Wunderbar soll der Roman sein, meinte sie. Und in der Tat, auf den rund 300 Seiten sind so unglaubliche viele schöne Wörter und Sätze, dass ich aus dem Staunen ob der Fantasie und Hingabe von Ondaatje nicht mehr herauskam. Es ist eine Wohltat, jede einzelne Seite zu lesen und in die bunte Welt auf dem Dampfer einzutauchen.

Ein globales Dorf auf dem Wasser: Auf der „Oronsay“ sind 600 Reisende aus den verschiedensten Ländern und den unterschiedlichsten Schichten. Ein krimineller Baron ist darunter, ein an Ketten gefesselter Gefangener sowie ein todkranker Millionär. Michael sitzt ein wenig abseits von der Luxusklasse am sogenannten Katzentisch, beobachtet das Treiben auf dem Dampfer ganz genau. Gesellschaft leisten ihm die beiden Jungs Cassius und Ramadhin. Mit ihnen freundet er sich schnell an und schließt den Pakt, jeden Tag eine verbotene Tat zu begehen. Das führt zu spannenden und gefährlichen Erlebnissen.

Mit am Tisch sitzt Perinetta Lasqueti, die den „Zauberberg“ von Thomas Mann immer bei sich trägt, daraus aber nie liest, schlechte Kriminalromane über Bord wirft und Tauben in den Taschen ihres Jacketts spazieren führt. Sie ist verliebt in den Pianisten Mr. Mazappa. Er beeindruckt mit seinen Liedern und Geschichten nicht nur die Dame, sondern auch die drei Jungs nachhaltig. Und außerdem gibt es noch Larry Daniels, einen Botaniker, der in Michaels Cousine Emily verliebt ist und den Heranwachsenden exotische Alkoholika an der Bar des Schwimmbeckens kauft.

Der Roman ist wie ein kleines Puzzle. Michael Ondaatje stellt in kurzen Kapiteln einzelne Personen und Schiffsräume vor – stets aus der Sicht des elfjährigen Protagonisten. Es gibt außerdem Zeitsprünge in die Zukunft. Diese handeln davon, was sich viele Jahre nach der Schiffsreise in den Leben der einzelnen Personen ereignete. Nach und nach entwickelt sich dadurch ein Gesamtbild, das verdeutlicht, dass das Schicksal es nicht immer gut meint mit den Menschen meint.

„Katzentisch“ ist ein unglaublich beeindruckendes Buch und wird am Ende sogar spannend. Gleichwohl: Ich brauchte verhältnismäßig lange für die rund 300 Seiten. Woran es genau lag, das weiß ich selbst nicht genau. Das Gefühl, vorankommen zu wollen, stellte sich trotz der schönen Sprache und des ausgefeilten Plots nie ein. Selbst in meinem Urlaub kam es vor, dass ich statt des Buchs lieber mehrere Tage hintereinander nur Zeitungen und Magazine las. So musste ich aber immer wieder nachschlagen, wer denn nun wieder welche Person ist und was genau auf den vorangegangenen Seiten passierte – das nervte irgendwann sehr und nahm mir den Spaß an dem Roman. Das letzte Drittel las ich vergangene Woche dann konsequent an einem Abend durch, tauchte so wieder total in die Geschichte ein und war am Ende versöhnt.

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5. Februar 2014

Schmöker: “Die Entdeckung des Himmels” von Harry Mulisch

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Eigentlich schrecken mich dicke Bücher nicht ab. Wenn ein Roman oder ein Krimi interessant ist, freue ich mich – über jedes Wort, jeden Satz, jede Seite. Mit den Büchern gehe ich dann gerne eine Bindung ein, auch wenn diese mehrere Wochen andauern kann.

„Die Entdeckung des Himmels“ hat mich aber an meine Grenzen geführt. Religion, Physik, Philosophie, Mystik und noch vieles mehr – Harry Mulisch packt einfach die unterschiedlichsten Disziplinen in das knapp 900 Seiten lange Werk. Ausführlich und detailliert beschreibt er wissenschaftliche Phänomene, Entdeckungen und geschichtliche Zusammenhänge. Solche Dinge mal kurz in der Mittagspause oder in der Bahn zu lesen, das ist anstrengend und keine Erholung.

Mehrmals legte ich deshalb „Die Entdeckung des Himmels“ zur Seite, begann mit anderen (leichteren) Büchern, griff dann aber doch immer wieder zurück, konnte es letztlich nicht lassen, wollte wissen, wo die Geschichte hinführt. Es hat sich gelohnt, trotz aller Mühen ist „Die Entdeckung des Himmels“ ein unwahrscheinlich beeindruckendes und bereicherndes Buch.

Die Rahmenhandlung ist folgende: Zwei Engel beschließen, dass die Tafel mit den Zehn Geboten zurück in den Himmel gebracht werden soll. Dazu bedarf es eines Abgesandten auf der Erde, der diese Tat vollbringt und somit den biblischen Bund zwischen Gott und den Menschen beendet.

Um ihren Plan realisieren zu können, wählen sich die Engel die Niederländer Max Delius und Onno Quist aus. Die himmlischen Geschöpfe lenken das Schicksal der beiden jungen Männer, die sich in den 1960er-Jahren eines Abends scheinbar zufällig auf der Straße begegnen.

Grundverschieden sind Max und Onno, trotzdem herrscht schnell eine tiefe Verbundenheit zwischen ihnen. Wurden sie doch auch am selben Tag gezeugt. Max ist ein Frauenheld und beschäftigt sich mit der Astronomie. Sein Vater war ein NS-Offizier und wurde nach dem Krieg hingerichtet. Max’ Mutter, eine Jüdin, kam ins Konzentrationslager.

Onno stammt dagegen aus einer konservativen Familie, sein Vater ist ein hochrangiger Politiker. Onno fällt aus der Reihe, mag sich nicht so recht anpassen. Seine politische Ausrichtung ist eher links. Seine Leidenschaft beruht auf Wörtern und alten Schriften.

Zwischen den beiden Freunden steht einzig Ada, eine Cellistin, mit der erst Max zusammen ist, dann Onno. Über 20 Jahre hinweg werden die beiden Männer samt Ada nun begleitet. Max und Onno engagieren sich in der Studentenbewegung, reisen nach Kuba, erleben dort eine aufregende Zeit. Außerdem wird Quinten gezeugt – der engelsgleiche Junge soll dafür sorgen, dass die Tafel zurück in den Himmel kommt.

Harry Mulisch geht im ersten Teil des Buches besonders auf die aufwühlende Zeit in den 1960er-Jahren in den Niederlanden ein sowie auf die Spannungen zwischen Sozialismus und Kapitalismus. Max fährt außerdem nach Polen, wandelt dort auf den Spuren seiner Mutter.

Im weiteren Verlauf des Romans spielen Literatur, Musik und Architektur eine Rolle. Mulisch greift Goethes Faust auf; beschreibt später die Bauten in Rom bis ins kleinste Detail. Bei einer Reise nach Israel wird die biblische Geschichte rund um Moses erzählt. „Die Entdeckung des Himmels“ ist streckenweise wie ein vielseitiges Lexikon zu lesen.

Das ist meist hoch interessant, bei den physikalischen Ausführungen oder den Beschreibungen von Max astronomischer Arbeit schweifte ich jedoch oft ab, übersprang ganze Absätze. Das waren die Momente, in denen ich die Lust verlor. Aufgrund der ausgefeilten und schönen Sprache sowie der interessanten Geschichte rund um Onno, Max und Ada griff ich aber immer wieder zurück. Sehr gelungen finde ich den Aspekt der Sterbehilfe.

Über einen Gedankengang von Onno grübelte ich in den vergangenen Tagen viel. Es geht um das Thema Schuld. Onno sagt gegen Ende des Romans zu Quinten, dass Handeln final und nicht kausal beurteilt werden sollte. Wenn böse Taten immer darauf zurückgeführt würden, dass der Verursacher in der Kindheit geschlagen wurde oder geschiedene Eltern hat, sei das unfair gegenüber all denen, die ebenfalls schlechte Erfahrungen machten, aber nicht zu Verbrecher werden. Onno meint: Durch kausale Beurteilungen wird der Mensch entmenschlicht, es wird ihm die Verantwortung genommen und somit letztlich auch die Freiheit.

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29. Januar 2014

Schmöker: “Er ist wieder da” von Timur Vermes

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Wenn es um Adolf Hitler geht, verstehe ich keinen Spaß. Auch über ihn lachen mag ich nicht. Sehr irritiert war ich deshalb, als ich vor einiger Zeit in der Buchhandlung an „Er ist wieder da“ vorbeikam. Auf dem weißen Buchcover ist die Frisur des Tyrannen nachgezeichnet. Lustige Unterhaltung und Hitler – das geht bei mir nicht überein. Auch die Switch-reloaded-Filmchen finde ich daneben.

Damit bin ich aber wohl eher eine Ausnahme, die literarische Politiksatire stand wochenlang auf Platz eins der Spiegelbestsellerliste. Eigentlich hatte ich gar kein Interesse daran, mich mit diesem Buch näher auseinanderzusetzen. Aber dann legte es mir mein Arbeitskollege vor wenigen Wochen auf den Schreibtisch – und ich begann zu lesen.

Auch während des Lesens ließ mich keine Sekunde das fahle Gefühl los, dass es nicht richtig ist, was da passiert. Klar, es ist eine Satire. Timur Vermes hat keineswegs die Intention, Adolf Hitler zu verherrlichen, im Gegenteil. Der Autor verdeutlicht auf subitle Weise immer wieder, wie krank die Gedankengänge des Diktators waren und wie schnell wohl viele Bürger auch heute wieder auf den plumpen Populismus anspringen würden. Trotzdem finde ich unmöglich, dass ausgerechnet Hitler in eine Zeitmaschine von 1945 in das Jahr 2011 gesetzt wurde. Hätte es nicht eine andere historische Figur gegeben, mit der das Konzept funktioniert – auch wenn es dann in Sachen Marketing schwieriger gewesen wäre?! Ich hätte es sehr begrüßt.

Denn das Konzept, der Schreibstil und die einzelnen Geschichten in „Er ist wieder da“ sind sehr lustig, kurzweilig und vor allem bitterböse. Hitler erwacht im Jahr 2011 in Berlin und weiß erst nicht, wie ihm geschieht. Gedanklich ist er in seinem Führerbunker hängengeblieben, die neue technologisierte Welt irritiert ihn. Internet, Handys, Farbfernseher – all das ist neu für Adolf Hitler.

Er wundert sich über die Aufmachung der Bildzeitung (extra große Buchstaben, damit sie wohl auch Senioren lesen können), über das skurrile Fernsehprogramm, in dem arbeitslose „Menndis“ auftauchen und reihenweise Köche sowie Gärtner über den Bildschirm flimmern. Auch aus dem Radio dröhnt nur Krach.

Bei einem Gang durch die Stadt fragt sich der Tyrann, wie Herr Starbuck gleichzeitig so viele Cafès führen kann. Seine Stirn runzelt sich, als er feststellt, dass türkische Mitbürger verstärkt im Reinigungsgeschäft tätig sind, Fremdlinge, die mittelständische Betriebe führen – das geht doch eigentlich gar nicht.

Mithilfe eines Kioskbesitzers findet er sich dann aber langsam in der Hauptstadt zurecht. Er lernt Fernsehproduzenten kennen, die in ihm den perfekten Hitler-Imitator sehen. Innerhalb kürzester Zeit läuft seine Fernsehkarriere wie am Schnürchen.

Dieses Medienspektakel von Adolf Hitler im Jahr 2011 hat Timur Vermes konsequent bis ins kleinste Detail durchdacht. Das ist klug und lustig. Zeitungsaufschnitte kritisieren den vermeintlichen Imitator, auf Youtube werden seine Videos zigfach angeklickt. Seine Sekretärin muss plötzlich mit einem Shitstorm klarkommen. Und so manch künstliche Dame auf dem Oktoberfest setzt sich gerne für PR-Zwecke auf seinen Schoß.

„Er ist wieder da“ ist bis zum letzten Satz ein sehr unterhaltsames und sehr gut zu lesendes Buch, das auch aufrüttelt. Nur sollte Hitler meiner Empfindung nach eben in keinem anderen Kontext als dem geschichtlichen auftauchen.

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2. Januar 2014

Schmöker: “Tiere essen” von Jonathan Safran Foer

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Tiere essen oder nicht? Diese Frage stellte sich für mich lange Zeit nicht. Auf dem Land bin ich groß geworden, war als Kind bei der Kartoffelernte dabei und erlebte, wie die Schweine und Hasen von meinen Großvätern nach einem zufriedenen Leben geschlachtet wurden. Meine Eltern halten heute noch Hühner, die friedlich auf der Wiese herum spazieren und so lange leben dürfen, wie sie wollen. Ich wuchs mit einer klaren Abgrenzung von Nutz- und Haustieren auf. Und damit, dass nachvollziehbar ist, wo der Sonntagsbraten herkommt.

Bereits seit Jahren esse ich aber nur noch selten Fleisch. Das ist bislang jedoch mehr eine Geschmacksfrage als eine bewusste moralische Entscheidung gewesen. Ich liebe Pasta, bastle mir gerne einen bunten Salat zusammen oder kombiniere Reis mit verschiedenen Gemüsesorten. Wurst hat gegen Käse keine Chance. Es schien mir aber nicht verwerflich, ab und an mal eine Lasagne zu kochen oder in einem Restaurant ein Rindersteak zu bestellen.

Mir „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer zu Gemüte führen, das stand deshalb nicht unbedingt auf meiner „To Do“-Liste. Nun brachte mir aber ein Arbeitskollege das Sachbuch mit. Und da ich von Foer bereits einige Bücher gelesen habe und ihn als Autor sehr schätze, wollte ich nun doch wissen, was er zu dem Thema sagt. Ich bin begeistert.

Am meisten imponiert hat mir an dem Buch, dass Foer auf keiner Seite mit erhobenem Zeigefinger agiert. Kein einziges Mal versucht er Schwarz-Weiß-Muster aufzubauen. Vielmehr überzeugt er mit wissenschaftlichen Erkenntnissen, die er auf den letzten Seiten ausführlich belegt.

Natürlich gibt es in „Tiere essen“ genaue und schreckliche Beschreibungen von Massentierhaltungen. Foer differenziert dabei zwischen Anlagen für Hühner, Schweine, Rinder und geht auch auf unterschiedliche Fangmethoden ein. Das sind streckenweise so drastische Schilderungen, dass es mich erschauderte und ich eine Wut auf die Menschen bekam, die hinter diesem System stehen. Auch der Aspekt, wie viel Antibiotika in den USA jährlich an Tiere ausgegeben werden, haute mich um: acht Millionen Kilogramm. Im Vergleich: Für Menschen sind es 1,4 Millionen Kilogramm. Das ist verrückt.

„Tiere essen“ ist darüber hinaus sehr vielschichtig. Tierschutzaktivisten kommen zu Wort, einzelne Farmer und Rancher geben ihre Ansichten wider, ein Fleischproduzent verteidigt sich und Foer lässt immer wieder seine persönlichen Ansichten einfließen. Auch ist das Werk – Foertypisch – völlig unkonventionell aufgebaut. Der Amerikaner hat eine alphabetische Wortbedeutung zusammengestellt, diese beinhaltet Definitionen unter anderem von Anthropomorphismus, Käfigbatterie und Wohlfühlessen. Er berichtet außerdem von der ersten Massentierhalterin sowie vom Zusammenhang von Tierzucht und Pandemien. Das ist höchst interessant.

Einen besonders tollen Aspekt fand ich, dass Foer einräumt, dass er selbst noch Gelüste auf Fleisch oder Sushi hat. Er fragt sich dann aber immer, ob das Leiden der Tiere nicht über diesem Appetit stehen sollte. Und lässt es deshalb sein. Das ist ein schöner Ansatz, den ich nun selbst in mein Leben verankert habe. Ob es mir gelingen wird, diese Maxime in jeder Situation zu befolgen, das weiß ich nicht. Komplett restriktiv möchte ich nicht agieren. Aber inzwischen ist es für mich nur noch schwer möglich, mit gutem Gewissen Fleisch und Fisch zu konsumieren. Jonathan Safran Foer hat es tatsächlich geschafft, dass ich keinen legitimen Grund mehr finde, Tiere zu essen – und das auf völlig sympathische Art und Weise.

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28. November 2013

Schmöker: “Ein Abend mit Denis Scheck in Karlsruhe”

Wenn Denis Scheck mit „Druckfisch“ am späten Sonntagabend im Fernsehen zu sehen ist, schlafe ich meist schon. So freue ich mich immer, wenn er wie am gestrigen Abend in Karlsruhe vorbeischaut.

Romane, Krimis, Sachbücher und Comics: Die unterschiedlichsten Werke hat der Literaturkritiker auf seinem Tisch im Literaturhaus im Prinz Max-Palais drapiert. Dabei betont er gleich zu Beginn: „Niemand muss was gelesen haben.“

Sich bei der Bücher-Auswahl an der Bestseller-Liste zu orientieren, davon rät Denis Scheck kategorisch ab. „Dahinter verbergen sich nicht die besten, sondern nur die am meisten verkauftesten Werke.“

Dass die Masse scheinbar kein Geschmack hat, zeige sich unter anderem an den drei Bänden von „Shades oft Grey“. Das sei „Literatur für Neandertaler“, sagt Scheck. Wer einen richtig guten Porno lesen wolle, solle sich “Haus der Löcher” von Nicholson Baker kaufen.

Auch von Paulo Coelho ist der Kritiker wenig angetan. „Das ist gar mein Lieblingsfeind“, sagt er. Coelhos Darstellung der Welt in „Der Alchimist“ sei trivial, banal, unterkomplex. Das Buch ist laut Denis Scheck zum „gegen die Wand schmeißen“.

Weitaus besser kommt bei ihm – überraschenderweise – Dan Browns „Sakrileg“ weg. „Es ist immer eine Frage des Maßstabs“, erklärt Denis Scheck seine Sympathien für den Thriller. „Sakrileg“ sei das Pendant zu einem spannenden Popcorn-Movie und eigne sich hervorragend als Lektüre am Pool. „Ein kleiner Schundroman“, sagt der Kritiker mit einem Augenzwinkern.

Zu lesenswerten Bestsellern gehören seiner Meinung nach auch „Lolita“ von Vladimir Nabokov (“da prallen die amerikanische und europäische Kultur aufeinander“) oder „Und dann gabs keines mehr“ von Agatha Christie („eine anständige Krimiautorin“).

Gut zur Orientierung im Buch-Dschungel eigneten sich Messen oder Preise, sagt Denis Scheck. Seine Empfehlung: „Flut“ von dem Brasilianer Daniel Galera (sein Heimatland stand bei der Buchmesse in Frankfurt im Mittelpunkt). Oder „Pong redividus“ von Sibylle Lewitscharoff. Sie gewann in diesem Jahr den Georg-Büchner-Preis.

Denis Schecks Buchpreis-Gewinner der Herzen ist Reinhard Jirgl mit „Nichts von euch auf Erden“. Vorsicht: Selbst der belesene Kritiker Scheck brauchte nach eigenen Angaben drei Anläufe, bis er mit dem Buch warm wurde. „Es lohnt sich aber.“

Lesenswert sind seiner Meinung nach auch:

• „Honig“ von Ian McEwan (eine spannende Geschichte über den britischen Geheimdienst).
• „Stoner“ von John Williams (ein Roman, der einen Literaturwissenschaftler von der Wiege bis zur Bahre begleitet) und
• „Entenhausen – Die ganze Wahrheit“ von Patrick Bahners.

Denis Schneck schenkt seiner Mutter übrigens “Königsallee” von Hans Pleschinski zu Weihnachten – wer Thomas Mann mag, habe damit große Freude, versprach er.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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