13. Juni 2013

Schmöker: “Die hellen Tage”

helle

“Schicksal oder Zufall – was bestimmt unser Leben? Was macht uns zu dem, was wir als Erwachsene sind?” Allein diese zwei Sätze auf dem Buchrücken von “Die hellen Tage” genügten. Gekauft. Wieviel Freiheit habe ich in meinem Handeln, wieviel Determinismus ist vorhanden? Bereits in der Schule diskutierte ich mit Religionslehrern heftig darüber, was das Leben ausmacht. Vorlesungen später an der Uni in Entwicklungspsychologie liebte ich. Aber auch das “Kartengeheimnis” von Jostein Gaarder und Yann Martels “Schiffbruch mit Tiger” brachten mich zum Nachdenken.

Und nun also “Die Hellen Tage”. Sehr schwer tat ich mir damit am Anfang. Die Sätze sind lang, verschachtelt. Nach dem gradlinig geschriebenen “Lola Bensky” fluchte ich oft. Konzentration war notwendig.

Beispiel: “Wir müssen uns im Sommer begegnet sein, im Sommer, der Aja umgab, als gehöre er ihr, als gehörten sein Licht, sein Staub, seine langen hellen Abende ihr, und durch den sie sich ohne Jacke und Schuhe, mit einem gelben Hut, den sie im Schrank ihrer Mutter gefunden hatte, bewegte wie durch ein großes, lichtes Haus, dessen Zimmer ohne Türen ineinanderliefen.”

Puuh. Aber ich las weiter.

Die Geschichte spielt in Kirchblüt, einem Dorf in der Nähe von Heidelberg. Dort leben Seri, Aja und Karl mit ihren Müttern. Alle haben sie bereits früh Leid und viel Kummer erfahren. Seris Vater starb, als sie noch ganz klein war. Karls jüngerer Bruder Ben wurde entführt, seine Eltern, die vorher schon getrennt waren, zerbrechen daran. Und Aja muss nach jedem Sommer Abschied nehmen. Sie stammt aus einer Artistenfamilie. Mit ihrer Mutter Évi lebt sie nun am Rande von Kirchblüt in einem kleinen, klapprigen Haus mit schrägen Wänden, undichten Fenstern, aber mit zahlreichen Blumen, buntem Porzellan und viel Liebe. Ein wenig musste ich bei der Beschreibung an die Villa Kunterbunt denken. Ihr Vater Zigi, an dem sie sehr hängt, kommt nur über den Sommer nach Kirchblüt, danach fährt er über den Ozean zurück zu seinem Wanderzirkus. Es geht um Heimat, Verlustangst, aber auch die Stärke der Freundschaft.

Noch die ersten 100 Seiten waren ein wenig mühsam. Abends hatte ich zuerst gar keine Lust dazu, mir das anzutun, irgendwie fehlte auch der richtige Spannungsbogen. Aber Seite für Seite gewöhnte ich mich mehr an die Sprache und dann sprang der Funke plötzlich völlig über. Ich saß am Samstagnachmittag auf meinem Bett, das Buch in der Hand, und hatte das Gefühl, mit den drei Kindern in Kirchblüt vor dem schrägen Haus zu sitzen, mit ihnen im See zu baden oder mit Aja auf der Schlittschuhbahn über das Eis zu gleiten.
Zsusa Bánk schafft es, mit ihren detaillierten Beschreibungen und den wahnsinnig schönen Sätzen, den Leser förmlich in das Buch zu ziehen, ihn teilhaben zu lassen, an dem Kummer, den Ängsten, aber auch den schönen Momenten. Irgendwann konnte ich davon nicht mehr genug haben, das Buch machte mich glücklich und süchtig zugleich. Sowas ist mir selten passiert. In den vergangenen Tagen habe ich jede freie Sekunden gelesen, war in Gedanken ständig in Kirchblüt und dann in Rom, wo in der zweiten Hälfte des Buchs die Handlung größtenteils spielt.

Es ist Aja, die mir so sehr ans Herz wuchs. Auch bei ihr flitzen ständig die Gedanken hin und her, auch sie spricht als Kind viel zu schnell, aus Angst, dass sie die vielen Dinge in ihrem Kopf nicht loswerden kann. Wie gut ich sie verstehe.

Ich habe mich schrecklich in das Buch verliebt. Vor allem im letzten Drittel nimmt auch die Dynamik zu. Dinge, die in der Vergangenheit unausgesprochen oder verdrängt blieben, bringen die Leben von Seri, Aja, Karl und ihren Müttern gehörig durcheinander. Das Leben ist unberechenbar und verrückt. Ob es nun Zufall oder Schicksal ist? Ich glaube fest an letzteres.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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