31. Dezember 2021

Schmöker: “Crossroads” von Jonathan Franzen

"Crossroads" von Jonathan Franzen

„Crossroads“ von Jonathan Franzen: Familie Hildebrandt steht am Scheideweg

Chicago, 23. Dezember 1971: Anstatt sich auf das Weihnachtsfest mit seiner Frau und den vier Kindern zu freuen, drehen sich die Gedanken von Pfarrer Russ Hildebrandt nur darum, wie er mit der attraktiven Witwe Frances eine Romanze beginnen kann.

Gemeinsam sitzen sie in seinem Kleinwagen und kämpfen sich über die schneebedeckten Straßen Chicagos, um Weihnachtsgeschenke zu einer armen Gemeinde zu bringen. Der 45-Jährige gibt alles, um Frances von sich zu überzeugen. Es wird peinlich.

Russ scheint in sich völlig verloren. In der Ehe mit seiner Frau Marion knirscht es auf vielen Ebenen und auch das Verhältnis mit seinen Kindern ist schwierig. Nun biedert er sich Frances regelrecht an. Die Todsünde „Wollust“ hat den Pfarrer ergriffen.

Aber nicht nur Vater Russ kämpft an diesem Tag vor Heiligabend mit seinem Leben. Auch Mutter Marion und die drei ältesten Kinder Clemens, Becky und Perry haben Probleme.

Autor Jonathan Franzen erzählt in „Crossroads“ nun abwechselnd aus den verschiedenen Perspektiven die Ereignisse am 23. Dezember und darüber hinaus. Das ist unfassbar spannend, tiefgründig und zog mich beim Lesen komplett in die USA der 1970er-Jahre.

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27. Dezember 2021

Flimmerkasten: “Emily in Paris”

„Emily in Paris“ Staffel 1 + 2: eine Serie voller Kitsch, Klischees und Haute-Couture

Franzosen und Französinnen, die erst nach 10 Uhr zu arbeiten beginnen, mittags schon Weißwein trinken und die englische Sprache boykottieren: Die Netflix-Serie „Emily in Paris“ trieft regelrecht vor Klischees und Oberflächlichkeit. Auch die Bilder aus der französischen Hauptstadt wirken, als sei ein quietschbunter Instagram-Filter darüber gelegt worden. Paris leuchtet, blüht und sieht aus wie eine märchenhafte Version ihrer selbst. Die raue Realität: Fehlanzeige!

Halte ich zu viel Kitsch gewöhnlich nur sehr schwer aus, ging es mir bei der Serie um Hauptdarstellerin Lily Collins anders. Bereits die erste Folge zog mich wie ein Hurrikan in die Bubblegum-Welt.

„Emily in Paris“ ist Kitsch in Perfektion. Die Serie ist ein wahres Feuerwerk an ästhetisch geschmackvollen Szenen. Die Schauspieler*innen sind durchweg adrett, ihre Kleidung pure Fashion und die Geschichte ist so kurzweilig, dass ein Binge-Watching nur schwer zu verhindern ist. Es ist das beste Kontrastprogramm zu einer pandemiegeplagten Welt.

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30. November 2021

Flimmerkasten: Call my agent

Call my agent: Die vierte Staffel ist ab dem 3. Dezember in der ARD-Mediathek zu finden

Sie betreuen die berühmtesten Schauspieler*innen Frankreichs: In der Serie „Call my agent“ dreht sich alles um eine fiktive Pariser Agentur, deren Mitarbeiter*innen versuchen, für Filmstars lukrative Angebote an Land zu ziehen. Zehn Prozent Provision bekommen die Agent*innen bei erfolgreich abgeschlossenen Verträgen. Deshalb heißt die Serie im Original auch „Dix pour cent“.

Dass von der Vertragsunterzeichnung bis zum letzten Drehtag alles klappt, ist bei den egozentrischen Schauspieler*innen aber oft eine Herausforderung. Eitelkeiten, Sturheit, alte Feindschaften. Die Agent*innen benötigen Nerven aus Drahtseil. Das ist herrlich anzuschauen, unterhaltsam und oft auch spannend.

Nun endlich erscheint die vierte Staffel. Sie ist ab dem 3. Dezember über die ARD-Mediathek abrufbar.

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24. November 2021

Schmöker: “Der Nachtwächter” von Louise Erdrich

"Der Nachtwächter" von Louise Erdrich

„Der Nachtwächter“: Über den Kampf eines Indianer-Stammes um Selbstständigkeit

Bevor gleich irgendjemand aufschreit und mir rassistische Sprache vorwirft: Bis mir „Der Nachtwächter“ von Louise Erdrich in die Hände fiel, hatte ich selbst das Wort Indianer gemieden. Hatte von Ureinwohnern oder Native Americans gesprochen, also die politisch korrekte Bezeichnung gewählt.

Als ich dann vor wenigen Wochen den Roman zu lesen begann, war ich irritiert: In dem Buch, in dem es um die drohende Enteignung von amerikanischen Ureinwohnern in North Dakota geht, wimmelt es nur so vom Ausdruck Indianer.

Ich kam ins Grübeln, klickte mich durchs Netz. Dass der Aufbau-Verlag so unsensibel mit diesem brisanten Thema umgeht, konnte ich mir nicht vorstellen. Vor allem da der Roman mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Also begann ich intensiver zu recherchieren. Was ist nun richtig, was falsch? Dann stieß ich auf einer Seite, die rechtliche Zusammenhänge hinsichtlich Diskrimierungen erklärt, auf folgende Erläuterung:

„Es ist vielmehr der Kontext, in dem der Begriff verwendet wird, entscheidend. (…) Der Begriff Indianer wird im allgemeinen Sprachgebrauch nicht bereits als Herabwürdigung einer Person verstanden, sondern wird vielmehr häufig mit positiven Aspekten wie der Naturverbundenheit oder außerordentlicher Tapferkeit verbunden.“

Okay, es war nun Licht im Dunkel.

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14. November 2021

Schmöker: “Ein Abend mit Stefanie Sargnagel”

Stefanie SargnagelLesung von Stefanie Sargnagel in Karlsruhe

Stefanie Sargnagel ist erwachsen geworden. Ein bisschen zumindest. Statt tagelang verkatert zu sein und sich mit Minimal-Budget durchs Leben zu kämpfen, macht die 32-Jährige nun tatsächlich Sport, geht zur Psychotherapie und trägt an diesem Abend auf der Bühne ganz besondere Ohrringe: zwei Exemplare aus der Schmuckkollektion von Natascha Kampusch. “60 Euro haben sie gekostet”, erzählt sie. Das sei nun drin bei ihrem Erfolg und dem vielen Geld – also gemessen an ihren Verhältnissen. Von einem Leben mit Alkoholproblemen an der Wiener Kunstakademie hin zur erfolgreichen Autorin: “Das ist doch mal eine Geschichte mit Happy End”, resümiert sie zufrieden.

Selbstironisch, sarkastisch, politisch: Es ist ein riesiges Vergnügen, Stefanie Sargnagel dabei zuzuhören, wie sie im ausverkauften P8 in Karlsruhe unter anderem aus ihrem neuen Buch “Statusmeldungen” vorliest, gesellschaftliche Entwicklungen und sich selbst analysiert sowie von ihren Erfahrungen in einem Callcenter berichtet. Das hat Witz, Treffsicherheit und Intelligenz. Weiterlesen »

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10. November 2021

Schmöker: “Brüste und Eier” von Mieko Kawakami

"Brüste und Eier" von Mieko Kawakami

Rezension: “Brüste und Eier”: ein Roman, in dem Männer nur Nebenrollen spielen

Es war mein japanischer Mitbewohner, der mir vom Buch „Brüste und Eier“ erzählte. Bei seinem letzten Heimatbesuch hatte er das Buch von Mieko Kawakami gekauft und mitgebracht. In Japan hatte der Roman vor allem bei konservativen Männern für großen Wirbel gesorgt, aber auch den wichtigsten Literaturpreis gewonnen.

Der Grund für die Aufregung: „Brüste und Eier“ stellt patriarchale Gesellschaftsnormen infrage, beschäftigt sich kritisch mit Schönheitsidealen und damit, wie Frauen ein selbstbestimmtes Leben führen können. Es handelt von der Menstruation, Brust-OPs und der Suche nach einem Samenspender. Männer spielen nur Nebenrollen.

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29. Oktober 2021

Schmöker: “Unterleuten” von Juli Zeh

"Unterleuten" von Juli Zeh

Kritik – “Unterleuten” von Juli Zeh: Sozialromantik ade!

Natur, Ruhe und Zusammenhalt: Geplagte Städter sehnen sich oft ein Leben auf dem Land herbei. Raus aus dem Trubel, rein in die Idylle. Aber Vorsicht. Das Leben im Dorf kann trügerisch sein. Es wird getratscht, beobachtet, analysiert, intrigiert. Welches Auto parkt vor welchem Haus, wer saß bis zuletzt in der Kneipe, wer redete auf der Straße wie lange mit wem?

Juli Zeh gewährt in ihrem Gesellschaftsroman “Unterleuten” einen Blick in genau solch ein Szenario – aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Sie entwirft dadurch ein abwechslungsreiches Zusammenspiel von Alteingesessenen, Zugezogenen, jungen und alten Menschen. Das ist spannend, treffsicher und sehr unterhaltsam. Weiterlesen »

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9. Oktober 2021

Schmöker: “Verzweiflungstaten” von Megan Nolan

"Verzweiflungstaten" von Megan Nolan

„Verzweiflungstaten“ von Megan Nolan: Dieser Roman über eine toxische Beziehung ist eine Wucht!

Cieran ist für sie der schönste Mann auf der Welt. Als die namenlose Ich-Erzählerin ihn in einer Galerie in Dublin sieht, ist sie ergriffen von seinen großen grauen Augen, der Adlernase, seinem engelsgleichen Mund und der enormen Ruhe, die er ausstrahlt. Sie kommen ins Gespräch, treffen sich wieder, beginnen miteinander zu schlafen.

Das klingt zunächst alles romantisch. Doch von Anfang an ist Cieran kalt zu ihr, sprunghaft, unberechenbar. Anstatt sich von ihm zu lösen, ist die Erzählerin aber so bedürftig, dass sie alles mit sich geschehen lässt, Gemeinheiten akzeptiert, nur damit er bei ihr bleibt. Sie schlittern in eine toxische Beziehung, in der es mehr um Macht und Leiden als um ehrliche Liebe geht.

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16. September 2021

Schmöker: „Das Nest“ von Cynthia D’Aprix Sweeney

„Das Nest“ von Cynthia D'Aprix Sweeney

Kritik „Das Nest“ von Cynthia D’Aprix Sweeney: Verdirbt Erben den Charakter?

Es war solch eine beruhigende Aussicht: Mehrere Hunderttausend Dollar sollten die vier Geschwister Melody, Jack, Beatrice und Leo erben – an Melodys 40. Geburtstag. Es sind nur noch wenige Monate, bis endlich das Geld aus dem „Nest“ fließt. Doch Lebemann Leo macht ihnen allen einen Strich durch die Rechnung.

Auf einer Hochzeit bandelt er betrunken und zugekokst mit der 19-jährigen Bedienung Matilda an, schleppt sie in seinen Flitzer, baut einen Unfall – und muss daraufhin eine immense Summe Schmerzensgeld an Matilda bezahlen.

Da Leo soviel Geld selbst nicht hat, öffnet die Mutter heimlich das „Nest“ und gibt ihrem ältesten Sohn einen großen Teil davon. Der Aufschrei in der restlichen Familie ist groß, als es ans Licht kommt. Geplante Projekte stehen auf der Kippe, Lebensentwürfe geraten durcheinander, die vier Geschwister stehen vor ganz neuen Herausforderungen.

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12. September 2021

Flimmerkasten: “Lupin”

Kritik der Netflix-Serie “Lupin”: ein perfekter Meisterdieb!

Er ist ein Gentleman und ein Verwandlungskünstler: Assane Diop (Omar Sy) ist die moderne Version des Meisterdiebes Arsène Lupin – eine Kreation aus dem Jahr 1905, geschaffen vom französischen Schriftsteller Maurice Leblanc. Statt mit Monokel und Zylinder flitzt diese Inkarnation nun in der Netflix-Serie “Lupin” mit bunten Sneakers durch das funkelnde Paris, wortgewandt, mutig und äußerst charmant.

Dass ich der Serie bereits nach wenigen Minuten verfallen bin, ist vor allem Omar Sy zuzuschreiben. Wie bereits bei „Ziemlich beste Freunde“ strahlt er soviel Sympathie aus, dass es eine wahre Freude ist, dem Franzosen bei seinen Abenteuern zuzuschauen. Ihm böse zu sein, wenn er zwielichtige Dinge treibt? Unmöglich! Von der ersten Sekunde an war ich auf seiner Seite.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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