18. August 2021

Schmöker: “Ein ganzes Leben” von Robert Seethaler

"Ein ganzes Leben" I Robert Seethaler

“Buchkritik: “Ein ganzes Leben” – Serotonin in Buchform

Zum ersten Mal drang „Ein ganzes Leben“ mit voller Wucht in mein Herz, als Robert Seethaler seinen Protagonisten Andreas Egger von der Bauersfrau Ahnl Abschied nehmen lässt. Es ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts – in einem Dorf in den Alpen, als die bereits in die Jahre gekommene Seniorin beim Brotbacken das Bewusstsein verliert. Sie stürzt nach vorne und erstickt im Teig.

Drei Tage lang liegt sie danach im brütend heißen Sommer aufgebettet in einer Kammer, bis sie endlich eine Pferdekutsche abholt. Danach überstürzen sich die Ereignisse. Als der Totenwagen beim Schmid vorbeirollt, rennt dort ein Hund aus der Tür, beißt einem der Haflinger in das Bein. Dieses stürzt daraufhin zur Seite und der Sarg kommt ins Rutschen. Wie Robert Seethaler das darauf folgende Geschehen beschreibt, ist ein sprachliches Vergnügen:

„Der Deckel, der für den Transport nur notdürftig verschlossen war und erst am Grab endgültig zugenagelt werden sollte, war aufgesprungen und der Unterarm der Toten erschien im Spalt. In der Dunkelheit der Totenkammer war ihre Hand schneeweiß gewesen, doch hier, im hellen Mittagslicht, erschien sie gelb wie die Blütenblätter der kleinen Bergveilchen, die am schattigen Bachufer blühten und sofort dahinwelkten, sobald sie der Sonne ausgesetzt waren. Das Pferd bäumte sich ein letztes Mal auf, bevor es mit zitternden Flanken stehenblieb. Egger sah, wie die Hand der toten Ahnl aus dem Sarg baumelte, und für einen Moment schien es, als wollte sie ihm zum Abschied zuwinken, ein allerletztes Behütdichgott, für ihn allein bestimmt.“

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6. August 2021

Flimmerkasten: “Ginny & Georgia”

Kritik: „Ginny & Georgia“: kaputter, aber interessanter als die “Gilmore Girls”

„Wir sind wie die Gilmore Girls, nur mit größeren Brüsten“, sagt Georgia (Brianne Howey) in der ersten Folge von „Ginny & Georgia“ zu ihrer Tochter Ginny (Antonia Gentry). Für mich ist das nicht der einzige Unterschied: Sie sind rauer, kaputter und dadurch so viel interessanter als Lorelai und Rory.

Während die „Gilmore Girls“ bei ihrer TV-Strahlung Anfang der 2000er-Jahre komplett an mir vorbeirauschten, gab ich ihnen vor zwei Jahren auf Netflix nochmals eine Chance. Die erste Staffel fand ich zwar ganz nett, in der zweiten flog ich aber raus. Der Spannungsbogen um das Kleinstadtleben in Stars Hollow war mir auf Dauer zu schwach.

Ganz anders erging es mir vor wenigen Tagen mit „Ginny & Georgia“ und ihren Geschichten aus Wellsbury. Schon nach fünf Minuten wusste ich: Diese Serie mag ich, diese Charaktere sind facettenreich und spannend.

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4. August 2021

Flimmerkasten: “Fabian oder Der Gang vor die Hunde”

Ein außergewöhnlicher Film: „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“

Es flirrt, wackelt und die Szenen wechseln brüchig ineinander. Die ersten 30 Minuten von „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ sind anstrengend. Hätte ich das wundervolle Buch von Erich Kästner nicht gelesen, wäre es mir wohl schwer gefallen, einen Zugang zu finden. Mit solch einem experimentellen Einstieg hatte ich nicht gerechnet.

Aber: Die ungewöhnlichen Szenen faszinieren mich auch von der ersten Sekunde an. Die abwechslungsreiche Kameraführung, die schnellen Schnitte: „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ sprüht vor Kreativität und Liebe zum Detail. Regisseur Dominik Graf und Kameramann Hanno Lentz haben einen besonderen Film geschaffen, der lange nachwirkt.

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22. Juli 2021

Schmöker: “Zähne zeigen” von Zadie Smith

"Zähne zeigen" von Zadie Smith

Klassiker der englischen Gegenwartsliteratur: „Zähne zeigen“ von Zadie Smith – eine Krititk

Es ist der 1. Januar 1975, als Archie versucht, sich mit einem Staubsauger das Leben zu nehmen. Seine Frau hat ihn verlassen, alleine lebt er nun mit 47 Jahren in einer Einzimmerwohnung, die über einer Pommesbude liegt.

Um seinem unglücklichen Dasein ein Ende zu bereiten, setzt er sich am Silvesterabend in sein Auto, fährt los, parkt vor einer Halal-Fleischerei im Nordwesten Londons und schließt seinen Staubsauger an den Auspuff.

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16. Juli 2021

Schmöker: “Wir Strebermigranten” von Emilia Smechowski

"Wir Strebermigranten" von Emilia Smechowski

Kritik von “Wir Strebermigranten”: ein spannendes Buch über polnische Einwanderer

Nur nicht auffallen. Das ist die Maxime für Emilia Smechowskis Familie, als sie 1988 aus Polen in Deutschland ankommt. Emilia ist damals fünf Jahre alt. Ihr gesamtes Leben steht auf dem Kopf, alles ist anders in Berlin. Die Menschen, die Sprache und auch ihr Name: aus Emilka wird Emilia.

Für ihre Eltern, zwei Mediziner, ist wichtig: Sie möchten sich so schnell wie möglich integrieren, nicht als Ausländer wahrgenommen werden. Das bedeutet für sie: immer diszipliniert sein, hart arbeiten und in der Öffentlichkeit kein Polnisch sprechen. Die Smechowskis werden in Deutschland quasi unsichtbar.

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29. Juni 2021

Schmöker: “Swing Time” von Zadie Smith

 "Swing Time" von Zadie Smith

Kritik “Swing Time”: Toller Roman über eine Mädchen-Freundschaft

Es ist ein Samstag im Jahr 1982, als sich die beiden dunkelhäutigen Mädchen zum ersten Mal auf dem Weg zu einer Ballettstunde in einem Kirchhof begegnen. Sofort sind die Dinge sichtbar, die sie miteinander verbinden:

„Wir hatten beide den identischen Braunton, als hätte man ein Stück hellbraunen Stoff durchgeschnitten, um uns beide daraus zu machen, unsere Sommersprossen sammelten sich an der gleichen Stelle, wir waren gleich groß.”

Das erzählt die namenlose Ich-Erzählerin gleich zu Beginn von „Swing Time“. Sie und Tracey leben in tristen Hochhausanlagen in London. Ihre große Leidenschaft: das Tanzen und Musicals. Die zufällige Begegnung bei den Ballettstunden ist der Beginn einer tiefen Freundschaft, die in den nächsten Jahrzehnten jedoch immer wieder großen Herausforderungen ausgesetzt ist.

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24. Juni 2021

Schmöker: “Americanah” von Chimamanda Ngozi Adichie

"Americanah" von Chimamanda Ngozi Adichie

Kritik von “Americanah”: Ein kluger Roman, der sich mit den wichtigen Themen unserer Zeit befasst!

Es ist der Beton auf ihrer Seele, der Ifemelu dazu bringt, nach 13 Jahren wieder nach Nigeria zurückzukehren. Schicht für Schicht hat sich in den USA die Unzufriedenheit in ihr breitgemacht. Wieder nach Afrika zu fliegen, ist aber keine leichte Entscheidung für die junge Frau. In Princeton hat sie ein begehrtes Stipendium erhalten, mit ihrem Freund Blaine führt sie eine solide Beziehung und ihr Blog über Rassismus wird von Tausenden Menschen gelesen.

Doch Ifemelu hat Sehnsucht. Sie möchte zurück nach Lagos, wo ihre Familie und ihre Jugendliebe Obinze (Zed) leben. Zu Zed hat sie einige Jahre zuvor jäh den Kontakt abgebrochen. Nun ist er ein erfolgreicher Geschäftsmann, mit einer anderen Frau verheiratet und hat eine kleine Tochter. Trotzdem schreibt sie ihm eine Email und kündigt ihre Rückkehr an. Was wird passieren?

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3. Juni 2021

Schmöker: „Kim Jiyoung, geboren 1982“ von Cho Nam-Joo

„Kim Jiyoung, geboren 1982“ von Cho Nam-Joo

Kritik von „Kim Jiyoung, geboren 1982“: Eine Frau, die an der patriarchalen Gesellschaft zerbricht!

Kim Jiyoung ist 33 Jahre alt, als etwas in ihr zerbricht und sie beginnt, in bestimmten Situationen ihre Identität zu wechseln. Mit den Stimmen ihrer Mutter und einer verstorbenen Studienfreundin kritisiert sie plötzlich all die Dinge, die sich wie selbstverständlich im patriarchalen Alltag in Südkorea abspielen.

Dazu gehören Frauen, die sich für Familienessen bis zur völligen Erschöpfung verausgaben und stundenlang in der Küche stehen. Sowie Mütter, die für die Kindererziehung ihre beruflichen Ambitionen aufgeben und für all ihre Mühen im Haushalt keine Anerkennung bekommen.

Schnell ist klar: Es ist eine Psychose, an der Kim Jiyoung leidet. Wie es dazu kam, erzählt Autorin Cho Nam-Joo im Roman „Kim Jiyoung, geboren 1982“ nun ausführlich und chronologisch – sachlich, unaufgeregt, aber trotzdem sehr eindrücklich und bewegend.

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23. Mai 2021

Schmöker: “Der Gang vor die Hunde” von Erich Kästner

"Der Gang vor die Hunde" von Erich Kästner

“Der Gang vor die Hunde”: ein starkes Buch!

Arbeitslose Männer auf der Suche nach Sinn, eine pulsierende Berliner Unterwelt und ein erstarkender Rechtsextremismus: Erich Kästner hatte ein unfassbar gutes Gespür für die gesellschaftlichen Verhältnisse, als er Ende der 1920er-Jahre „Der Gang vor die Hunde“ schrieb.

Er zog dabei alle Register und brachte die „anatomische Verschiedenheit der Geschlechter“ so genau auf den Punkt, dass der Verlag den Roman zunächst nur zensiert veröffentlichte – und auch den Titel änderte: Aus „Der Gang vor die Hunde“ wurde „Fabian“. Erich Kästner kommentierte sein Werk mit diesen Worten: „Dieses Buch ist nicht für Konfirmanden, egal wie alt sie sind.“

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9. Mai 2021

Schmöker: „Jeder stirbt für sich allein“ von Hans Fallada

Ein eindringlicher Roman: „Jeder stirbt für sich allein“ von Hans Fallada

Berlin 1940. Es ist ein Brief, der Otto und Anna Quangel die traurige Nachricht bringt: Ihr einziger Sohn ist im Krieg gefallen. Die Quangels sind fassungslos. Ihnen wird klar: Adolf Hitler und sein Regime bringen nur Unheil, es darf nicht so weitergehen.

Otto Quangel greift deshalb zu Tinte und Papier, schreibt eindringliche Warnungen. Heimlich verteilt er diese besonderen Postkarten im Berliner Stadtgebiet in den Häusern. Seine Frau Anna begleitet ihn fast immer, unterstützt ihn. Es ist ein mutiges Unterfangen – ohne Happy End.

Die Kerngeschichte von „Jeder stirbt für sich allein“ beruht auf wahren Ereignissen. Sie bezieht sich auf das Leben von Elise und Otto Hampel, die zwischen 1940 und 1942 Widerstand gegen das NS-Regime leisteten und dafür zum Tode verurteilt wurden. Bilder von ihnen und Original-Postkarten sind im Roman am Ende abgedruckt.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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