14. November 2018

Heimat: “Ein Nachmittag mit Jehad”

Das ist Jehad.

Und dann war Krieg!

Als Jehad nach tagelangem Verhör in einem Gefängnis in Damaskus frei kam, hatten ihm die Geheimdienstmitarbeiter fast alles genommen. Er besaß kein Handy mehr, keine Schuhe, kein T-Shirt, seine Hose schlackerte. Fast nackt stand er auf der staubigen Straße. „Ich hatte 20 Kilogramm innerhalb kürzester Zeit abgenommen und kaum Kraft mehr übrig“, erzählt er mir an diesem Herbstnachmittag in einem Café in der Karlsruher Weststadt.

Qualvolle Tage lagen hinter dem damaligen Studenten der Telekommunikationswissenschaften. Mit 200 Menschen war er in einem Raum unter der Erde eingesperrt. „Es gab dort kaum Luft zum Atmen“, erzählt er. Nicht alle von ihnen hatten Platz zu sitzen, obwohl sie Wunden am Körper hatten. Fünf der Gefangenen starben in der Zeit, in der sich auch Jehad in dem Raum befand.

Es sind Erlebnisse, die sich tief in sein Gedächtnis gebrannt haben – sie gesellen sich zu den traumatischen Bildern zwei weiterer Gefängnisaufenthalte, die er kurz davor und danach in Syrien über sich ergehen lassen musste. Seine Assoziationen mit dieser Zeit: schmerzhafte Stromschläge, eiskaltes Salzwasser und der Verlust von Nägeln, die ihm Geheimdienstmitarbeiter mit einer Zange ausrissen.

2013 gelang Jehad die Flucht aus Syrien. Über Ägypten kam er nach Libyen, mit dem Boot erreichte er Italien und schaffte es mit dem Zug über Österreich nach München. Ende 2014 landete er in Karlsruhe – und ist geblieben.

Rettungsanker: Cola Taxi Okay

Jehad und ich sind uns 2017 zum ersten Mal in Karlsruhe begegnet. Er schenkte an diesem Sommertag bei Cola Taxi Okay syrischen Kaffee aus. Die Räume der interkulturellen Initiative befanden sich damals noch in der Kaiserpassage, inzwischen sind sie am Kronenplatz. Jehad fiel sofort auf, sein freundliches Lachen, seine runde Brille, die Locken. „Es haben sich in den drei Jahren viele Dinge gefügt – vor allem dank Cola Taxi Okay“, sagt er zu mir und dreht sich dann langsam eine Zigarette.

Angekommen. Der 27-Jährige spricht inzwischen fließend Deutsch, arbeitet im Electric Eel in der Südstadt und in einer Einrichtung für minderjährige Flüchtlinge. Trotzdem: „Es gibt Tage, an denen ich mich verloren fühle“, gesteht er. Wo soll es beruflich hingehen? Ein Studium an der Hochschule für Gestaltung? Eine Ausbildung? Er denkt gerade viel über seine Zukunft nach. Tausende Kilometer getrennt von seiner Familie, seinen Schul- und Unifreunden. Manchmal, sagt er, fühlt er sich alleine, obwohl Menschen um ihn herum sind, es laut und bunt ist.

Verliebt in Damaskus

Aufgewachsen ist Jehad in Al Tal. 150.000 Einwohner leben dort. Als er 15 Jahre alt wurde, zog es ihn oft in das nahe gelegene Damaskus. Ein Musikkurs war zunächst der Hauptgrund, er lernte die arabische Laute – und verliebte sich schnell in die Stadt. „Die uralten wunderschönen Gebäude und geschichtsträchtigen Tempel berührten mich jedes Mal aufs Neue, wenn ich durch die Straßen lief“, erzählt mir Jehad. Für sein Studium kam er mit gepackten Koffern, blieb.

Für Freiheit und Demokratie

Der Arabische Frühling im Jahr 2010 veränderte die Stimmung in Damaskus und im gesamten Land dramatisch. „Wir durften uns auf keinen Fall in der Öffentlichkeit negativ über die Regierung äußern“, sagt der 27-Jährige. Wer lautstark über Baschar al-Assad schimpfte, verschwand oft kurze Zeit später spurlos, tauchte nie mehr auf. Die Angst war ein ständiger Begleiter.

„Ich wollte nicht schweigend zuschauen“, betont Jehad. Sondern für Freiheit, Frauenrechte und Demokratie kämpfen. Er lief deshalb mit bei Demos, die sie an der Universität organisierten, ließ Flugblätter vom Dach fallen. Nur wenige Minuten nachdem die Zettel vom Himmel Richtung Boden schwebten, stand aber die Geheimpolizei da und verprügelte jeden, der nicht rechtzeitig fliehen konnte. Die Überwachung war überall, Jehad hatte nun drei Facebook-Accounts, einen, auf dem er offiziell Pro-Assad-Posts teilte, zwei um sich zu vernetzen. „Wir mussten vorsichtig sein.“

Zerstörung!

Als die ersten Bomben explodierten, sich Gebäude in Schutt und Asche verwandelten, Panzer durch die Straßen rollten, da begann Jehad, mit seiner Kamera durch die Gegend zu ziehen. „Ich wollte den Schrecken dokumentieren, ungefiltert die Realität zeigen“, erzählt er mir. Doch es ging nicht lange gut, die Geheimpolizei sperrte ihn in eine Art Konzentrationslager – mit 40 weiteren Gefangenen. “Es waren unmenschliche Zustände”, sagt der 27-Jährige. Frauen wurden vor den Augen ihrer Ehemänner vergewaltigt. Ein schrecklicher Eindruck nach dem anderen stapelte sich in Jehads Kopf, nahm sein Denken ein. „Damit wenigstens niemand an meine SD-Karte der Kamera mit den Bildern kommt, habe ich sie geschluckt“, erzählt er mir.

Eine Odyssee durch die Welt

Nach 42 Tagen kam er wieder raus, aber zwei weitere Festnahmen folgten. Der Student war danach traumatisiert, traute sich nicht mehr aus dem Haus. „Es geht so nicht weiter, du musst das Land verlassen“, befahl ihm sein Vater. In einer gefährlichen Nacht- und Nebelaktion fuhr er ihn an die Grenze zum Libanon. „Mein Herz hat wie wild geschlagen“, erinnert sich Jehad. Alles ging gut, mit dem Taxi fuhr er weiter nach Beirut. Als er dort ausstieg, überfiel ihn ein Gefühlschaos. „Ich war unendlich erleichtert, aber so traurig, weil ich nun getrennt von meiner Familie war.“ Das war im Februar 2013.

Danach folgte eine Odyssee durch die ganze Welt: Sechs Monate war Jehad in Ägypten, wo er Geld verdiente, 16 Monate in Libyen folgten. Als jedoch auch in Tripolis Bomben explodierten, wurde ihm klar: Ich muss weiter. „Für umgerechnet 1000 Euro bekam ich einen Platz auf einem Boot“, erzählt Jehad dann, seine Stimme wird nun leise. Eine Todesreise. Wie viele Menschen mit ihm insgesamt darauf waren, weiß er nicht genau. Er schätzt zwischen 400 und 500, eingepfercht auf einem Holzgefährt, das lediglich zehn Meter breit und vier Meter lang ist. 48 Stunden lang schipperten sie darauf auf dem Meer – ohne Rettungsweste, voller Angst. Wer mehr bezahlen konnte, saß oben, beschreibt der Syrer. Vor allem Menschen aus Afrika hatten die unteren Plätze. Neun von ihnen starben, bis sie in Lampedusa ankamen. „Es war schrecklich“, sagt Jehad.

Sehnsucht nach der Familie

Ein Zug brachte ihn letztlich nach München. Endlich Frieden, endlich ein sicheres Leben. Doch die Geister in seinem Kopf blieben. „Ich bin nicht so gerne alleine“, sagt Jehad. Was ihm hilft mit all den Erlebnissen umzugehen: das Schreiben von Gedichten. Er trug sie vor wenigen Monaten bei einem Theaterabend bei Cola Taxi Okay vor. Tränen floßen. „Ich vermisse meine Familie sehr“, sagt er. Solange Assad an der Macht ist, kann er aber nicht zurück. Nicht zu wissen, wann er seine Eltern wieder sehen kann, macht ihn unendlich traurig.

Jehad, Jana und Ahmad. Sie sind die Vorsitzenden von Cola Taxi Okay.

Liebe und Schönheit!

Gleichwohl: Jehad ist froh, in Karlsruhe in Sicherheit leben zu können. Er hat viele Freunde gefunden – dank Cola Taxi Okay aus der ganzen Welt. „Ich wurde als Muslim erzogen, aber mein Glaube setzt sich nur aus zwei Bestandteilen zusammen“, sagt er dann zu mir, während er zum letzten Mal an seiner Zigarette zieht.
„Aus Liebe und Schönheit.“

 

Gefühl

Mehr als zwei Jahre schon
und noch immer kämpfe ich mit dem Leben, das so neu ist für mich,

Ich weiß nicht welches Schicksal mich hierher brachte,
(Es ist) Krieg und Revolution
Flucht und Migration,

Eine Sprache, nur von denen verstanden, die jedes Detail von ihr erfahren haben,

Gibt es noch größeren Schmerz als den, den wir in uns tragen?

Gibt es eine schlimmere Krankheit als die Seuche der Nostalgie nach allem was wir verloren?

Hier sind die Steine taub und können nicht sprechen,
Hier werden die Gefühle von Maschinen produziert.
Hier hat jedes Lächeln seinen Preis,
Hier scheinen die Straßen, die Gesichter der Menschen und alles um mich herum so leer (hart) und kalt

In dieser Welt können Bäume nicht singen und Straßen haben keine Lippen um zu sprechen

Jeder scheint mit den Maschinen zu arbeiten jeder dieser fantastischen, betonierten, industrialisierten Zivilisation

Aber welche Bedeutung hat eine Zivilisation ohne Gefühle – ohne Emotionen

Ich erinnere mich an die Tore Damaskus
Dort wo jeder Stein die Geschichte der Liebe erzählt
Wo jeder Jasmin die Geschichte des Krieges erzählt
Dort wo zwischen Straßen und Häusern unsere Freunde warten

Wo der Geschmack des Cafés meiner Mutter sich mischt mit Fairuz Liedern
Wo die Straßenverkäufer umher eilen
Nichts in dieser neuen Gegend fühlt sich an wie Liebe.

Nichts

Jehad Othman

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One thought on “Heimat: “Ein Nachmittag mit Jehad”

  1. Angelika Steffen sagt:

    Lieber Jehad,

    von Herzen Dank, ich durfte dich umarmen, mit dir reden,planen und lachen.
    Du bist wie ein leutender Stern am Himmel, ein Geschenk, eine wertvolle Bereicherung, danke, ich durfte und darf dir begegnen.
    Angelika

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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