27. Oktober 2019

Flimmerkasten: “Ich war noch niemals in New York”

Böse Kombination: Udo Jürgens + Musicals

Die Warnlichter blinkten rot, knallrot. Ein Musical-Film mit Songs von Udo Jürgens.

Musicals.

Udo Jürgens.

Eigentlich zwei Gründe für mich, um schreiend davonzulaufen.

“Starlight Express” hat mich verdorben

Mein Musical-Trauma begann bereits in der achten Klasse. Damals ging es anlässlich eines exklusiven Ferienprogramms zu „Starlight Express“. Es war wenige Tage nach dem Tod von Lady Di – und meine Freundinnen und ich saßen auf der Rückbank des Reisebusses, blätterten durch die „Bravo“, sahen die zu Tränen rührende Berichterstattung und standen dem armen William in Gedanken bei.

Wenige Stunden später hätte ich dringend Beistand benötigt. „Starlight Express“. Das bedeutete: Zwei Stunden und 40 Minuten singende Darsteller auf Rollschuhen, grellleuchtende Lichter – und eine Geschichte, an die ich alle Erinnerungsfetzen aus dem Kopf geworfen habe. Es war schlichtweg eine Qual, ich rutschte auf dem Samtsitz hin und her, zählte die Minuten. Als ich den Saal verließ, wusste ich genau: Das wars. In ein Musical möchte ich nicht mehr gehen.

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27. Januar 2019

Flimmerkasten: “Capernaum – Stadt der Hoffnung”

Herzreißend und voller Wucht: Capernaum – Stadt der Hoffnung

Es ist der schräge Kakerlaken-Mann aus dem Freizeitpark, der in „Capernaum – Stadt der Hoffnung“ einen minikurzen Moment lang für Humor sorgt. Der ältere Herr im rosa Ganzkörperkostüm setzt sich im Bus zu dem zwölfjährigen Zain, der verzweifelt und planlos raus aus Beirut möchte. Mutterseelenallein. Nur einen blauen Müllsack hat er bei sich, in den er sein Hab und Gut gestopft hat. Etwas zum Anziehen, ein paar Geldscheine, sonst nix. Seine Eltern prügelten ihn zuvor aus der Wohnruine, als er seine jüngere Schwester beschützen wollte. Der Kakerlaken-Mann zeigt Interesse an Zain, fragt ihn, wohin die Reise geht, erklärt ihm scherzhaft, er sei der Cousin von Spiderman. Zain spürt die Wärme und folgt dem Mann in den Freizeitpark voller bunter Lichter und Fahrgeschäfte.

Diese Leichtigkeit, sie ist eine kostbare Rarität in dem libanesischen Film, der für den Oscar 2019 als bester nicht-englisch-sprachiger Film nominiert ist. Ansonsten ist das Werk von Regisseurin Nadine Labaki tieftraurig. Denn selbst in dem trubeligen Freizeitpark trifft Zain schnell wieder auf Menschen, die schwer vom Schicksal gebeutelt sind. „Das Leben ist die Hölle“, sagt er gegen Ende des Films. Und man kann ihm, nach all dem was vorausging, nur zustimmen.

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19. Januar 2019

Flimmerkasten: “Roma”

Ein wunderbarer Film: “Roma”

Wie eine Meereswelle, die am Ende ihrer Reise am Strand aufschlägt, schwappt das Putzwasser über den Plattenboden in der Hofeinfahrt. Mit Schwung und Dynamik platscht es vor und zurück, der Schaum schlägt kleine und große Blasen. In der Spiegelung des klaren Wassers taucht plötzlich ein Flugzeug auf, es zieht am Horizont seine Bahnen.

Bereits die ersten Minuten von „Roma“ sind voller Ästhetik. In Schwarz-Weiß-Bildern erzählt der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón, der für „Gravity“ bereits einen Oscar erhielt, die Geschichte des Kindermädchens, mit dem er aufwuchs – in Roma, einem Stadtteil von Mexico-City in den 1970er-Jahren. „Für Libo“ steht im Abspann, im Film heißt die tapfere und liebevolle Frau Cleo.

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26. November 2018

Schmöker: “Die Stunden” von Michael Cunningham

Wunderbar: „Die Stunden“ von Michael Cunningham

Es war ausgerechnet ein Abend mit Netflix, der mich zum Roman „Die Stunden“ von Michael Cunningham brachte. Wahllos hatte ich nach einer unkomplizierten Unterhaltung gesucht und war so auf den Film „The Hours“ gestoßen. 97 Prozent Übereinstimmung mit meinen Interessen, hatte der Streaming-Dienst errechnet. Okay. Der Algorithmus muss es ja wissen. Ich klickte auf Play – ohne eine Ahnung zu haben, was auf mich zukommen wird.

Innerhalb nur weniger Minuten wusste ich bereits: Perfekt, das ist genau meins. Drei Geschichten von drei Frauen, die in unterschiedlichen Jahrzehnten und an unterschiedlichen Orten leben, aber alle über eine Gemeinsamkeit miteinander verbunden sind – über “Mrs Dalloway” von Virgina Woolf. Weiterlesen »

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13. Februar 2018

Flimmerkasten: “Three billboards outside Ebbing, Missouri”

Ein fantastischer Film, der weh tut

Vergewaltigt, als sie starb. Und immer noch keine Verhaftungen. Wie kann das sein, Chief Willoughby?

Drei Sätze, festgehalten in großen schwarzen Buchstaben auf knallrotem Hintergrund: Die drei Werbetafeln kurz vor der Ortseinfahrt der Kleinstadt Ebbing sind an den örtlichen Sheriff gerichtet. Mildred Hayes (Frances McDormand) hat sie für ein Jahr lang angemietet und mit der anklagenden Schrift versehen. Die drei Mahnmale stehen genau dort, wo sieben Monate zuvor ihre Tochter vergewaltigt und ermordet wurde. Mildred ist wütend: auf die Polizei, die scheinbar nicht genug tut, auf ihren Ex-Mann, aber auch auf sich selbst.

“Three billboards outside Ebbing, Missouri” von Regisseur Martin McDonagh ist ein eindringlicher und aufwühlender Film, der bis ins kleinste Detail perfekt durchdacht ist: von der Szenerie, der Wahl der Schauspieler und der Sprache. Es ist ein sehenswertes Sozialdrama, bei dem an manchen Stellen das Hinschauen aber ganz schön weh tut. Weiterlesen »

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13. Januar 2018

Flimmerkasten: “La Mélodie – Der Klang von Paris”

Sozialprojekt mit Geigen

Der Ton untereinander ist rau, die Stimmung explosiv. Als Musiker Simon Daoud an eine Pariser Brennpunktschule kommt, um einer Klasse Geigenunterricht zu geben, stößt er schnell an seine Grenzen. Anstatt zuzuhören, kommentieren die Schüler alles mit wenig Interesse, beleidigen sich gegenseitig – und auch Simon Daoud bekommt die Häme ab, so sehr, dass er sich bereits nach wenigen Schulstunden verliert. Das Ziel, an der Philharmonie in Paris ein Konzert zu geben, scheint unerreichbar.

„La Mélodie – Der Klang von Paris“ erzählt auf sehr realistische und einfühlsame Weise von einem Projekt an einer Schule in einem Banlieue in der französischen Hauptstadt. Die Geschichte, hinter der der Regisseur Rachid Hami steht, ist fiktiv, wirkt aber wohl deshalb so authentisch, weil es tatsächlich solch ein Projekt in Paris gibt. Und: Die Schüler, zwischen 12 und 13 Jahre alt, sind keine Schauspieler, sondern wurden extra für den Film in Pariser Schulen ausgesucht.

Besonders Alfred Renely, der den begabten und sensiblen Arnold spielt, sticht hervor. Allein ihm dabei zuzusehen, wie er über den Dächern von Paris mit Geduld, Konzentration und Hartnäckigkeit das Geigenspielen lernt, ist es wert, in diesen Film zu gehen. Weiterlesen »

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19. Dezember 2017

Flimmerkasten: “Aus dem Nichts”

NSU-Drama: Langweile kommt keine auf!

Hmmm. Hin- und hergerissen sitze ich beim Abspann von „Aus dem Nichts“ in meinem Kinosessel. Mit einem großen Wumm endet der neue Film von Fatih Akin – und auch die 106 Minuten davor sind voller Dynamik und Spannung. „Aus dem Nichts“ berührt, erschüttert und lässt mich am Ende erschlagen und nachdenklich zurück.

Doch, irgendwie, so ganz rund ist der Film zunächst nicht für mich. An einigen Stellen bin ich sehr irritiert, vor allem deshalb, weil in meinem Kopf ständig der Vergleich mit dem tatsächlichen NSU-Geschehen abläuft. Regisseur Fatih Akin hat die Parallelen auch bewusst gesetzt. Im Abspann erinnert er nochmals an die Untaten von Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Weiterlesen »

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7. November 2017

Flimmerkasten: “Die Unsichtbaren”

Ein berührender Film!

Sie flitzen. 1943 machen sich 7.000 Juden in Berlin unsichtbar. Sie verlassen ihre Wohnungen, entfernen ihren gelben Stern von den Mänteln, übernachten bei Bekannten oder auf der Straße. 1945 haben 1.500 von ihnen überlebt – vier von ihnen erzählen in dem Film „Die Unsichtbaren“ ihre Geschichte. Das ist unfassbar spannend und bewegend.

Regisseur Claus Räfle schafft es, mit einer Mischung aus Dokumentation und Spielfilm den Blick auf die Mutigen im Dritten Reich zu lenken. Völlig überwältigt sitze ich am Ende in meinem Kinosessel – berührt von all der Menschlichkeit, die es vereinzelt abseits der Linientreue doch noch gab. Weiterlesen »

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9. Oktober 2017

Flimmerkasten: “Körper und Seele”

Die Welt steht still

Es ist der Moment, in dem Mária (Alexandra Borbély) in ihrer Wohnung auf die Taste des CD-Players drückt, die Stimme von Sängerin Laura Marling erklingt und die Kamera langsam durch das Zimmer wandert, an einer ausgefallenen roten Deckenleuchte hängen bleibt, verharrt. In diesem Moment bleibt für mich die Welt kurz still stehen: die Musik, die Bilder, die Stimmung, ich bin verzaubert, der Film “Körper und Seele” zieht mich komplett in seinen Bann. Weiterlesen »

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23. Januar 2017

Flimmerkasten: “La La Land”

Kein Fan von Musicals

Nach etwa 30 Minuten „La La Land“ hatte ich wenig Hoffnung, dass ich diesen Film bis zum Ende sehen kann. Dieser überdrehte und knallbunte Bilder- und Soundmix machte mich in der ersten Hälfte fix und fertig.

Aber: Als Jazzpianist Seb (Ryan Gosling) Mia (Emma Stone) dann mit in eine Bar nimmt, ihr seine Lieblingsmusik näher bringt und ihr von seinem Traum erzählt, selbst einen Jazz-Club eröffnen zu wollen, fängt sich die Hollywood-Romanze einigermaßen. Auch dank John Legend, der auftaucht. So blieb ich sitzen. Nur: Musicals sind einfach nicht meins, daran ändert nun auch „La La Land“ nichts – trotz zahlreicher positiver Kritiken und einer großen Preisflut. Weiterlesen »

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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